In Aachen läuft alles nach dem Prinzip „Kannste mal eben?“

Streetscooter, e.GO und Hybrid-Flugzeuge: Der Standort Aachen entwickelt sich zur neuen E-Mobility-Schmiede Deutschlands.

Wenn Günther Schuh Pläne schmiedet, dann große. Wenn es nach dem Professor für Ingenieurwesen an der Technischen Universität Aachen (RWTH) geht, werden aus den Aachener Produktionshallen von e.GO bald 10.000 E-Autos im Jahr rollen. Die Produktion des ersten Kleinwagens startet im kommenden Jahr. Und das sei erst der Anfang, verspricht Schuh.

In naher Zukunft sollen auch selbstfahrende Busse und neuartige Züge das Gelände verlassen. In Wolfsburg und Stuttgart zerbrechen sich die großen Automobil-Konzerne den Kopf, wie sie die Wende zur E-Mobilität möglichst glimpflich hinbekommen. Den Aachenern laufen die Zulieferer derweil die Türen ein. Darunter ZF und Siemens. Die einen wollen einen selbstfahrenden Shuttle-Bus von den Aachenern entwickeln lassen, die anderen den Güterzug von morgen. „Kein Problem“, sagt Schuh und strotzt vor Aktionismus. Hier herrsche das Prinzip: Kannste mal eben?Schuhs Team hat schon einmal bewiesen, dass es sich mit der schnellen Entwicklung eines neuen Fahrzeugs auskennt.

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Für das nötige Renommeé sorgte vor wenigen Jahren der Streetscooter, ein elektrisches Zustellfahrzeug. Die Post soll dafür 2014 mehrere Millionen Euro bezahlt haben (Der genaue Kaufpreis ist nie kommuniziert worden). Mittlerweile stellt die Post mit dem Fahrzeug den größten gewerblichen E-Autohersteller Deutschlands dar. Etwa 30.000 Postfahrzeuge ersetzt der Work Streetscooter in den kommenden Jahren; 3.000 seien bereits produziert, 1.000 weitere für andere Zusteller wie Bäckereibetriebe und Blumenhändler hergestellt worden, heißt es vom Unternehmen.

Für die Entwicklung des Autos hat sich Schuhs Team Professor Achim Kampker ins Boot geholt; der Diplom-Ingenieur ist inzwischen als Chef von Streetscooter tätig. Das Ziel der ehrgeizigen Arbeitsgruppe: die Entwicklung eines elektrisch betriebenen Personenfahrzeugs, das günstiger daherkommt als ein vergleichbarer Benziner. Das erste Ergebnis – einen klobigen Kleinwagen – präsentieren die Ingenieure 2011 auf der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt am Main. Die großen Autohersteller hätten nur müde gelächelt, erzählt Schuh. Nur Deutsche-Post-Chef Jürgen Gerdes zeigte Interesse.

Die Grundidee des elektrischen Fahrzeugs habe Gerdes zwar gefallen, erinnert sich Achim Kampker. „Ich brauche aber etwas ganz anderes“, habe der Post-Chef damals zu ihm gesagt. Die Forscher der RWTH zögern nicht lange und stellen die Entwicklung auf ein Zustellfahrzeug um. Mehrere Prototypen und zwei Jahre später präsentieren sie den Work – und zwar so, wie die Post sich das Fahrzeug vorstellt. „Die größte Erfindung von uns ist die Methode, möglichst schnell Prototypen entwickeln zu können“, erklärt Street-scooter-Chef Kampker. Das Unternehmen könne mit verhältnismäßig geringem Zeitaufwand und zum Zehntel des normalen Entwicklungspreises zu einem Ergebnis kommen.

