Dieses Startup will dein Fahrrad vor der Haustür reparieren – funktioniert das?

Das Startup LiveCycle kommt mit seiner mobilen Werkstatt zu dir. Doch wie gut funktioniert der Service? Kann er den Fahrradladen im Kiez wirklich ersetzen?

Ich fahre viel Fahrrad. Jeden Tag zur Arbeit und zurück, mindestens. Wenn ich nicht in die Pedale trete, steht das Rad draußen rum, auch bei Regen. Es ist also an der Zeit, einmal die Bremsen checken zu lassen. Denn die haben unter den Wassermassen des verregneten Berliner Sommers ganz schön gelitten, der Rost ist nicht mehr zu übersehen.

Der Fahrradladen meines Vertrauens hat gerade zugemacht, da kommt das Angebot von LiveCycle wie gerufen. Bei dem Startup handelt es sich um einem mobilen Fahrradservice. „Egal wo du bist, wir kümmern uns um dein Bike“, wirbt das junge Unternehmen auf seiner Website. „An 6 Tagen in der Woche, von 8 bis 20 Uhr.” Hört sich gut an. Mal sehen, wie gut das funktioniert.

Sommercheck für 99 Euro

Ich rufe die Website auf. Dort kann ich zwischen verschiedenen Angeboten wählen: Neben dem „Plattenservice Vorderrad” für 24 Euro ist darunter der „Sommercheck für 99 Euro“ und ein „Bremsencheck Felgenbremse“ für 24 Euro. Letzteres wähle ich aus und klicke weiter, um einen Termin festzulegen. Mehrere 30-minütige Slots sind noch frei, allerdings nicht heute (Freitag), da ist alles ausgebucht. Samstag sind noch wenige Zeitfenster frei, doch da habe ich keine Zeit. Okay, also erst Montag. Elf Uhr passt mir. Ich muss noch drei Alternativtermine angeben, falls der Termin aus irgendeinem Grund doch nicht klappen sollte.

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Ich werde auf eine neue Seite weitergeleitet. Dort gebe ich Name, Adresse und Telefonnummer an und auf welche Art und Weise ich bezahlen möchte. Ich wähle „bezahlen vor Ort” aus und schicke die Anfrage ab. Registrieren muss ich mich dafür nicht. Wenige Sekunden später trudelt eine Mail in meinem E-Mail-Postfach ein, in der mir mein Benutzername und ein Passwort zugesendet werden, scheinbar bin ich nun doch registriert. Für spätere Buchungen, wie es in der Mail heißt. Kurz darauf erhalte ich eine zweite Mail, in der alle meine Daten zusammengefasst sind, außerdem weist mich LiveCycle daraufhin: Mein Termin werde in einer dritten Mail bestätigt.

Und tatsächlich: 25 Minuten später erreicht mich eine Mail mit der Terminbestätigung, am Sonntag folgt eine weitere, die mich an meinen Montagstermin erinnert.

Enrico kommt zu spät

Dann ist endlich Montag. 20 Minuten vor dem Termin ruft mich Enrico an, Fahrradmechaniker bei LiveCycle. Er teilt mir mit, dass er sich zehn bis 15 Minuten verspäte. Na gut. Darauf, dass es aufgrund des Verkehrs etwas später werden könne, weist LiveCycle schon auf der Website hin. Um 11.15 Uhr stehe ich vor der Tür, warte. Nichts passiert. Also wähle ich noch einmal Enricos Nummer. Er brauche noch weitere zehn Minuten, sagt er und rufe an, wenn er da sei. Um 11.35 Uhr ist Enrico da, gut eine halbe Stunde später als der vereinbarte Termin. Offenbar war zu viel Verkehr am Montagmorgen in Berlin.

Enrico ist mit einem großen blauen Lieferwagen gekommen, seiner mobilen Werkstatt, wie er mir erklärt. Bei der Reparatur könne ich gern zusehen, wenn ich wolle, bietet er mir an, 15 bis 20 Minuten würde er dafür brauchen. Das Angebot nehme ich gern an. Bei anderen Fahrradwerkstätten war ich bisher immer skeptisch. Nie wusste ich genau, was eigentlich an meinem Rad gemacht wird. Jetzt kann ich sehen, was passiert.

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Zunächst guckt sich Enrico meine Bremsen genau an: Die Bremsklötze seien okay, sagt er, neue brauche ich keine. Aber das Verbindungsstück zwischen den Bremshebeln und -klötzen sollte getauscht werden, das würde mich knapp drei Euro zusätzlich zum Service in Höhe von 24 Euro kosten.

