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Locomore-Gründer Ladewig: „Züge müssen fahren“

Das Zug-Startup scheiterte trotz guter Zahlen. Ein Investor kaufte Locomore aus der Insolvenz, doch Gründer Derek Ladewig musste den CEO-Posten räumen. Ein Gespräch über das Scheitern.

900.000 Euro haben Kleininvestoren gegeben, um Locomore auf die Schiene zu bringen. Was ist schiefgelaufen, Herr Ladewig?

Uns ist die Puste ausgegangen: Wir hatten nicht ausreichend Liquidität. Die Zahl der Fahrgäste und die Einnahmen sind zu langsam gestiegen. Wir hatten kontinuierliches Wachstum – aber es war nicht schnell genug.

Nur fünfeinhalb Monate haben Sie durchgehalten. Waren die Monate dazwischen eine emotionale Achterbahn?

Es war intensiv. Als der erste Wagen rollte, war das ein tolles Gefühl. Der Tag der Insolvenzanmeldung war …, nun, er war nicht der Lieblingstag in meinem Leben. Wir waren finanziell eng aufgestellt. Außerhalb der Crowdfunder-Szene gab es kaum Bereitschaft zu investieren. Wir haben mit einem Investor bis zum Schluss verhandelt – vergeblich. Wir hatten nicht genug Liquidität, um in die Gewinnzone zu wachsen.

Wann war klar, dass Locomore scheitern wird?

Erst am Tag der Insolvenzanmeldung. Ich wusste immer, dass es knapp wird. Doch die Zahlen haben sich kontinuierlich verbessert. Anfang Mai wurde mir langsam klar, dass wir hängen bleiben. Investoren-Gespräche und Verhandlungen mit Zulieferern scheiterten, und eine größere Umsatzsteuerrückzahlung von mehr als 100.000 Euro hing beim Finanzamt fest.

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Sie haben vor der Gründung selbst im Bahngewerbe gearbeitet. Was hat Sie an der Deutschen Bahn gestört?

Was ich persönlich gruselig finde, ist, dass ich in jedem Zug in dunkelblauen Sitzen sitze. Es ist immer das Gleiche. Ich würde da viel mehr variieren. Wenn man schon Monopolist ist, muss man das nicht noch so deutlich zeigen. Bei Locomore haben wir versucht, mehr Wahlmöglichkeiten zu etablieren. Wir haben wir beispielsweise Themenwaggons gehabt.

Wie gut kam das an?

Am besten haben die simplen Sachen funktioniert: Karten- und Brettspiele im Abteil. Damit können die Leute am schnellsten etwas anfangen. Oder wir hatten ein Abteil „Kaffeeklatsch“ genannt. Da hat das gepflegte Abteilgespräch zwischen den Zuggästen gut funktioniert.

Allein, weil es so hieß?

(lacht) Einfach weil es draußen dran stand. Je spezieller es geworden ist, desto weniger Interaktion. Wir hatten am Anfang zum Beispiel Themenabteile zu Film und Fotografie. Die liefen nicht so gut.

Im Vergleich zum Fernbus-Markt gibt es in der Zug-Branche kaum Newcomer. Warum?

Im Eisenbahngeschäft brauchen Sie mindestens drei Jahre, um überhaupt das Fahrzeug zu haben. Eher vier Jahre. Ein Dreivierteljahr vor dem Start muss man den Fahrplan einreichen. Also wahnsinnig lange Vorlaufzeiten. Außerdem ist das Gewerbe kapitalintensiv. Man braucht rund 15 Millionen Euro – für nur einen Zug. Der Fernbusmarkt ist hingegen so schnell gewachsen, weil die notwendigen Startbudgets viel geringer waren. Da kommt man mit 15 Millionen schon recht weit.

Was fühlen Sie heute, wenn Sie einen Locomore-Zug sehen?

Der muss wieder fahren. Züge sind zum Fahren da, nicht zum Stehen. Eine Eisenbahn, die steht, das ist nicht gut.

Kurz nach dem Interview wurde bekannt, dass der tschechische Bahnbetreiber Leo Express bei Locomore einstieg und der Fernbusanbieter Flixbus Marketing und Vertrieb übernahm. Gründer Derek Ladewig bleibt weiter an Bord, gibt aber die Geschäftsführung ab. Die Crowd-Investoren bekommen Fahrgutscheine im Wert von zehn Prozent ihrer Beteiligung.

Dieser Text erschien zuerst im neuen NGIN-Mobility-Printheft. Hier geht es zum Magazin!


Bild: Chris Marxen für NGIN Mobility

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