Das kann Augmented Reality

Ob Sport, Industrie oder Lehre: AR-Technologien werden schon bald die Massenmärkte erobern. Was tut sich aktuell im Bereich der erweiterten Realität?

Augmented Reality – eine Bestandsaufnahme

AR-Technologien haben den Durchbruch geschafft. Bis zum Jahr 2020 wird der Weltmarkt von derzeit 500 Millionen Euro auf geschätzte 7,5 Milliarden Euro wachsen. Allein in Deutschland soll sich der Markt bis dahin auf über 840 Millionen Euro belaufen.

Mit verschiedenen Anwendungen, die bestehende Prozesse dauerhaft verändern werden, bietet Augmented Reality ein hohes Potenzial für die Wirtschaft: So ermöglichen sie effizientere Arbeitsabläufe, neue Wege der Kommunikation oder innovative Ansätze in Produktion, Logistik, Trainings oder Marketing. Das wiederum verspricht hohe Produktivitätszuwächse und Kosteneinsparungen. Insbesondere in B2B-Feldern, der Industrie 4.0 sowie Bereichen, in denen spezifisches Wissen benötigt wird oder die eine hohe Fehlerhäufigkeit aufweisen, lassen AR-Technologien sich vielfältig einsetzen.

Förderung vom Bund

Die zahlreichen Lösungen, man denke an Datenbrillen, Simulatoren oder Showrooms, erweitern unsere Realität um zusätzliche digitale Informationen. Diese digitalen Komponenten sollen uns in verschiedenen Tätigkeiten unterstützen – vor allem in solchen, bei denen der Mensch die Hände für andere Tätigkeiten frei haben muss und bei denen ihm die Visualisierungen in der Wahrnehmung und kognitiven Verarbeitung ungemein behilflich sind.

Da solche technologischen Errungenschaften enorme ökonomische Perspektiven bieten, unterstützt der Bund Startups aus diesem Bereich: Mit EXIST fördert das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) seit 2007 Unternehmensgründungen aus der Wissenschaft, die einen innovativen technologierorientierten oder wissensbasierten Schwerpunkt haben.

Augmented Reality-Revolution für den Golfsport

Das Hamburger Startup Viewlicity zum Beispiel hat mit PuttView ein Trainingssystem für Golfer entwickelt, das das Putten vereinfacht. „Als erstes Trainingssystem seiner Art berechnet PuttView die optimale Putt-Linie und zeigt sie dort an, wo der Spieler die Information benötigt – nämlich direkt auf dem Grün“, erklärt Co-Founder Lukas Posniak. Viewlicity wurde durch das EXIST-Gründerstipendium gefördert.

Alle Informationen zu EXIST finden Interessierte hier!

PuttView

Eine Golferin beim Training mit PuttView

Für die Indoor-Visualisierung nutzt das Startup einen Beamer, für die Outdoor-Visualisierung eine Augmented Reality-Brille. Die für die Berechnung der Putt-Linie notwendige Topographie der Rasenfläche nimmt das Team mithilfe gängiger Vermessungsverfahren einmalig auf und hinterlegt es anschließend als 3D-Modell in der Software. Das Indoor-System wird über eine Tablet- oder Smartwatch-App bedient. Bei dem Outdoor-System kommen Sprach- und Gestensteuerung als weitere Interaktionsformen hinzu. Golfspieler erhalten so Informationen über die richtige Schlagstärke und -richtung.

Wie kommt man auf die Idee, ein Putt-Startup zu gründen? „Mein Mitgründer Christoph Pregizer ist schon seit 15 Jahren begeisterter Golfspieler. Die Idee zu PuttView kam ihm während eines Trainings“, erzählt Posniak. In der Regel folge der Ball beim Putten einer Kurve, die der Spieler nur mit viel Erfahrung und Training erahnen kann. „Als Ingenieur und Golfspieler dachte Christoph sich dann: Es muss doch einen effektiveren und vor allem intuitiveren Weg geben, um Putten zu trainieren.“ Daraufhin entwickelten die beiden erste technische Konzepte. Im Mai 2016 wurde PuttView Indoor dann auf den Markt gebracht; die Outdoor-Version soll 2017 folgen.

