So könnten wir die Flut von Paketen in den Griff bekommen

Die Logistikbranche steht vor dem Kollaps. Der Onlinehandel treibt die Paketflut in die Höhe und Lieferanten sind unterbezahlt. Aber es ginge auch anders.

 

Die Paket-Lawine ist nicht zu stoppen: 3,3 Milliarden Sendungen werden in diesem Jahr an Privathaushalte in Deutschland verschickt – 500.000 mehr als im auch schon starken Vorjahr. Im fünf Jahren werden es mehr als 4,1 Milliarden Sendungen sein, schätzt der Bundesverband Paket und Expresslogistik. Die Branche steht vor großen Herausforderungen.

Wie soll das funktionieren? Kurierfahrer und Lieferanten sind bereits jetzt unterbezahlt. Dazu kommen Zeitdruck, unzufriedene Kunden und verstopfte Straßen. Bislang sind nur Nischenlösungen erkennbar. Neue Konzepte sind gefragt. Denn bereits 2020 soll jeder fünfte Einkauf online stattfinden, so eine Studie der Unternehmensberatung PWC.

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Flavio Alario bringt die Problemlage auf den Punkt: „Das bestellte Buch, das ich erst in ein paar Tagen lesen will, hole ich an einer Packstation ab. Aber meine Lebensmittel möchte ich zu einer festgelegten Uhrzeit an die Haustüre geliefert bekommen, ohne dass der Kurier die schlafenden Kinder weckt.“ Alario ist ein Urgestein in der Logistik-Branche. Sein Team hat im Jahr 2002 die Packstation der DHL erfunden. Er leitete das Projekt sechs Jahre lang. Vor anderthalb Jahren hat er den Lieferdienst Fliit gestartet.

Kunde wird zum Regisseur

Alarios Beispiel zeigt, dass es das universelle Logistikkonzept gibt es nicht: Paket-Roboter, Liefer-Drohnen, autonome Fahrzeuge oder dezentrale Depots werden immer nur partielle Lösungen anbieten. Mikrologistik, also Datenaustausch sowie die Vernetzung von Maschinen und den handelnden Personen, ist das Gebot der Stunde. „Der Kunde wird immer mehr zum Regisseur“, sagt Elena Marcus-Engelhardt, die Sprecherin des Bundesverband Paket und Expresslogistik.

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Als erster hat der Multikonzern Amazon diesen Paradigmenwandel begriffen und die „Customer First Philosophie“ ausgerufen – mit Angeboten wie Prime Now, das eine Lieferung binnen einer Stunde gegen 7,99 Euro Aufpreis garantiert .

15 Prozent mehr Sendungen als 2016

Besonders das aktuelle Weihnachtsgeschäft stellte die Logistikbranche vor große Herausforderungen. Hermes prognostizierte 15 Prozent mehr Sendungen als 2016. Die Branche insgesamt rechnet mit Zuwächsen zwischen neun und elf Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Dieses Wachstum stößt an Grenzen. „Allein im letzten Jahr wurden 10.000 Menschen neu eingestellt“, sagt Verbandssprecherin Elena Marcus-Engelhardt und versichert: „Die Branche wird das Wachstum Immer personell verkraften.“ Auch in Zeiten der Vollbeschäftigung werde sich das regeln.

Nadelöhr letzte Meile

Doch die Logistikfirmen spüren den Personalmangel. Im November 2017 waren mehr als 20.000 Stellen für Lageristen nicht besetzt – im Jahresmittel um die 15.000, so das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. Bei den Post- und Zustelldiensten gab es im November knapp 9000 gemeldete Vakanzen.

Für Hermes-Geschäftsführer Dirk Rahn sind die Kapazitäten der Branche endlich. „Besonders die letzte Meile wird für die Branche immer mehr zum Nadelöhr: Der Arbeitsmarkt für Zusteller ist hierzulande de facto fast leer.“ Er fordert eine „angemessene Preispolitik, die die Leistung der Paketdienste auch finanziell wertschätzt“.

Der Logistiker denkt über Aufschläge für die Haustürlieferung und für Zeiten wie das Weihnachtsgeschäft nach. Doch ob sich das auf diesem wettbewerbsstarken Markt durchsetzen lässt, ist fraglich. Denn die Erlöse sinken seit Jahren. Laut Logistikverband sind sie von 6,22 Euro (2007) auf 5,85 Euro (2017) gesunken, was dem von Marktführer DHL befeuerten Preisdruck geschuldet sei.

Verbreitete Gratis-Mentalität

Das trifft herkömmliche Unternehmen und Startups gleichermaßen. Der Sameday-Delivery-Anbieter Tiramizoo liefert mit 3000 Kurieren in über 100 Städten für Zalando, Media Markt und Saturn am Tag der Bestellung aus. Mitgründer Philipp Walz spricht von einem Trend zu immer individuellerer Zustellung. „Der Kunde hat gelernt, dass man für Logistik nichts bezahlt.“ Zustellung sei aber eine knappe Ressource.

