Die App, die Blinde durch Flughäfen lotst

Ein Startup aus der Türkei hat eine App entwickelt, die Blinde durch Flughäfen und Bahnhöfe navigieren soll. Nicht immer lief es rund bei dem Unternehmen.

Am Flughafen gelandet. Wohin jetzt? Was ist der schnellste Weg zum Umstiegsterminal? Was für Reisende oftmals ein Ärgernis darstellt, ist für blinde und sehbehinderte Menschen eine scheinbar unlösbare Aufgabe. Zwar gibt es bereits Apps wie Blindsquare, die beeinträchtigte Menschen im Freien von A nach B lotsen. Innerhalb von Gebäuden aber sind Sehbeeinträchtigte nach wie vor auf Hilfe angewiesen. Es ist schwer, sich zurechtzufinden.

Ein 2011 in Istanbul gegründetes Startup hat eine App entwickelt, die Blinde und Sehbehinderte durch Innenräume navigiert: durch Flughäfen, Universitäten und Einkaufszentren. Im Prinzip funktioniert die App, genannt Loud Steps, wie ein übliches Navi im Auto: Eine Stimme führt den Nutzer durch das Gebäude bis zum gewünschten Ziel, wie eben das Umsteigeterminal am Airport. „Wir arbeiten mit den Signalen von Wlan Access Points“, sagt Sarper Silaoglu, der sich der Einfachheit halber nur noch Sila nennt. Sila ist Co-Founder von Boni, dem Unternehmen hinter der App Loud Steps. Das Verfahren hat den Vorteil, dass die vorhandene Infrastruktur genutzt werden kann, wie Kundenhotspots, Router oder Wlan-fähige Kassensysteme. „Der Nutzer muss nur das Wlan auf seinem Smartphone aktivieren, eine Verbindung ist nicht nötig.“

2014 stand das Startup kurz vor dem Aus

Mit dieser Idee hat Sarper Sila das Startup Boni Global profitabel gemacht. Es lief nicht immer gut. Bevor die App Loud Steps gelauncht wurde, stand das Startup kurz vor dem Bankrott, erzählt Sila. Damals, vor dreieinhalb Jahren, entschied er sich, weiterzumachen – und übernahm alle Schulden und Verbindlichkeiten. Mit dem Launch von Loud Steps im Jahr 2014 hat Sila das Unternehmen nach eigener Aussage wieder in die schwarzen Zahlen gebracht, derzeit liege der Umsatz bei 40.000 Euro pro Monat. Externes Kapital sei seit dem Neuanfang nicht geflossen.

Jetzt will Sila mit seinem Startup und dessen derzeit 21 Mitarbeitern expandieren und in Deutschland Fuß fassen. Dafür ist er im Sommer in die Bundesrepublik gezogen, mittlerweile wohnt er in Hamburg. Bis jetzt verlief die Suche nach möglichen Partnern und Kunden hierzulande allerdings erfolglos. Und auch in anderen Ländern ist der Markteintritt schwer. Zwei Pilotprojekte in Dubai wurden wieder eingestellt.

In der Türkei können sich Nutzer via Loud Steps mittlerweile durch 50 verschiedene Orte navigieren lassen, darunter den Flughafen in Antalya. Das Hilton-Hotel ist zudem einer von zwei Kunden in den USA, wo Boni 2016 seinen zweiten Firmensitz eröffnete.

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Die Installation der App ist für die Nutzer kostenlos. Geld verdient das Startup in der Regel durch eine Installations- und Nutzungsgebühr, die von dem Kunden, beispielsweise der Flughafenbetreibergesellschaft, bezahlt wird. 500 Euro pro Monat kostet die Installation und die monatliche Wartung. Für eine zusätzliche Gebühr integriert das Startup das Gebäude auch in Google und Apple Maps.

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Google und Apple tüfteln an Indoor-Navigation

Die Entwicklung einer App für Blinde ist nur eine von vielen möglichen Anwendungen für die Indoornavigation. Der Markt entsteht erst gerade – und entwickelt sich derzeit rasant. Apple brüstet sich damit, detailreich und mittels 3D Karten rund 34 internationale Flughäfen abzubilden. Google hat nach eigenen Angaben bisher 70 Flughäfen kartiert. Der Kartendienst Here kooperiert in diesem Punkt seit Kurzem mit dem chinesischen Internetriesen Baidu. Und auch für Startups bieten sich neue Geschäftsfelder. Telelocate aus Freiburg arbeitet mit Ultraschall, um eine bis auf wenige Zentimeter genaue Navigation durch Gebäude zu ermöglichen. Das Münchner Startup NavVis fertigt von großen Gebäuden eine Art Google Street View an. Für Boni-CEO Sila sind das keine Konkurrenten, sondern mögliche Partner, wie er betont. Ob das die anderen auch so sehen, wird sich zeigen.

Bild: GETTY IMAGES / Science Photo Library; Boni Global

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