Vom Aufstieg und Fall des Travis K.

Travis Kalanick ist eine schillernde Figur. Für die einen ist der frühere Uber-Chef der Heilsbringer der Plattform-Ökonomie, für die anderen eine skrupellose Person.

Kaum ein Internetunternehmen polarisiert so stark wie der Transportdienstleister Uber mit seinem früheren CEO Travis Kalanick. Für die einen ist er der Prototyp des neuen Unternehmers, der disruptiv denkt und konsequent hochgesteckten Wachstumszielen folgt. Für die anderen ist er ein rücksichtsloser Flegel, der sich einen Dreck um Gesetze schert, seine Mitarbeiter ausbeutet und seine Konkurrenten vernichten will. Irgendwo zwischen diesen Extremen liegt die Wahrheit.

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Wo Travis Kalanick auf dieser Skala zu verorten ist, versucht Adam Lashinsky nun herauszufinden. Der Autor des im Verlag Plassen erschienenen Sachbuchs „Ubermacht“ gilt als Silicon-Valley-Insider. Er arbeitet seit dem Jahr 2001 als Tech- und Finganz-Autor für das Fortune Magazine. Zuletzt veröffentlichte er den im Jahr 2012 erschienenen Bestseller „Inside Apple“.

Im Privatjet nach China

Lashinsky und sein Team waren dem Uber-Chef mehr als ein Jahr lang auf den Fersen und recherchierten zunächst gegen dessen Willen. Zwei Jahre lang hatte sich Kalanick der Zusammenarbeit mit dem Autor widersetzt, bis er seine Meinung änderte und zu Gesprächen bereit war – wohl auch unter dem Druck seiner größten Niederlage. Uber hatte in China viele Milliarden Dollar in den Sand gesetzt, sich nicht gegen den lokalen Mitbewerber Didi behaupten können und musste sich schließlich verlustreich zurückziehen.

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Bei all dem war Lashinsky Augen- und Ohrenzeuge. Kalanick hatte Lashinsky eingeladen, ihn im Privatjet ins Reich der Mitte zu begleiten. Das war auf dem Höhepunkt von Ubers China-Krise. Die Einsamkeit, in die der Unternehmer geraten war, machte ihn wohl gesprächig. Stundenlang erzählt er dem Autor seine Lebensgeschichte. Später wird er sich zu einem dreistündigen Spaziergang durch San Francisco bereit erklären und dem Autor seine Seele öffnen.

Verkäufer schon als Kind 

Lashinsky filetiert die Persönlichkeit des ebenso schillernden wie skrupellosen Geschäftsmanns. Der Autor gräbt tief in der Vergangenheit des protestantischen Mittelschichtskindes Travis aus der kalifornischen Kleinstadt Northridge, das schon in Kindertagen sein Verkaufsgeschick bis fast zur Selbstaufgabe unter Beweis stellte. Der Junge wurde geprägt vom ebenso kumpelhaften wie nerdigen Vater, der immer die neuesten Computer besaß, mit dem Jungen Trecking-Abenteuer unternahm und ihm sein calvinistisches Arbeitsethos vermittelte. Auf der anderen Seite stand die liebevolle Mutter, die jeden Tag die kleinen Kalanicks von der Schule abholte und ihnen das Gefühl der Geborgenheit gab. Sie kam in diesem Jahr bei einem Bootsunfall ums Leben.

Die Jugendzeit des Uber-Gründers schließt sich konsequent und anscheinend ohne Brüche an: das Informatik-Studium an der UCLA in Los Angeles, dann die von mäßigem Erfolg gekrönten Versuche, Unternehmen zu gründen. Lashinsky erzählt mit viel Liebe zum Detail von den Höhen und Tiefen der ersten Kalanick-Startups Scour und Red Swoosh und wie der Gründer nach seinem Umzug nach San Francisco in die Anfänge von Uber stolperte, dort das Ruder übernahm und das Projekt schließlich – angetrieben von einer Mischung aus Ehrgeiz und Sturheit – groß machte.