„Ich spendiere dir eine Pflegekur“

Und schon geht es los. Enrico hebt mein Rad auf einen Montageständer, den er in seinem Transporter mitgebracht hat, genau wie Werkzeug, Pflegemittel und Ersatzteile. Er beginnt zu arbeiten: Das alte Bremskabel montiert er ab und ersetzt es durch ein neues. Während Enrico an meinem Fahrrad schraubt, kommen wir ins Plaudern. Insgesamt sechs Mitarbeiter fahren mittlerweile in Berlin mit zwei Autos und mit Lastenrädern umher, die als mobile Werkstätten dienen, erzählt Enrico. Im Schnitt sei er bei sieben verschiedenen Kunden pro Tag.

Wenige Handgriffe später, und das Bremskabel ist ausgetauscht. Noch entlässt mich Enrico allerdings nicht. „Ich spendiere dir noch eine Pflegekur für die Kette“, sagt er, die brauche dringend etwas Öl. „Und dein Vorderreifen neue Luft, der Druck liegt zwei Bar unter dem Richtwert von vier Bar.“ Wieder was gelernt – und wieder verschwindet Enrico in seinem Transporter und kommt mit drei verschiedenen Ölen und Sprays zurück. Außerdem verrät er mir noch einen Trick für meine Griffe am Lenker, die immer wieder verrutschen: Einfach Haarspray drunter sprühen, und sie sind bombenfest, sagt er. Das werde ich zu Hause gleich testen.

Die Rechnung ist auch schon da

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Zum Schluss nenne ich meinen Namen, meine Post- und meine E-Mail-Adresse. „Die Angaben benötigen wir für die Rechnungserstellung“, erklärt mir Enrico. Leider könne das System die Daten noch nicht automatisch aus dem Bestellformular übernehmen, das solle sich jedoch mit dem nächsten Update ändern. Bezahlen kann ich – wie zuvor ausgewählt, mit Bargeld. Ein Blick auf mein Smartphone zeigt mir: Die Mail mit der Rechnung ist auch bereits in meinem Postfach.

Entlassen will mich Enrico allerdings immer noch nicht. Er mache jetzt noch schnell eine Probefahrt, sagt er, „um sicherzustellen, dass mit deinem Rad alles okay ist“, steigt auf, fährt eine Runde und übergibt mir mein Bike. Fertig.

Fazit: Wer Wege sparen möchte, sich mehr Transparenz und einen persönlichen Service wünscht und bereit ist, dafür mehr Geld als beim Fahrradladen im Kiez auf den Tisch zu legen, ist bei LiveCycle gut aufgehoben. Im Vergleich zum stationären Fahrradladen um die Ecke ist die mobile Werkstatt allerdings teuer. Ein Check war in meinem Kiezladen immer umsonst. Nur, wenn tatsächlich etwas gemacht werden musste, habe ich bezahlt.

Wer einen ADAC fürs Zweirad erwartet, wird enttäuscht. Kurzfristige Termine gibt es bei LiveCycle nicht. Wer mit dem Rad liegen bleibt und schnelle Hilfe braucht, ist hier an der falschen Adresse. Das Prozedere frisst mit Registrierung, Warten und Co. viel Zeit.

Fraglich ist zudem, ob das Konzept tatsächlich so nachhaltig ist, wie LiveCycle verspricht. Nach eigener Aussage will das Unternehmen mit seinem Service die urbane Mobilität mit Fahrrädern unterstützen – und sagt auf seiner Website Spritfressern den Kampf an. Tatsächlich ist der Werkstatt-Lieferwagen an diesem Morgen aber schon im Süden und Norden Berlins gewesen, bevor er zu mir kam. Eine weite Strecke – und damit viele Abgase für vergleichsweise kleine Reparaturen. Anders sähe das allerdings aus, wenn Enrico mit einem der Lastenräder gekommen wäre, von denen LiveCycle auch einige in seiner Flotte hat.

 

LiveCycle

Gegründet: 2016 in München von Andreas Schmidt und Bastian Scherbeck

Verfügbar: in München und Berlin

Leistungen: Neben Reparaturen und Service-Paketen für private Radfahrer setzt LiveCycle vor allem auf das B2B-Geschäft, also das Flottenmanagement bei Lieferdiensten mit Lastenrädern; zu den Kunden zählen UPS und Amazon. Außerdem bieten das Startup in Unternehmen einen Bike-Service-Day für Mitarbeiterfahrräder an

Mitarbeiter: 15

Seed-Investor: Peter Pawlitzek

Foto: Gründerszene / Jana Kugoth

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