Dieser kleine Robotor bringt dir deinen Burger

Ein kleiner Lieferroboter zuckelt im Schritttempo durch Hamburg und bringt Burger zum Kunden. Wir haben uns angeschaut, was bei so einer Fahrt alles passieren kann.

Als 6D88 an diesem Tag durch Hamburg rollt, geben viele Menschen ihre hanseatische Zurückhaltung auf. Ein Rentner bleibt stehen, fragt, was das „nur wieder Neues“ sei. Ein Autofahrer fährt kopfschüttelnd vorbei. Zwei Hermes-Kuriere schauen grimmig von ihrem Lieferauto zur neuen Konkurrenz hinüber. Was sie sehen? Ein rund 70 Zentimeter langes und 55 Zentimeter breites Faszinosum auf sechs Rädern.

Geht es nach den großen Logistikfirmen, geschieht die Warenlieferung in Zukunft teilweise automatisiert. So testen Amazon, Google und die Deutsche Post bereits Drohnen, während Hermes und Media Markt auf die Roboter von Starship Technology setzen – und damit auf 6D88. Derzeit bringt das Startup seine Modelle in mehreren US-Staaten, London und Tallinn auf die Straßen. Und eben in Hamburg, wo 6D88 für den Essenszusteller Foodora im Einsatz ist.
Bis zu 16 Kilometer pro Stunde soll der Roboter fahren können. Theoretisch, in Hamburg zuckelt er in Schrittgeschwindigkeit durch die Gegend, so will es der Gesetzgeber. Außerdem verlangt er aktuell noch, dass ein menschlicher Aufpasser die Maschine begleitet. Im Fall von 6D88 ist das der Werkstudent von Starship Technologies, Jan Werum. Wann sich hier die Vorgaben ändern: unklar. 6D88 muss sich erst bewähren.

Gesteuert wird der Roboter von Estland aus

In der Hansestadt hat Starship Technologies ein Büro im hippen Schanzenviertel. Hier holt Werum den Roboter ab und geht mit ihm zu einem Burgerladen 200 Meter weiter, der bei dem Test mitmacht. Das Gerät kann der Student nicht selbst bedienen, das macht ein Kollege in Tallinn. „Wenn der Roboter eine Strecke kennt, kann er sie autonom fahren“, sagt Werum. Dafür ist die Maschine mit neun Kameras, Abstandssensoren, Richtungs- und Beschleunigungsmessern sowie einem GPS-System ausgestattet. Bei unbekannten Strecken übernimmt der Operator in Estland.

Als eine Bestellung auf Werums Handy erscheint, setzt der sich ein Headset auf. Auf Englisch gibt er dem Kollegen durch, dass der Roboter jetzt beliefert wird – und rund 1.400 Kilometer nordöstlich aktiviert dieser das Gerät. Leise surrend öffnet sich eine Ladeklappe. Ein Restaurant-Mitarbeiter legt einen verpackten Burger ins Innenfach, dann schließt sich der Deckel. Jetzt kann es losgehen: zum Co-Workingspace Betahaus, direkt neben dem Büro von Starship Technologies, wo ein Kunde auf sein Mittagessen wartet.

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Der Roboter fährt bis zur Ampel, die gerade rot ist. Ruckartig bleibt er an der Bordsteinkante stehen. Als es grün wird, schaut die Maschine weder nach links noch nach rechts – das übernimmt der Operator durch die Kameras. 6D88 setzt sich wieder in Bewegung, vorsichtig rollt er über die Straße. Werum folgt ihm in rund zwei Metern Abstand. Ein kleiner Junge läuft der Maschine in den Weg. 6D88 stockt. Dann fährt er sehr langsam an dem Kind vorbei. Auch an Ausfahrten hält er an. An Kanten treiben ihn rasselnd die Hinterräder nach oben. Fahrradwege und Straßen meidet 6D88, er hält sich strikt an Gehwege. Während er zügig vorankommt, wird sein Begleiter oft aufgehalten. Passanten sprechen ihn an, stellen Fragen. 40 bis 50 Menschen seien es am Tag, erzählt Werum. Meistens antwortet er geduldig. Doch jetzt hat er es eilig. Einem Radfahrer ruft er zu: „Ich würde wirklich gerne mit Ihnen reden, aber wir haben eine Essensauslieferung, die nicht kalt werden darf.“

