Der digitale Anwalt gegen Blitzer

Jan Ginhold überprüft mit Geblitzt.de Bußgeldverfahren auf Fehler. Für die Mandanten ist das kostenlos. Dafür digitalisiert der Berliner die Arbeit der Anwälte.

Beim zu schnell Fahren erwischt werden, kann teuer werden. Und auch wer einen Widerspruch einlegt und sich einen Anwalt nimmt, musste bisher einige Hundert Euro hinlegen. Nicht so mit dem Legaltech Geblitzt.de von Jan Ginhold. Das Startup aus Berlin bietet die Anfechtung von Bußgeldverfahren für seine Nutzer kostenlos an.

400 Fälle bearbeitet das Berliner Unternehmen am Tag, so Ginhold, der bereits seit Mitte der 90er als Internetunternehmer aktiv ist. Seit dem Start 2013 sollen es insgesamt 90.000 Fälle sein. Dazu arbeitet Geblitzt.de mit zwei Kanzleien in Leipzig und Düsseldorf zusammen und digitalisiert einen Großteil der Arbeit der Anwälte.

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Jan, wer Bußgeldverfahren mit einem Anwalt anfechtet, zahlt über 500 Euro. Ihr bietet diesen Service kostenlos an. Wie macht ihr das?

Indem die Abläufe so automatisiert und standardisiert sind, dass die Bearbeitungskosten bei Anwaltskanzleien pro Fall sehr niedrig sind. So können wir heute einige Hundert Fälle innerhalb kürzester Zeit durch die Kanzleien schieben.

Ihr digitalisiert einen Teil der Arbeit eines Verkehrsrechtsanwalts. Wie sieht dieses Prozedere denn normalerweise ohne euch aus?

Das erste Problem der Mandanten ist, den richtigen Anwalt zu finden. Nicht jeder Anwalt ist gut. Und wenn man einen gefunden hat, muss man auch persönlich erscheinen. Kanzleien haben aber nur von 9 bis 17 Uhr offen – wir sind immer online. Hat der Mandant dann die Vollmacht unterschrieben, werden die Daten händisch aufgenommen, es wird händisch Einspruch eingelegt und so weiter.

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Und alle diese Sachen bildet ihr durch eure Software ab?

Es gibt ganz viele Routinen, die von unserer Software ausgelöst werden. Beispielsweise meldet sich der Mandant bei uns an, bekommt automatisch eine Vollmacht generiert und schickt diese gemeinsam mit dem Bescheid an uns zurück, digital oder per Post. Dann wird der Fall digital an den Anwalt übergeben, automatisch Widerspruch eingelegt und automatisch die Akte bei der Bußgeldstelle angefordert und so weiter.

Auch Anwälte kosten Geld. Wie macht ihr also Geld, um das ganze zu finanzieren?

Unsere Anwälte schaffen durch die Digitalisierung ungefähr 20 bis 30 Mal mehr, als ein normaler Anwalt in der Kanzlei. Die reellen Kosten pro Fall sind deshalb bei uns unfassbar niedrig. Dadurch ist es fast egal, wie viel wir einnehmen. Und Geld verdienen wir, wenn wir Fälle gewinnen. Wenn der Fall eingestellt wird, dann muss der Staat die Kosten des Verfahrens tragen, weil er zu Unrecht jemanden beschuldigt hat. Mehr Geld kann man mit Rechtsschutzversicherungen machen. Da kann man auch Gutachten und Vergleiche erzielen.

Häufig müssen Sachverständige hinzugezogen werden. Das lässt sich nicht digitalisieren. Ist es dann immer noch günstig?

Nein, der Sachverständige ist in einigen Situationen notwendig, das können wir dann aber nicht leisten. Das Gutachten kostet bis zu 1.500 Euro. Dafür braucht der Mandant dann eine Rechtsschutzversicherung.

Ihr überprüft die Bußgeldbescheide der Mandanten. Was führt denn zu einer Einstellung des Verfahrens?

Formfehler im Messprotokoll zum Beispiel, falsche Straßenbeschilderungen, eine veraltete Eichung des Blitzergeräts oder fehlende Schulungsnachweise des ausführenden Beamten. Und einige Dinge können nur wir durch unsere Software lösen.

Welche denn?

Wenn beispielsweise zwei Beamte eine Stunde lang die Geschwindigkeit von Autos messen, erwischen sie etwa 80 Autofahrer, die zu schnell gefahren sind. Wenn aber bei einem dieser Fälle die Messung nicht funktionierte, sind formaljuristisch alle Messungen an diesem Tag mit diesem Gerät unbrauchbar. In der Praxis passiert das aber nicht, denn ein Anwalt wüsste ja nicht, dass in dieser Messreihe ein Fehler passiert ist. Wir aber können das durch unsere Software nachprüfen, weil wir sehr viele Daten haben.

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Wie viele eurer Fälle gewinnt ihr?

Bei etwa 20 Prozent der Mandanten werden keine Punkte und kein Bußgeld fällig. Aber es gibt große Unterschiede bei Geräten, Regionen und Bußgeldstellen. Bei weiteren 15 Prozent können wir zumindest eine Verbesserung der Situation erreichen. Aus einem Bußgeldverfahren wird dann beispielsweise ein Verwarngeld.

Ihr kämpft digital gegen Blitzer. Rüstet die Polizei denn nach, um euch die Arbeit zu erschweren?

Nein, zum einen bearbeiten wir nur einen Bruchteil der Bußgeldbescheide. Und zum anderen passieren die Fehler auf menschlicher Ebene. Solange die Messungen von Menschen durchgeführt werden, werden die Fehler weiter passieren. Das wird sich auch in den nächsten Jahren nicht verbessern, außer, wenn selbstfahrende Fahrzeuge auf den Markt kommen – denn die halten sich immer an die Regeln. (lacht)

Wollt ihr noch in weitere Legaltech-Bereiche expandieren?

Wir werden weitere Nischen besetzen, ein Rechtsgebiet pro Jahr etwa, um den Betroffenen den Zugang zu Recht möglich zu machen. Das wird mit dem Bereich Mobilität nichts zu tun haben.

Seid ihr gerade auf Investorensuche?

Einen klassischen Investor, um das Ding zum Laufen zu bringen, brauchen wir nicht. Dafür geht es uns zu gut. Gerade sprechen wir aber mit Rechtsverlagen und Rechtsschutzversicherungen, da gibt es Synergien.

Bild: Geblitzt.de

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