Vom erfolgreichen Startup zur Krisen-Airline

Steiler Start und dann die harte Bruchlandung. Diesen Freitag startet der letzte Flug von Airberlin. Dann endet die Ära der Schoko-Herzen-Airline. Ein Rückblick.

In dieser Woche sollen die letzten Entscheidungen über die Zukunft der insolventen Fluggesellschaft Airberlin fallen. Das Unternehmen hat vor knapp 40 Jahren als erfolgversprechendes Startup begonnen und rutschte immer tiefer in die Krise. Die Stationen eines Aufstiegs und Niedergangs: 

Der Gründer

In der traditionellen deutschen Wirtschaft gibt es nur wenige Unternehmer mit Startup-Genen. Einer von ihnen ist Joachim Hunold, der Gründer von Airberlin. Er verfolgte drei Prinzipien: Neues schaffen, etablierte Märkte zerstören und eine Nische besetzen. Hunold scheiterte mit dem Jurastudium, schlug sich mit Roadie- und Kellner-Jobs in Düsseldorf durch, erwarb eine Hobbypilotenlizenz und machte beim damaligen Ferienflieger LTU eine bescheidene Karriere. Dort geriet er mit den Chefs aneinander – schmiss hin und nahm sich vor, die Luftfahrtindustrie neu zu erfinden.

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Die Anfänge

Hunold startete mit zwei Flugzeugen den Mallorca-Shuttle, was damals für großes Kopfschütteln in der etablierten Luftfahrtbranche sorgte. Die Gesellschaft war in den USA lizenziert, weil westdeutsche Flieger im damals geteilten Berlin nicht landen und starten durften. 1979 hob die erste Maschine in Tegel ab. Die Angebote, für kleines Geld in die Sonne zu fliegen, sollten lange Zeit Markenzeichen der Airline sein, die damals überwiegend von fünf kleinen westdeutschen Flughäfen operierte. Airberlin spezialisierte sich auf Ziele rund um das Mittelmeer.

Die Wende

Der Fall der Mauer und das Ende des Alliiertenstatus von Berlin ließ Airberlin wachsen. Die rotweißen Jets durften jetzt auch in Berlin starten und landen. der Flughafen Tegel entwickelte sich neben Düsseldorf zum wichtigsten Drehkreuz des Unternehmens.

Erste Stadtflüge

Ab 2002 weitet Air Berlin seinen Fokus auf und bietet auch Städteflüge zu europäischen Zielen an. Air Berlin wächst und kauft 2004 ein Viertel der Airline Niki.

Der Börsengang

Holprig ging Airberlin 2006 an die Börse. Der erste Versuch ging schief. Der Börsengang wurde zunächst verschoben, weil der Aktienkurs zu hoch angesetzt war, klappte dann aber mit einem niedrigeren Kurs und einer entsprechend niedrigeren Marktkapitalisierung, die mit 510 Millionen Euro deutlich unter dem angestrebten Wert lag.

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Aufstieg

Airberlin wollte Marktanteil gewinnen und kaufte Mitbewerber auf: Es ging los mit der deutschen Gesellschaft Deutsche BA. Zusammen kam man auf knapp 20 Millionen Passagiere. 2007 wurde die Marke eingestellt. Im gleichen Jahr übernahm Airberlin den Ferienflieger LTU (böse Zungen sagen augenzwinkernd, das sei Hunolds Rache für die Schmach der frühen Jahre gewesen). Der Zukauf öffnete die Möglichkeit, Interkontinentalflüge anzubieten. Die geplante Übernahme der Condor platzte. Fusionsverhandlungen mit TUIfly folgten, was allerdings nur zu einer strategischen Allianz führte – und 2010 zu einem teuren langjährigen Leasingvertrag für 14 Jets samt Besatzung.

Niedergang

Die teuren Zukäufe lassen Air Berlin von 2008 an in die roten Zahlen rutschen. Ein Sparprogramm startet. Hunold tritt 2011 ab. Der ehemalige Bahnchef Hartmut Mehdorn übernimmt das ins Trudeln geratene Unternehmen. Die Vereinigten Arabischen Emirate, die in Europa Zubringer für ihr Drehkreuz Dubai suchen, erhöhen den Anteil der Staats-Airline Etihad an Air Berlin auf knapp 30 Prozent. Sie wird damit größter Anteilseigner an Airberlin.

