Wie dieser Professor es mit Streetscooter allen beweisen will

Schon nächstes Jahr will die Post die ersten autonomen Streetscooter auf die Straße schicken. Wie das gelingen soll, verrät der CEO Achim Kampker im Interview.

Er mischt die deutsche Automobilbranche auf: Gemeinsam mit Günther Schuh, einem weiteren Forscher der RWTH, hat Achim Kampker den Streetscooter entwickelt und an die Deutsche Post verkauft. Das war im Jahr 2014. Kampker hat sich von seiner Lehr- und Forschungstätigkeit an der Uni beurlauben lassen und ist seitdem Geschäftsführer bei Streetscooter.

Vor Kurzem hat das Unternehmen einen weiteren Coup angekündigt: Im nächsten Jahr sollen testweise die ersten autonomen Streetscooter auf der Straße rollen. Was dahinter steckt, warum er jetzt auf die Brennstoffzelle setzt und wie das Verhältnis zu seine Ex-Kollegen Schuh ist, verrät Kampker im Interview.

Herr Kampker, kürzlich war in der Presse zu lesen, dass Streetscooter nächstes Jahr ein autonomes Fahrzeug auf die Straße schicken will. Was hat es damit auf sich?

Zunächst handelt es sich um einen Test: Erstmals soll ein autonom fahrender Streetscooter „in freier Wildbahn“ getestet werden. Im Bereich der Nutzfahrzeuge stehen wir bei der Entwicklung selbstfahrender Lieferfahrzeuge an der Spitze. Bis solche Fahrzeuge tatsächlich Teil des regulären Straßenverkehrs werden, wird es aber noch eine Weile dauern.

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Wie schafft Ihr Unternehmen, woran Tesla und Co. bisher scheitern? Was sind Ihre Erfolgsfaktoren?

Ob andere Unternehmen scheitern, kann und will ich nicht beurteilen, das wäre anmaßend. Entscheidend bei uns ist unsere Herangehensweise. Bei der Deutschen Post warten wir nicht ab, bis sich etwas verändert, sondern werden selber Treiber neuer Innovationen – und zwar über das klassische Geschäft hinaus. Das heißt: Wir werden auch Treiber bei Hard- und Software. Genau diese Strategie haben wir mit dem Streetscooter als autonomes, elektrisches Fahrzeug von Anfang an durchgezogen.

Sie haben angekündigt, künftig auch auf die Brennstoffzelle zu setzen. Warum?

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Fahrzeuge mit Batterieantrieb verfügen über eine eingeschränkte Reichweite. Wasserstoff und Brennstoffzelle bieten – in Kombination mit der Batterie – eine Reichweite von mehr als 500 Kilometern. Damit ist die Brennstoffzelle eine gute Möglichkeit, längere Strecken mit nur einer Tank-Ladung überbrücken zu können. Das Ziel der Deutschen Post ist es, bis 2050 die komplette Flotte auf emissionsarme Fahrzeuge umzustellen. Nach der Entwicklung des Batterieantriebs für die Kurzstrecke ist die Elektrifizierung der Langstrecke per Brennstoffzelle also der nächste logische Schritt.

Wie viele Streetscooter wollen Sie mit einer Brennstoffzelle ausrüsten?

Zunächst wollen wir eine Kleinserie mit 500 Fahrzeugen produzieren und im Postbetrieb testen. Wie viele es später einmal werden sollen, kann ich noch nicht sagen.

Bevor Sie Geschäftsführer der Post-Tochter Streetscooter wurden, waren Sie Professor an der RWTH Aachen, also nahe an der Forschung. Was vermissen Sie in Ihrer jetzigen Position als CEO eines Unternehmens?

Nichts. Meine jetzige Position als CEO bei Streetscooter sehe ich als weiteren Teil meiner Forschungsreise. Zur Erklärung: Wir haben an der RWTH Aachen damals behauptet, in der Hälfte der üblichen Zeit und mit einem Zehntel der üblichen Investitionen einen elektrisch betriebenen Lieferwagen bauen zu können. Viele haben gesagt: Das wird nicht funktionieren. Mit Streetscooter zeigen wir: Es geht doch. Insofern befinde ich mich quasi in der erweiterten Beweisführung. Für mich gehören diese Welten zusammen.

Was ist die größte Herausforderung in Ihrer jetzigen Position?

Das Wachstum richtig zu managen. Bei Streetscooter stellen wir gerade von der Kleinserie auf die Massenproduktion um. Wir wollen die jährlich produzierte Stückzahl von derzeit rund 10.000 auf dann bis zu 20.000 E-Fahrzeugen mehr als verdoppeln. Dazu bauen wir den zweiten Produktionsstandort in Düren in der Nähe unseres Firmensitzes Aachen auf. Das bringt viele Herausforderungen mit sich, beispielsweise muss die Logistik neu aufgestellt werden.

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem zweiten Standort?

Wir wollen beweisen, dass Wachstum innerhalb kürzester Zeit möglich ist. Und zwar, indem wir unser erstes Werk in Aachen gewissermaßen kopieren. Wir können uns gut vorstellen, dass nach Düren noch weitere Fabriken folgen.

Warum Düren – und nicht Hannover oder München?

Weil wir in der Nähe zum Mutterstandort bleiben wollen. Es ist das erste Mal, dass wir den Produktionsstandort duplizieren. Um alle Experten schnell vor Ort zu haben, ist die Nähe zu Aachen günstig.

Soll der Streetscooter auch in andere Länder exportiert werden?

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Internationalisierung ist selbstverständlich ein Thema. In unserer eigenen DHL-Organisation setzen wir den Streetscooter bereits international ein, zum Beispiel in den Niederlanden oder in Österreich. Was den Bau von Werken im Ausland betrifft, so prüfen wir verschiedene Märkte. Eine Entscheidung ist allerdings noch nicht getroffen.

Damals haben Sie den Streetscooter gemeinsam mit Herrn Prof. Schuh entwickelt. Dessen Firma e.Go entwickelt nun vor allem Fahrzeuge für die Personenbeförderung. Arbeiten Sie mit Ihrem Ex-Kollegen eigentlich noch zusammen?

Selbstverständlich tauschen wir uns untereinander noch aus. Die Produkte liegen aber tatsächlich so weit auseinander, dass es inhaltlich wenige Berührungspunkte gibt. Strategisch arbeiten wir allerdings zusammen. Beispielsweise fordern wir beide, dass es in Deutschland eine Zellfertigung für Batterien geben sollte.

Wo sehen Sie Streetscooter in einem Jahr?

Wir sind derzeit Marktführer im Bereich der elektrischen Nutzfahrzeuge. Diese Position möchten wir halten und ausbauen. Das ist Aufgabe genug für uns.

Bild: Deutsche Post DHL

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