Derzeit beschäftigt der Roboter mehr Menschen, statt sie zu ersetzen

Fast alle Fragen seien unkritisch, erzählt Werum. Aber ab und zu kämen auch skeptische Einwände. Ob der Roboter jemanden anfahren könne beispielsweise. Die Antwort des Studenten: „Mit den Abstandssensoren erfasst er Hindernisse und stoppt schnell.” Bei Spitzengeschwindigkeiten von sechs Stundenkilometern brauche er 30 Zentimeter, um zum Stillstand zu kommen – ein relativ kurzer Bremsweg.

Oft wollten die Leute auch wissen, ob man den Roboter klauen könne, erzählt der Student. Seiner Meinung nach sei das schwer. Die Maschine schlägt Alarm, wenn sich jemand daran zu schaffen macht. Und ist der Roboter in der Lage, Menschen auszuspionieren? Er nehme nur in einer bestimmten Höhe auf – Gesichter von Erwachsenen interessierten ihn nicht, so Werum. Möglich ist aber durchaus, dass der Roboter Kinder oder Hunde versehentlich filmt.

Nimmt 6D88 Menschen den Job weg? Er werde nur zu Stoßzeiten eingesetzt, wenn viele Bestellungen eingingen oder bei sehr schlechtem Wetter, sagt Werum. Regen könne das Gerät ab. Es ist nur als Ergänzung zum Menschen gedacht. Das erscheint auch wahrscheinlich. Zwar betont Werum immer wieder, dass 6D88 selbstständig fahren könne. Allerdings spricht der Student dafür erstaunlich oft mit dem Operator in Tallinn.

Derzeit beschäftigt der Roboter also Menschen, statt sie zu ersetzen – auch wenn das in ein paar Jahren anders aussehen mag. Nach etwa zehn Minuten kommt 6D88 vor dem Betahaus an und platziert sich mit dem Hinterteil zur Tür – seine Warteposition. Sekunden später eilt ein Mann herbei. Zielstrebig tippt er einen Code auf seinem Handy ein, woraufhin die Ladeklappe des Roboters aufspringt. „Alles recht selbsterklärend“, findet der Kunde. Ein unkomplizierter Auftrag für 6D88 und seinen Begleiter.

Herbert Kotzab, der Logistikmanagement an der Universität Bremen lehrt, ist sich nicht sicher, ob die Technik bald autonom unterwegs sein wird: „Ich rechne nicht damit, dass morgen oder übermorgen eine Menge Roboter draußen herumfahren.” Dadurch steige die Unfallgefahr: „Das Problem sind nicht die Roboter, es sind die Menschen“, erläutert der Professor. Sie würden die Geräte schnell übersehen. Außerdem wird die Technik seiner Ansicht nach nur auf breiter Ebene eingeführt, wenn sie eine Kostenersparnis für den Kunden bietet. Das sei zur Zeit nicht zu erkennen.

In zwei Fällen sieht Kotzab allerdings Potenzial für die Roboter: in geschützten Räumen wie in Fabriken. „Hier können die Maschinen Botengänge erledigen, ohne den Verkehr zu gefährden.” Außerdem werde es Bedarf für autonome Technik geben, wenn Autos aus Umweltgründen aus Innenstädten verbannt würden.

Für Foodora hat sich der Einsatz des Roboters jetzt schon gelohnt. Leuchtend prangt das pinke Fähnchen des Startups an ihm. Auch wenn 6D88 noch unselbstständig daherkommt, ein guter Markenbotschafter ist er.

Über den Roboter
6D88 ist ein Roboter der Firma Starship Technologies aus Tallinn und London, gestartet 2014 von den Skype-Gründern Ahti Heinla und Janus Friis. Er soll Gegenstände in einem Umkreis von zwei Kilometern innerhalb von 15 bis 45 Minuten ausliefern. Während der Fahrt kann er die Temperatur der Speisen konstant halten. Einen Euro pro Fahrt soll der Service für Kunden irgendwann mal kosten.

Dieser Text erschien zuerst im neuen NGIN-Mobility-Printheft. Hier geht es zum Magazin!

Bild: Chris Marxen für NGIN Mobility

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