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Alles auf Pump

Das Geld vom Golf macht Airberlin nur kurzzeitig liquide. 2015 belaufen sich die Verluste auf knapp 500 Millionen Euro. Ein Rechtsstreit im Jahr 2016 über die Zulässigkeit von Codeshare-Flüge – also unterschiedliche Flugnummern für den gleichen Flug – endet für das Unternehmen glimpflich. Trotzdem bessert sich die Finanzlage nicht. Das Unternehmen kündigt massive Einschnitte an, will 1.200 der 8.600 Stellen streichen. Im Einsatz sind nur noch geleaste Maschinen. Lufthansa mietet etwa 40 Jets samt Besatzung von Airberlin. Der letzte Chefwechsel zum Februar 2017 wird geradezu programmatisch. Lufthansa-Manager Thomas Winkelmann übernimmt vom glücklosen Stefan Pichler.

Der Shitstorm

Als Airberlin Anfang 2017 in Berlin-Tegel in einem Hauruck-Verfahren den Bodendienstleister wechselte, brach dort die Flugabfertigung zusammen: Flüge starteten verspätet oder fielen aus, Koffer verschwanden. In den sozialen Netzwerken brach ein Shitstorm aus, der die Reputation des nun auch offenkundig in die Schieflage geratenen Unternehmens in den Abgrund riss und das Kundenvertrauen zerstörte.

Das Finale

Die Verbindlichkeiten summieren sich Mitte 2017 auf 1,9 Milliarden Euro. Gespräche mit TUIfly über eine gemeinsame Touristik-Sparte scheitern. Winkelmann führt das Unternehmen im August 2017 in die Insolvenz, nachdem Etihad dem Unternehmen den Geldhahn zugedreht hat. Ein Notkredit des Bundes über 150 Millionen Euro kurz vor der Bundestagswahl soll verhindern, dass Bilder von gestrandeten Air-Berlin-Kunden um die Welt gehen. Der Flugbetrieb wird auf diese Weise zunächst sichergestellt.

Das Filet

Die Lufthansa hat die Übernahme großer Teile der Airberlin angekündigt und zahlt dafür 210 Millionen Euro. Offen war zwei Monate nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens bis Redaktionsschluss, welche Unternehmensteile an den Billigflieger Easyjet gehen werden, wie viele Mitarbeiter in eine Transfergesellschaft wechseln können und wer die Techniksparte sowie die Frachttochter des insolventen Unternehmens erhalten wird. Mit dem Lufthansa-Deal wechseln weitere 20 Flugzeuge an die Kranich-Airline, so dass diese Branchenberichten zufolge dann 81 der zuletzt 130 Flugzeuge besitzen wird.

Der Wettbewerb

Werden Tickets teurer, weil ein Wettbewerber vom Markt verschwindet? Ein Lufthansa-Manager spricht in einem Interview von einer gestiegener Nachfrage von und nach Berlin. Er versichert aber, das Preismodell ändere sich nicht und die Monopolsituation führe zu keiner Verteuerung der Ticketpreise. Doch die Konkurrenz schläft nicht: So kündigte die Fluggesellschaft Luxair am Montag an, wöchentlich 18 Mal zwischen Tegel und Saarbrücken zu fliegen – eine alte Air-Berlin-Strecke. Die Ticketpreise sollen bei 149 Euro beginnen.

Allerdings: In der Sommersaison 2017 sind die Preise für günstige Flugtickets noch einmal gefallen, begleitet durch einen massiven Ausbau der Billigflieger in Deutschland, heißt es im aktuellen Low Cost Monitor des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Danach verzeichnet der günstige Flugverkehr ab Deutschland ein deutliches Plus von 14,8 Prozent von 700 auf jetzt insgesamt 802 Strecken. Die ermittelte Preisspanne ist in diesem Herbst auf einen Tiefststand von rund 35 bis 97 Euro gefallen nach 40 bis 105 Euro im Herbst 2016 und 45 bis 115 Euro im Herbst 2015.

Bild: Gettyimages /MAJA HITIJ

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