In Berlin entsteht eine Teststrecke für den Verkehr von morgen

In Berlin entsteht gerade eine Strecke, auf der demnächst selbstfahrende Autos und Busse getestet werden sollen. Leiter Sahin Albayrak verrät Details über das Projekt.

Zwischen Ernst-Reuter-Platz und Brandenburger Tor werden derzeit allerhand Sensoren befestigt. Sie sollen dabei helfen, auf der Straße des 17. Juni selbstfahrende Autos zu testen. Das Projekt Diginet-PS wird vom Bundesministerium für Verkehr und Digitale Infrastruktur mit 3,7 Millionen Euro über einen Zeitraum von zwei Jahren unterstützt. 

Neben der TU Berlin sind Partner wie Fraunhofer Fokus, Daimler, Cisco und die BVG beteiligt. Sahin Albayrak, Leiter des Lehrstuhls Agententechnologien an der TU, koordiniert das Projekt von seinem Büro aus, das vom 14. Stock aus den Ernst-Reuter-Platz überblickt.

Projektleiter Sahin Albayrak von der TU Berlin im Interview:

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Projektleiter Sahin Albayrak von der TU Berlin

Herr Albayrak, werden Sie von ihrem Büro aus bald selbstfahrende Busse sehen?

Nein, noch nicht, weil die Gesetzeslage es nicht erlaubt, dass ein Bus ohne Fahrer fährt.

Welche Technologien wollen Sie denn dann auf der digitalen Teststrecke erproben?

Einerseits wollen wir kleine Computer am Straßenrand einbauen, mit denen Autos kommunizieren können. Wir wollen Verkehrsampeln mit zusätzlichen Infrastrukturen ausstatten, damit das Auto selbst die Information mitbekommt, ob es fahren darf oder nicht, also ob die Ampel rot oder grün ist. Außerdem wollen wir alle Parkplätze mit der entsprechenden technischen Infrastruktur ausstatten, damit man automatisch freie Parkplätze erkennen kann, um die Autos gezielt dorthin zu lotsen. Zusätzlichen wollen wir auch Sensoren einbauen, damit Umweltdaten erhoben werden können. Laternen werden mit einer LED-Infrastruktur ausgestattet und mit zusätzlicher Sensorik für eine intelligente Beleuchtung.

Was bedeutet das für die übrigen Fahrer auf der Straße des 17. Juni? Müssen sie sich auf Veränderungen einstellen?

Für die anderen Fahrer bleibt alles normal. Sie können davon allerdings auch profitieren, etwa relativ einfach Parkplätze finden über Apps auf ihren Smartphones. Grundsätzlich können sowohl konventionelle Autos als auch zukünftige autonome Autos von unserem Projekt profitieren.

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Ist die Technologie überhaupt schon sicher genug für die Innenstadt?

Die Infrastruktur, die dazu dient, die Informationen aus der Umgebung an Autos zu übertragen, wurde bereits getestet. Aber wir wollen einen Schritt weiter gehen, wir wollen mit den Informationen, die wir aus jeder einzelnen Technologie gewinnen, einen Mehrwert realisieren. Im Bezug auf Informationssicherheit – also wie die Information, die produziert werden, sicher übertragen werden können – werden wir dafür sorgen, dass Sicherheitsvorkehrungen in die Infrastruktur integriert sind.

Welche Hürden bestehen in der Gesetzteslage?

Die Bundesregierung und die EU werden mittel- oder langfristig entsprechende Gesetzesvoraussetzungen schaffen müssen. Wir leben in einer globalisierten Welt, wir haben eine sehr starke Automobilindustrie, die wir nicht in Handschellen legen können. Sonst können sie nicht mehr im Wettbewerb konkurrieren. 

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Sehen Sie sich in Konkurrenz zu den amerikanischen Firmen, die solche Technologien momentan schon entwickeln?

Tesla, die Japaner, die Koreaner, alle arbeiten an solchen Lösungen. Wenn wir in Deutschland nicht die Voraussetzung schaffen, dann verpassen wir den Anschluss und verlieren unsere Markt-Vorherrschaft in der Automobilbranche.

Inwiefern werden die beteiligten Unternehmen und Organisationen von dem Projekt profitieren?

Verschiedenste Firmen werden davon profitieren. Zum einen mittelständische Firmen, sie können neue Lösungen entwickeln und sie in Berlin testen. Automobilhersteller können Autos und neue Technologie, die sie gerade entwickeln, hier testen. Und Unternehmen wie die Telekom können Dienstleistungen entwickeln und sie ausprobieren. Wir als Universität, die in unmittelbarer Nähe liegt, können uns neuen Herausforderungen annehmen: Sowohl Studenten als auch wissenschaftliche Mitarbeiter und Doktoranden können die Teststrecke für Forschungsprojekte nutzen.

Welche technischen Herausforderungen sehen Sie?

Wir müssen noch mehr mit Künstlicher Intelligenz arbeiten. Wir müssen unsere Autos und Umgebung intelligenter machen und wir hoffen, dass diese Intelligenz zum Teil dadurch realisiert werden kann, dass wir sehr viele Daten aus der Umgebung sammeln. Indem wir diese verarbeiten, können sie zu der Entwicklung einer Künstlichen Intelligenz beitragen.

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Selbstfahrer-Technologie stößt auf viele Ängste, etwa im Bezug auf Sicherheit, Datenschutz und Jobverluste. Wie wollen Sie diese mit der Teststrecke adressieren?

Wir werden die Technologie nicht aufhalten können, sie wird kommen und auch sehr viel Nutzen bringen. Außerdem gehe ich auch davon aus, dass durch die Möglichkeiten der Digitalisierung viele neue Jobs entstehen. Für die Gesellschaft insgesamt wird das einen enormen Nutzen haben. Jetzt haben wir noch sehr viele ethische Bedenken, aber ich glaube, dass wird in zehn Jahren alles total anders sehen. Meine Generation hat noch sehr viele Bedenken bei der Nutzung von neuen Medien und Technologien, aber jüngere Generationen haben das nicht. Ich glaube, das wird Stück für Stück kommen. Auch für ältere Leute, die keinen Führerschein haben, kann es einen Nutzen haben, auf einmal sind die wieder mobil, sie können mit dem Handy ein Auto rufen.

Inwiefern trägt die Teststrecke zur Entwicklung von umweltfreundlichen Verkehrslösungen bei?

Wir hoffen, dass wir durch das Erheben von Messdaten eine intelligente Verkehrsfluss-Steuerung integrieren können, mit der man den Verkehr intelligent steuern kann. Wir hoffen, dass wir verschiedene Muster in den Daten finden, zum Beispiel erhöhte Feinstaubwerte, wenn es Stau gibt. Wir hoffen, dass wir, indem die Ökologie messbar gemacht wird, zur Entwicklung von Lösungen beitragen können.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Wired.de.

Bild: TU Berlin / Ulrich Dahl

 

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