Für Tesla geht es jetzt um alles oder nichts

260 Autos des Typs Model 3 lieferte Tesla im vergangenen Quartal aus – geplant waren 1500. Der Autobauer steht nun am kritischsten Punkt seiner Geschichte.

Tesla-Chef Elon Musk hat einen neuen, überraschenden Bewunderer: Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Der ist so begeistert von den Elektroautos aus den USA, dass er sich nach eigenem Bekunden vorstellen kann, einen Tesla zu fahren. Dabei war Putin bislang eher für seine Liebe zu schweren Limousinen bekannt. Aber inzwischen möge er auch die „leichten, schnellen und effizienten“ Stromer aus Kalifornien, wie der Präsident während eines Treffens mit Energiefirmen sagte.

Dort, in Kalifornien, hat Tesla allerdings ein Problem. Der E-Autobauer musste gerade einräumen, man habe im dritten Quartal dieses Jahres nur 260 Model-3-Fahrzeuge gefertigt – geplant waren 1500. Nicht mehr als ein Sechstel der avisierten Menge hat Elon Musk erreicht. Das war für viele Anleger ein Schock.

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Eine Wette auf die Zukunft

Die Tesla-Aktie rauschte nach Bekanntgabe der mauen Zahlen in den Keller, um gleich darauf wieder nach oben zu schnellen. Zwar ist das Model 3 die große Hoffnung Teslas. Es soll – nur 35.000 Dollar teuer – das Elektroauto zu einem Produkt für die Massen machen und den Autobauer selbst in die Liga der großen Hersteller katapultieren. Auf Augenhöhe mit Herstellern wie Daimler oder BMW. Probleme bei diesem Modell sind also kritisch.

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Dass sich die Aktie dennoch rasch wieder fing, hat damit zu tun, dass der Tesla-Kurs wie bei keinem anderen Autobauer eine Wette auf die Zukunft ist. Musk wird es schon schaffen, der Durchbruch steht bevor. Rückschläge wie beim Model 3, die bei allen anderen Konkurrenten für Alarmstimmung sorgen würden, sind für viele Tesla-Aktionäre Peanuts.

Tesla spielt eben in einer ganz eigenen Liga. Doch die Gesetze der Branche gälten am Ende auch für Elon Musk, sagt Autoexperte Stefan Bratzel. Tesla könne nicht ewig vor allem von Visionen leben. „Irgendwann muss der Autobauer liefern, genug Fahrzeuge bauen und endlich Geld verdienen“, sagt er. Und zwar bald. 2003 wurde das Unternehmen gegründet und hat bislang noch kein volles Geschäftsjahr mit Gewinn abgeschlossen.

Model 3: der Wendepunkt für Auf- oder Abstieg

„Mit dem Model 3 steht Tesla an einer Wegscheide. Das Auto ist der Lackmustest dafür, ob Musk es schafft, das Unternehmen in die Liga der Massehersteller zu hieven“, so Bratzel. Auf Dauer könne Tesla nicht in der komfortablen Nische des Edel-E-Autobauers mit geringen Stückzahlen überleben.

Der Aktienkurs kletterte die Woche dennoch unbeeindruckt weiter. Als ob die offensichtlichen Probleme beim Produktionslauf des Modells, das für Tesla der Käfer und Golf zugleich werden soll, keine Rolle spielen würde. So geht das, mit geringen Ausschlägen, seit Jahren. Allein in diesem Jahr legte der Börsenkurs, maßgeblich getrieben von der Hoffnung auf das Model 3, um 60 Prozent zu. Im Frühjahr überholte Tesla sogar General Motors (GM), war mehr wert als der bis dahin wertvollste US-Autobauer. Zum Vergleich: Tesla hatte 2016 weit weniger als 100.000 Autos gebaut. GM mehr als zehn Millionen.

Es gibt Analysten, die weiter unbeirrt an den Erfolg von Tesla glauben. Natürlich führe der aktuelle Produktionsengpass dazu, dass die Käufer länger auf ihr Model 3 warten müssten – dafür erhielten sie ein ausgereifteres Produkt. Nicht ein halb fertiges Fahrzeug, überstürzt auf den Markt geworfen, weil Musk, für seine Ungeduld bekannt, es so wollte. Sondern eines, das wahrscheinlich wirklich funktioniert.

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„Das ist das geringere von zwei Übeln“, sagt Jamie Albertine, Analyst der Firma Consumer Edge Research aus Connecticut. „Besser, man enttäuscht kurzfristig die Anleger als langfristig die Kunden.“ Müsste Tesla das Model 3 zurückrufen, weil man in der Fertigung geschlampt habe, wäre das „eine Katastrophe“.

Aber es gibt Analysten, die auch angesichts der Produktionsprobleme hellhörig werden. Kaum ein Aktienwert spaltet die Expertenwelt derzeit so wie Tesla. Die Kursziele liegen zwischen 144 und 464 Dollar, die Zahl der Analysten, die die Aktie zum Kauf oder Halten empfehlen, hält sich mit denen, die zum Verkauf raten, in etwa die Waage. Tesla steht unter Beobachtung wie nie.

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