Von diesem Produktionskonzept zeigt sich auch Schuh überzeugt. „Keine einzige neue Technologie stammt von uns“, gesteht er frei heraus. Jede Erfindung habe es schon vorher gegeben. Aber zu wissen, wann etwas verfügbar ist und wie es eingesetzt werden kann – darin liege die Stärke der Aachener. Das Geld der Post ermöglicht Schuh, sich von Streetscooter zurückzuziehen – um kurz darauf e.GO zu gründen. So wie viele Gebäude und Forschungseinrichtungen des neuen Aachener Campus, befindet sich auch der 3.200 Quadratmeter-große Standort der Firma teilweise noch im Bau. Doch in der angebundenen Entwicklungshalle läuft die Arbeit bereits auf Hochtouren. 133 Mitarbeiter sind derzeit beschäftigt, 250 sollen es bald werden.

Die Produktion des ersten Serienfahrzeugs, des e.GO Life, lässt sich an vier nebeneinander aufgereihten Prototypen nachvollziehen: Schuh erklärt mit Stolz in der Stimme die Weiterentwicklung jeder Fahrzeuggeneration. Weitere Verbesserungen, merkt er kritisch an, gebe es dennoch: Die Inneneinrichtung des Fahrzeugs falle noch etwas spartanisch aus. Doch sein Team bastle bereits an einem optimierten Prototypen, den es größtenteils am Computer entwirft und dessen Teile mitunter aus dem 3D-Drucker stammen.

Am anderen Ende der Stadt entsteht zur gleichen Zeit die Produktionshalle für den e.GO Life. 2018 soll die Produktion starten, 2.000 Kleinwagen könnten schon im ersten Jahr vom Band laufen. So zumindest der Plan. Nebenher forschen Ingenieure an einem automatisierten Parksystem, während sie auch den autonomen Shuttle Moover bauen. Neuerdings treibt das Team auch die Entwicklung eines Flugzeugs voran. Derzeitiger Projektname: „Silent-Air-Taxi“. Hiermit wollen Professor Schuh und sein Team Volocopter und Lilium Aviation Konkurrenz machen. „Es ist ein Hybrid-Flugzeug, das später keinen Piloten mehr braucht. Es wird auch eine Cargo-Version geben“, sagt der e.GO-Chef.

Vier Standbeine seien insgesamt geplant, so Schuh: ein Privatfahrzeug, ein Shuttle, ein Zug und ein Flugzeug. Sechs Finanzierungsrunden hat es in kürzester Zeit gegeben, gerade sei die siebte geplant. „Ich denke im Moment bis Runde neun“, ergänzt der Chef. Die flexible Produktionsweise wie auch der geringere Kostenfaktor stehen derzeit im krassen Gegensatz zur Gangart bestehender Werke deutscher Autobauer. Schuh und Kampker wissen um ihren Vorsprung: „Wenn in Aachen eine große Fabrik gestanden hätte, bin ich mir gar nicht so sicher, ob wir dann diese Freiheitsgrade gehabt hätten“, erklärt der Streetscooter-Chef.

Bewährte Automobiler sehen sie dabei keineswegs als Feindbild. „Es geht nicht darum zu sagen: Die Automobilindustrie macht alles falsch“, sagt Schuh. Der Gründergeist treffe in Aachen lediglich auf einen sehr viel besseren Nährboden. Dabei denke er vor allem an die Synergie zwischen der Forschung auf dem Campus und zahlreichen Partnerschaften aus der Industrie. 300 Partnerunternehmen habe der Campus bereits, darunter Daimler, BMW, VW und Audi. Tech-Firmen können sich hier für einen Jahresbeitrag immatrikulieren und dafür die Forschungs-, Entwicklungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten nutzen, heißt es von der RWTH. Ein zweites Valley in der ehemaligen Kaiser-Stadt auszurufen, ist vermessen. Sollten die zig Projekte jedoch nicht dem Aktionismus ihrer Wegbereiter zum Opfer fallen, könnte in Aachen vielleicht etwas ganz Großes entstehen.

Dieser Text erschien zuerst im neuen NGIN-Mobility-Printheft. Hier geht es zum Magazin! 

Bild: Marco Weimer

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