Ungezügeltes Wachstum wird kaum die Logistik-Probleme der Zukunft lösen. Das weiß auch der Verband, im sich die führenden Paket-Dienstleister DPD, GLS, GO!, Hermes und UPS (außer DHL) zusammengeschlossen haben. Man arbeite weiter an der Optimierung der Routen, sagt Marcus-Engelhardt. Eine Wette auf die Zukunft sind autonom fahrende Lieferwagen. „Der Zusteller verschwendet dann keine Zeit mehr mit dem Suchen eines Parkplatzes und behindert nicht den Verkehr, wenn er gezwungen ist in zweiter Reihe zu parken.“ Während er Pakete zustellt, sucht das Fahrzeug einen freien Platz in der nächsten Ladezone.

PostBot folgt dem Zusteller

Der PaketBot von DHL nimmt dem Zusteller Arbeit ab.

Der PaketBot von DHL nimmt dem Zusteller Arbeit ab.

Doch auch in Ladezonen sind Parkplätze knapp. Deshalb fordert der Bundesverband Paket und Expresslogistik eine Änderung der Straßenverkehrsordnung mit privilegierten Halteplätzen ähnlich wie für Taxen.

DHL experimentiert unterdessen mit dem PostBot, einem Paketroboter mit Elektromotor, der dem Zusteller auf Schritt und Tritt folgt. Wie es in dem Unternehmen heißt, soll das Projekt ich einem erfolgreichen Test in Hessen weiterentwickelt werden. Es entlastet den Boten.

Doch auch hier bleibt das Hauptproblem der schlecht erreichbare Kunde, der nur schmale Zeitfenster zur Entgegennahme von Paketen anbietet. Selbst mit künstlicher Intelligenz dürfte es kaum möglich sein, die Masse der Pakete in diese Zeitfenster zu pressen.

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Einer, der das versucht, wenn auch nur für Lebensmittel, ist Flavio Alario. Er hat im März 2016 das Startup Fliit gegründet, eine Art Marktplatz für Transportunternehmen und Käufer. Die Kuriere eines Netzwerks aus Lieferdiensten werden in acht deutschen Städten von Algorithmen gesteuert zu den Kunden dirigiert. Diese geben das Zeitfenster vor und können die Lieferung live per App verfolgen – ähnlich wie bei der Taxi-App Uber. Ob das ein Modell für die gesamte Logistik-Branche ist, scheint fraglich. „Für eine Haustürlieferung muss man eine bestimmt Dichte erreichen, damit sie sich lohnt, denn die Warenkörbe sind sehr klein", sagt Alario.

Experimente mit Mikrodepots

Ein Kurier des Paketdienstleisters UPS steuert ein Lasten-Dreirad.

Ein Kurier des Paket-Dienstleisters UPS steuert ein Lasten-Dreirad.

Eine ähnliche Strategie verfolgte der Modehändler Zalando, der diesen Sommer in ausgewählten Berliner Innenstadtbereichen gemeinsam mit dem lokalen Lieferpartner Hoard das Pilotprojekt „Zalando bringt's Dir“ die Zustellung binnen einer Stunde nach Bestellung getestet hat.

Tauglicher für den Massenmarkt dürften dagegen andere Konzepte sein. In zahlreichen Städten haben vielversprechende Experimente mit Mikrodepots begonnen – containergroße Zwischenlager für Sendungen, die von dort aus mit Boten oder Fahrradkurieren ausgeliefert werden. UPS stellt in Hamburg an jedem Wochentag für UPS Fahrer vier Container an zentralen Standorten in der Stadt zur Zwischenlagerung von Paketen auf. Von hier aus werden Lieferungen zu Fuß oder mit speziellen elektrisch gesteuerten Dreiradfahrzeugen durchgeführt. Diese Lösung vermeidet nach Berechnungen des Logistikers an Werktagen zwischen sieben und zehn Lieferwagen in der Hamburger Innenstadt. Kürzlich hat UPS das Angebot auf Frankfurt erweitert.

Nutzeroffene Paketboxen 

Doch auch diese Lösung setzt erreichbare Kunden voraus. Einfacher ist die letzte Meile mit Paketshops und nutzeroffenen Paketstationen und -boxen zu managen, wie sie etwa vom Unternehmen ParcelLock angeboten werden. „Kunden ziehen diese den proprietären Lösungen wie DHL-Packstationen vor. Sie wollen von allen Logistik-Unternehmen beliefert werden“, sagt Elena Marcus-Engelhardt.

DHLfährt mit 5000 elektrischen Streetscootern Pakete aus.

DHLfährt mit 5000 elektrischen Streetscootern Pakete aus.

Solche „konsolidierten Zustellpunkte“ dürften für einen großen Teil der Lieferungen eine Lösung sein – zumal sie neben der Kostenersparnis Verkehr vermeiden und die Schadstoffbelastung senken. Laut PWC-Studie macht der Güterverkehr 20 bis 30 Prozent des Stadtverkehrs aus und verursacht 80 Prozent der innerstädtischen Staus zu Hauptverkehrszeiten. Die Überschreitung von Feinstaub- und Schadstoffgrenzwerten könnte Städte zu Fahrverboten zwingen. Die Deutsche Umwelthilfe hat bereits 19 Städte verklagt und 42 aufgefordert, die Grenzwerte einzuhalten.

Das könnte sich schnell zu einem Wettbewerbsvorteil für DHL entwickelt, die (neben 10.000 E-Bikes) 5.000 elektrisch angetriebene StreetScooter Lieferfahrzeuge im Einsatz hat – und schon mal zehn Elektro-Trucks bei Tesla bestellt hat.

Bilder: DHL, Hermes, UPS

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