Der Gründer, der Roboter-Taxis schon 2020 nach Europa bringen will

Stan Boland will eine selbstfahrende Taxiflotte auf die Straßen Londons bringen. Regierung und Investoren unterstützen ihn mit Millionen.

Wer in Rom als Fußgänger eine Straße überqueren will, geht einfach los und verlässt sich darauf, dass er wohlbehalten auf der anderen Seite ankommt. Alle machen das so und nehmen Rücksicht – Touristen dagegen kostet es Überwindung. Wer einen solchen Schritt in Berlin wagt, überlebt vermutlich den zweiten Fahrstreifen nicht. Deshalb stehen Berliner am Straßenrand und warten. Wie reagiert ein selbstfahrendes Autos auf solche widersprüchlichen Szenarien? Welche Aktionen eines Verkehrsteilnehmers erwartet die Robotersoftware? Und welche Konsequenzen zieht sie daraus?

Stan Boland will dieses Problem lösen. Er ist Experte für künstliche Intelligenz und Gründer des Mobility-Startups FiveAI. Der Plan des Briten: Er will bis 2021 in London einen Dienst mit selbstfahrenden elektrischen Sammeltaxen aufbauen – eine Art Clevershuttle oder UberPool ohne Fahrer. Ähnlich wie NuTonomy das heute schon in Boston (USA) macht.

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„Die Verkehrsdichte, der Schilderwald, die Beleuchtung der Straßen ist in Europa komplett anders als in den USA“, sagt Boland. „Wenn man ein System, das in San Francisco sicher ist, in ein Stadtviertel von Paris mit kleinen Straßen, schlechter Beleuchtung und vielen Fußgängern bringt, dann ist das nicht mehr sicher. Es würde daran scheitern, Menschen zu erkennen und zu verfolgen.“

Deshalb sei es wichtig, hier in Europa ein System zu bauen und zu trainieren statt es von Tech-Riesen aus den USA zu importieren. Es geht darum vorherzusagen, was Autofahrer und Fußgänger als nächstes machen. Und das ist in jeder Stadt anders.

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Überwachungsvideos schulen Software

Um solche Verhaltensmuster von Verkehrsteilnehmern zu lernen, wertet FiveAI automatisch die Videos von 5.000 Überwachungskameras in London aus. Die künstliche Intelligenz der FiveAI-Computer analysiert die Verhaltensweisen von Menschen und versucht für jeden Moment vorauszusagen, welche Aktion als nächste folgt. Diese gilt es dann als Muster zu speichern. „Durch Beobachtung kann man das Verhalten von Menschen lernen und Prognose-Modelle entwickeln. Wir wollen eine Sammlung von Verhaltensmustern kuratieren. Wenn wir dann eine Szene in Echtzeit sehen, können wir in unserer Bibliothek auswählen, welchem Verhaltensmuster sie entspricht“, erklärt der Gründer. Damit will er vermeiden, dass eingefrorene Roboter auf Straßen herum stehen, weil ihnen keine Reaktion auf ungewohnte Situationen einfällt. „Jedes Manöver im Straßenverkehr ist ein Stück Spieltheorie. Jede Bewegung im Straßenverkehr ist ein Stück Aushandlung“, sagt Boland. 

„Stadtverkehr ist der heilige Gral des autonomen Fahrens. Das erfordert mehr Rechenleistung als man gemeinhin denkt.“ Alltagstaugliche Hardware für Robotertaxis könnte in der zweiten Jahreshälfte  2018 verfügbar sein. Denn Grafikspezialist Nvidia hat dieser Tage den Supercomputer für selbstfahrende Autos Drive PX Pegasus vorgestellt, der über eine Rechenleistung von 320 Trillionen Operationen pro Sekunde verfügen soll – zehn Mal mehr als das Vorgängermodell. 

Moia-Taxi begeistert den Gründer 

Das neue Elektro-Sammeltaxi der VW-Tochter Moia hatte es Stan Boland bei seinem Besuch in Berlin angetan. Auf der Konferenz Techcrunch Anfang Dezember in Berlin ließ er sich das Fahrzeug ausführlich erklären, setzte sich hinein und wollte gar nicht mehr aussteigen. Ein solches Auto wäre ideal für den geplanten Taxi-Dienst von FiveAI, sagte Boland.

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Doch bis autonome Taxis Fahrgäste befördern, muss FiveAI Tests absolvieren. Im ersten Quartal 2018 will Boland in London acht mit Sensoren vollgestopfte Fahrzeuge auf die Straße bringen und Daten sammeln. Im zweiten Quartal sollen Tests mit selbstfahrenden Autos auf schwach befahrenen Straßen folgen. Ende 2019 wird in komplexeren Umgebungen getestet. „Ende 2019/Anfang 2020 wollen wir dann mit 20 Fahrzeugen in London zeigen, dass wir Menschen sicher aufnehmen, transportieren und absetzen können“, sagt Boland. Dann solle allerdings immer noch ein Safety Driver an Bord sein, der im Notfall eingreifen kann. „Wir hoffen aber, dass er wenig zu tun haben wird“. Im Jahr 2020 setzt FiveAI Tests ohne Safety Driver fort. Und 2021 startet der Taxi-Dienst, der es mit Uber und Co. aufnehmen soll. Danach soll die Software in andere Städte exportiert werden, wobei die Simulation dann schneller geht, weil auf Londoner Daten zurückgegriffen werden kann.

Londoner Regierung will Taxiroboter

London ist nach Bolands Worten der ideale Standort. Denn von 2020 an sei autonomes Fahren dort erlaubt – früher als in vielen anderen europäischen Metropolen. Die Regierung hat die Notwendigkeit neuer Mobilitätskonzepte erkannt und das Programm „StreetWise“ aufgelegt – zusammen mit den Verkehrsbetrieben Transport for London, dem Transport Research Laboratory, der Oxford University und dem Versicherer Direct Line. „Die Regierung hat die Veränderung der Mobilität als Chance erkannt und einen Fonds mit 100 Millionen Pfund aufgelegt“, sagt der Gründer. Aus diesem Fonds hat er einen Zuschuss von 12,8 Millionen Pfund (17 Millionen Dollar) erhalten. Das hat ihm die Tür zu Wagniskapitalgeber Klaus Hommels geöffnete, dessen Fonds Lakestar die insgesamt 35 Millionen Dollar umfassende A-Runde anführte. 

Bild Gettyimages /  Noam Galai

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