Kehrtwende nach dem iCar: Die neue Offenheit von Apple

Bislang galt Verschwiegenheit als höchste Pflicht der Apple-Angestellten. Doch das ändert sich, jedenfalls wenn es um Künstliche Intelligenz geht. Warum?

Ist Geheimniskrämer Apple der neue Kommunikator im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI)? Man kann diesen Eindruck gewinnen, nachdem der oberste Konzern-Forscher für Künstliche Intelligenz, der KI-Professor Russ Salakhutdinov, bei einem Lunch mit Fachkollegen über aktuelle Themen plauderte. Das Essen fand am Rande der Konferenz NIPS statt. NIPS steht für „Neural Information Processing Systems“ oder übersetzt: „Neuronale Informationsverarbeitungssysteme“. Sechs Tage lang konferierten Experten für Künstliche Intelligenz im kalifornischen Long Beach.

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Anscheinend sind bei Apple neue Zeiten angebrochen. Zwar war das, was Salakhutdinov den Fachmedien zufolge sagte, so neu nicht, wie mancher Bericht glauben machte. Die News steht schon seit Mitte November frei zugänglich im Netz – als Studie zweier Apple-Informatiker, über welche die Nachrichtenagentur Reuters unter der Schlagzeile „Apple-Wissenschaftler legen Forschungen zum selbstfahrenden Auto offen“ als erste berichtet hatte.

Aber dass Apple-Angestellte überhaupt ungestraft etwas öffentlich sagen, ist beachtenswert. In dem Papier wird die neue Technologie erklärt, die dabei hilft,  Fußgänger und Radfahrer besser zu erkennen – selbst unter schlechten Bedingungen, wenn etwa Regentropfen auf dem Radarsensor haften. Zudem können Computer die Technologie durchgängig selbst trainieren und damit intelligenter werden. Die neue Apple-Technologie übertreffe herkömmliche Lidar-basierte dreidimensionale Detektionsmethoden mit großem Vorsprung.

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Herkömmliche Lidar-Sensoren, mit denen selbstfahrende Autos ihre Umgebung scannen, liefern den Experten zufolge oft nur schwache Bilder in einer niedrigen Auflösung. Ihre VoxelNet-Technologie dagegen mache dreidimensionale Objekte deutlicher sichtbar, so die Apple-Informatiker. Neu sei, dass es sich um ein Erkennungsnetzwerk handelt, das nicht manuell mit handgefertigten Merkmalsdarstellungen gefüttert werden muss.

Autoprojekt still eingestellt

Apple hatte immer ein großes Geheimnis um sein Autoprojekt gemacht. Selbst kleinste Informationen wurden als Indiz für das häufig iCar genannte Fahrzeug gesehen. Etwa im April 2017. Da nämlich hat die kalifornische Verkehrsbehörde DMV Apple in den heiligen Gral der damals etwa 30 Unternehmen aufgenommen, die selbstfahrende Autos auf Straßen testen dürfen. Das wurde in der Zunft der Kaffeesatzleser als Indiz dafür gehandelt, dass die Testphase des iCar bevorstehe, was sich dann aber als Irrtum herausstellte.

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Die Liste ist mittlerweile auf mehr als 40 Firmen gewachsen, darunter Auto- und IT-Konzerne, Startups und Zulieferer. Zuletzt wurde der Uber-Konkurrent Lyft eingetragen. Längst nicht alle diese Firmen bauen Autos oder beabsichtigen das. Allem Anschein nach hegt Apple – ähnlich wie Google – solche Pläne nicht (mehr). Denn diese Konzerne sehen mehr Potenzial in der Entwicklung der dafür nötigen Software und dem Aufbau lukrativer Plattformen. Wie die Hardware gebaut wird, ist schließlich seit 130 Jahren bekannt und von den etablierten Konzernen bis ins kleinste Detail eingeübt. Wie schwer es trotzdem ist, Autos „from scratch“ selbst zu bauen, zeigt sich zur Zeit am holprigen Versuch des Tesla-Chefs Elon Musks, sein „Model 3“ auf die Straße zu bekommen.

Talentsuche könnte Grund sein

Die neue Gesprächigkeit des Konzerns in Sachen Künstlicher Intelligenz könnte mit der Notwendigkeit zusammenhängen, das für die Entwicklungsarbeit erforderliche Talent zu scouten, wie Wired vermutet. Dafür spricht auch, dass Apple im Juli 2017 einen Machine-Learning-Blog startete und im Entwicklerportal Github Open-Source-Code veröffentlicht, der Forschern bei der Entwicklung von AI-Software hilft. Damit nähert sich Apple ein wenig der Google-Strategie an, die seit jeher auf mehr Offenheit setzt.

Bild: Gettyimages / Tomohiro Ohsumi

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