Lernen durch Visualisierung – Einsatz auch in anderen Bereichen denkbar

Die Visualisierungstechnologie lässt sich nicht nur im Sport, sondern auch in der Industrie einsetzen. „Viewlicity haben Christoph und ich im Oktober 2015 gegründet, um das Lernen durch den Einsatz von Visualisierungstechnologien wie AR generell zu vereinfachen. Dementsprechend möchten wir mit unserem Know-how langfristig andere Anwendungsfelder erschließen. Wir sehen großes Potenzial in ernsthaften Trainingsanwendungen für den Sport, in der Verknüpfung von Sport und Entertainment sowie in der industriellen Fertigung“, so Posniak. Im Sportbereich reizt das Team insbesondere eine Trainingsanwendung für Basketballspieler. Und für industrielle Fertigungen wurden bereits erste Pilotprojekte umgesetzt.

Team Viewlicity
Team Viewlicity auf einem Golfplatz: Praveen Kulkarni, Niclas Schopf, Christoph Pregizer, Lukas Posniak, Reiner Herzog, Josip Josifovski und Max Thams (v.l.n.r.)

Starthilfe durch EXIST-Förderung

Das EXIST-Gründerstipendium ebnete den Gründern den Weg zu ihren bisherigen Erfolgen. „Besonders geschätzt haben wir hier die enge Anbindung an die Hochschule und die Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Frank Steinicke von Human-Computer Interaction an der Uni Hamburg. Während des Zeitraums der EXIST-Förderung, und auch darüber hinaus, haben wir mit ihm einen Mentor mit großer Expertise für alle relevanten Fragestellungen im Bereich AR und Interaktion an unserer Seite“, sagt Posniak. Ein weiterer großer Vorteil sei die Nutzung der Infrastruktur der Universität gewesen: So wurde das Team zu Beginn von EXIST innerhalb von einer Woche arbeitsfähig und konnte direkt in die Entwicklung einsteigen.

Alle Informationen zu den EXIST-Fördermitteln gibt es hier.

AR in der Industrie – Handbücher per Datenbrille direkt ins Nutzersichtfeld

Welche Rolle AR in der Industrie spielt, zeigt das Mannheimer Startup ioxp, das durch EXIST-Forschungstransfer gefördert wurde. Das Team hat Anleitungssysteme für Monteure entwickelt, die zum Beispiel eine Maschine reparieren müssen, mit der sie zuvor noch nicht gearbeitet haben. „Unsere Systeme speichern, verwalten und verteilen Werkerwissen bei industriellen Arbeiten, wie etwa der Fertigung oder Montage “, erklärt Mitgründer Dr. Alexander Lemken.

ioxp

So sieht ioxp in der Nutzung aus

Wie funktioniert das Ganze? „Ein erfahrener Arbeiter oder Maschinenexperte macht den Handlungsablauf einmal korrekt vor und zeichnet diesen Vorgang als Video auf. Darauf basierend werden Computer-Vision-Algorithmen und Methoden des maschinellen Lernens genutzt, um die Handlungsinformationen aus dem Video zu erfassen.“ Die ioxp-Software erkennt die Handlungen und erstellt daraus multimediale Schulungs- und Lerninhalte, die auf Datenbrillen, Smartphones oder Tablets genutzt werden können. ioxp spielt dem User dann Schritt für Schritt die Anweisungen vor. „Das System ist zudem in der Lage, den Benutzer bei der Ausführung vor Fehlern und Gefahren zu warnen“, so Lemken.

Eine Lösung für industrielle Bottlenecks

Das multimediale Assistenzsystem erlaubt es, neue Dinge schnell und sprachunabhängig zu lernen. „ioxp schlägt die Brücke zwischen Shopfloor-Maschinen und Werker: Informationen können intuitiv über eine Datenbrille oder Tablet weitergegeben werden. Die einzelnen Maschinen können dem Werker somit problemlos wichtige Informationen mitteilen,“ sagt Lemken.

Team ioxp

Das Team von ioxp

AR werde zudem im Bereich der Hardware enorme Sprünge nach vorne machen. Datenbrillen wie die Microsoft Hololens oder die nächste Generation Google Glasses seien nur die prominentesten Vertreter einer großen Bewegung. „Daneben wird das Wissens-Management und die Einsetzbarkeit von AR im Industrie-4.0-Kontext einen hohen Stellenwert einnehmen – und hier wir wollen natürlich mit ioxp unseren technologischen Vorsprung nutzen.“

 

 

Artikelbild: pexels.com
Bilder PuttView: Viewlicity GmbH
Bilder ioxp: ioxp

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