Diese Gründer decken manipulierte Tachos auf 

Gebrauchtwagenkauf ist Vertrauenssache. Doch Wissen ist besser als Glauben. Dabei hilft die App Carly: Sie erlaubt einen Blick unter die Motorhaube.

Ein beliebter Trick unseriöser Autoverkäufer ist es, den Tacho zurückzudrehen. Einer Studie des TÜV Rheinland zufolge könnte das bei jedem dritten Gebrauchtwagen der Fall sein. Das Münchener Startup Carly, das sich auf Connected-Car-Lösungen spezialisiert hat, bietet einen Gebrauchtwagen-Check per App, der unter anderem dieses Problem lösen soll. Grund genug dafür gibt es: 15 Prozent aller mit der Carly-App getesteten Gebrauchtwagen wiesen einen falschen Tachostand auf. „Bei 5er-BMWs waren es sogar 28 Prozent", sagt Mitgründer Avid Avini.

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Alles fing mit vor ein paar Jahren einem altersschwachen 7er-BMW an, den einer der späteren Gründer gekauft hatte. Immer wieder gab es Probleme mit der Technik. Das Auto wollte nicht anspringen. Vater Avini und seine drei Söhne – alle Informatiker von Beruf – wollten der Sache auf den Grund gehen. Man müsse doch irgendwie in die Elektronik reinschauen können – so wie Werkstätten das tun, wenn sie ein Auto an die Diagnosestation stöpseln, dachten sie. Damit war das Fundament für Carly gelegt. 

Die Gründer machten sich an die Arbeit und verschafften sich Zugang zu den elektronischen Steuergeräten, die in einem Auto verbaut sind. Dazu zapften sie die Onboard-Diagnose-Buchse (OBD) an, die auch von Werkstätten genutzt wird. Echte Kilometerstände können ebenso ausgelesen werden wie Daten über Zündung und Getriebe, die Benutzung von Airbags oder die Zahl der Betriebsstunden.

Aus Tachostand und Betriebsstunden lässt sich die Durchschnittsgeschwindigkeit errechnen. Wenn diese aus dem Rahmen fällt, schlägt die App Alarm und weist auf eine mögliche Manipulation hin. Selbst Laien sind in der Lage, per App die komplette Elektronik eines Autos per Tiefendiagnose noch auf dem Parkplatz des Verkäufers zu durchleuchten.

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Für jeden Hersteller eine eigene App

Carly besteht aus zwei Teilen – einem Adapter mit Datensender für die Diagnosebuchse des Autos und einer App. Der Adapter funkt die aus dem Diagnosesystem des Autos ausgelesenen Daten per Wifi (iOS) oder Bluetooth (Android) ans Smartphone. Dort werden Fehler analysiert und angezeigt. Da die Hersteller unterschiedliche Software-Systeme benutzen, musste das Startup für jeden Autokonzern eine eigene App entwickeln. Vier Versionen gibt es schon: für BMW, Mercedes und die Marken des Volkswagen-Konzerns sowie eine spezielle für Porsche. Weitere werden vorbereitet.

Seit einem Update der Plattform sind beim Auslesen des Kilometerstandes neuerdings auch statistische Informationen über vergleichbare Modelle abrufbar. Sie werden grafisch angezeigt. Auch gesperrte Fahrzeugfunktionen, die nicht unmittelbar sicherheitsrelevant sind, lassen sich nach Herstellerangaben mit der App aktivieren. Veränderungen an Bremsen, Motor, Lenkung und Airbags sind allerdings ausgeschlossen.

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„Insgesamt wurden mit der App 800.000 Datensätze aus Kraftfahrzeugen ausgelesen“, schätzt Avid Avini. Wie es bei dem Unternehmen heißt, wird sie häufig von Gutachtern, Sachverständigen und kleinen freien Werkstätten genutzt, die sich keine Originalsoftware für mehrere Zehntausend Euro leisten können. Je nach Fahrzeugtyp kostet die professionelle Version der App etwa 100 Euro – 50 für den Adapter und 50 für die Software.

Diese Investition lohne sich auch für private Nutzer, meint der Gründer. „Allein das Auslesen der Fahrzeugdaten am Servicecomputer kostet in Fachwerkstätten 80 bis 160 Euro", sagt Avini. Nach einem oder zwei Werkstattbeschen habe man die Kosten wieder raus.

Für die Zukunft planen die Gründer, Apps für andere Automarken anzubieten – etwa Opel, Ford und Renault. Dann wollen sie ihr Produkt in weiteren Ländern vertreiben und denken über Geschäftsmodelle mit Business-Kunden nach. Die Gründer verstehen sich als Familienunternehmen. Gewachsen sei man aus eigener Kraft und ohne Investorenhilfe.

Bild Carly

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