Leseprobe: Adam Lashinsky, Ubermacht, Seite 104 f.

„Ende Mai 2010 gab es einen stillen Start von Uber, mit nur einer Handvoll Fahrer und Kunden in San Francisco, wobei Letztere hauptsächlich über eine neue Form der Mundpropaganda gewonnen wurden: Sie waren „Follower“ von Kalanick, Camp und ein paar anderen bei Twitter. Verglichen mit Produktstarts bei großen Unternehmen, etwa mit dem iPhone, war das Uber-Debüt bescheiden. Wer nicht auf Twitter war, wusste nichts davon. In San Francisco gab es eine kleine Gruppe von Personen, die über solche Dinge informiert waren, sozusagen die Insider, die auch immer die neuesten Pop-up-Restaurants und Bars kannten. Tatsächlich positionierte sich Uber von Anfang an als Spielzeug für junge Lebemänner wie die Gründer, was auch an seinem ersten Marketing-Slogan zu erkennen war: „Ein privater Chauffeur für jeden.“ Der sparsame Kalanick – der noch ein Geizkragen blieb, als er auf dem Papier schon lange Milliardär war – schreibt Camp das Verdienst zu, die Inspiration für Uber als Lifestyle-Marke geliefert zu haben: „Es gibt niemanden, der lässiger bei einem Uber-Auto ein- oder aussteigt als Garrett Camp“, sagt er.

Ein paar Tage nach dem Start von UberCab begann Kalanick, der dort inzwischen den Titel „Chief Incubator“ trug, zusammen mit Graves, Geld für das neue Unternehmen zu beschaffen. Ein Start-up auf der Suche nach Kapital braucht einen CEO, und diesen Titel bekam Graves, der als Geschäftsführer angestellt worden war, nachdem er Kalanick auf Twitter wegen eines Jobs kontaktiert hatte. „Man kann keine erste Finanzierungsrunde ohne CEO machen“, sagt Kalanick, der bei Uber immer noch nur in Teilzeit arbeitete. „Graves war in Vollzeit dabei, also haben wir gesagt, ‚Graves, du machst den CEO‘.“

Zusammen gingen die beiden auf Werbetour bei Investoren, was anfangs aber nicht gut lief. David Hornik von August Capital mochte die Idee nicht, wie er sagt: Er habe gedacht, das Limousinen-Geschäft sei nicht groß genug. Bill Gurley von Benchmark Capital hatte ähnliche Vorbehalte. Ram Shriram, der dank Camp schon Geld mit StumbleUpon verdient hatte, war der Meinung, Uber habe nicht die richtigen Eigenschaften für ein Technologieunternehmen. „Ich habe ihnen gesagt, dass ich nicht in kapitalintensive Unternehmen investiere und dass ich nicht mit 15 Lincoln Town Cars in meiner Einfahrt enden möchte“, sagt er. Mehrere Investoren sahen ein Alarmzeichen in der Weigerung von Camp und Kalanick, sich in Vollzeit für Uber zu engagieren. Und Ryan Graves war, nur drei Monate nach dem Start seiner Entrepreneur-Karriere im Silicon Valley, in ihren Augen kein überzeugender CEO.

 

Die dunklen Seiten des Aufsteigers

Lashinsky illustriert diese Entwicklung mit unzähligen Recherchen und Anekdoten. Der Autor benennt die dunklen Seiten des Unternehmens ebenso wie die Fehlentwicklungen, die Kalanicks Handschrift tragen. Einen nicht zu unterschätzenden Anteil daran hat das chauvinistische Frauenbild des Gründers und seines Managements. Auch beim Umgang mit sensiblen Daten ließ Uber nie die erforderliche Sorgfalt walten.

Das galt sowohl intern als auch extern. Lashinsky weiß von einem Blogbeitrag zu berichten, in dem sich Uber dummdreist rühmte, die Zahl der One-Night-Stands seiner Kunden zu kennen, und damit offenbarte, dass Nutzerdatan analysiert werden. Aber auch der Schutz der Daten vor fremden Zugriffen wurde in dem Unternehmen sehr großzügig ausgelegt. Dass bereits 2014 mindestens 50.000 Fahrerdatensätze bei einem Hack erbeutet wurden, dürften die meisten schon wieder vergessen haben.

Kalanick gewinnt zunehmend Vertrauen in den Autor und erkennt, dass ihm die Kooperation mit Lashinsky nützlich sein kann. Mehr als drei Stunden schlendern die beiden durch das abendliche San Francisco. Dann ist das Eis gebrochen. Kalanick stellt persönliche Fragen und offenbart sein Seelenleben.

Leseprobe: Adam Lashinsky, Ubermacht, Seite 236 f.

Nach mehr als drei Stunden Spazierengehen ist es kalt und dunkel geworden. Mir fällt plötzlich ein, dass Donald Trump am selben Abend bei der National Convention der Republikaner in Cleveland die Nominierung durch seine Partei annimmt. Während Kalanick und ich über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Uber reden, sagt Trump einem landesweiten Publikum, nur er allein könne es richten. Der Rest der USA mag an diesem Abend vor dem Fernseher kleben, doch wir sprechen kein einziges Mal über politische Themen.

Irgendwo in der Nähe der Marina Green, einem Stück Land neben der Bucht, in der 1920 der erste Flugplatz von San Francisco gebaut wurde, wird das Gespräch sehr persönlich. Wir sprechen darüber, wie Kalanick und Uber in der Außenwelt wahrgenommen werden. Bei einem unserer ersten Treffen, in dem es um dieses Buch ging, hatte Kalanick von sich aus die E-Mail angesprochen, in der er mir zwei Jahre zuvor gedroht hatte, er werde mir Schwierigkeiten bereiten, wenn ich ohne Abstimmung mit ihm weitermache. Jetzt wenden wir uns der Frage zu, wie Uber vom Liebling der Medien zu ihrem Bösewicht werden konnte. Kalanick war fast ein bereitwilliger Komplize bei dieser Metamorphose – oft schürte er das Feuer noch, indem er selbst den Bösewicht spielte. Er selbst bezeichnet das als „kleine Momente der Arroganz, in denen ich etwas Provokatives sage“ – zum Beispiel seine E-Mail an mich oder das Erwähnen von Taxifahrern und Arschlöchern im selben Atemzug. Ich frage, ob ihn interessiert, was man über ihn denkt. Die Antwort: „Klar, es ist nicht gut für Uber, es ist nicht gut für mich, es ist nicht gut für die Leute, mit denen ich spreche. Es ist schlecht für alle.“

Wenn Kalanick in die Defensive gerät oder genervt ist, kann er das schlecht verbergen. Seine Momente der Kränkung schreibt er einer „erbitterten Suche nach der Wahrheit“ zu – wer genau das sagt, was er denkt, ohne Rücksicht auf Empathie, wird eben verurteilt. Damit ist er nicht allein. Dieselbe Eigenschaft wurde schon Steve Jobs, Jeff Bezos und Kalanicks Altersgenossen Elon Musk zugeschrieben. Kalanick ist sich dessen bewusst und spricht von einem „Mem, laut dem Gründer-CEOs Arschlöcher sein müssen, um Erfolg zu haben.“ Das weist er zurück, trotzdem ist er offensichtlich fast besessen davon. „Ich denke, es gibt da draußen eine Frage“, sagt er und geht dabei von all- gemeinen Betrachtungen zu sich selbst über: „Ist er ein Arschloch? Sie haben Zeit mit mir verbracht, also wird eine der großen Fragen, die man Ihnen stellen wird, lauten, ob ich ein Arschloch bin.“

Als technischer Mensch will Kalanick glauben, dass es auf diese Frage eine wissenschaftliche Antwort gibt. Ich merke an, dass die Antwort eine Frage von Meinungen ist und auch immer sein wird, nicht von Fakten. Davon will er nichts hören. „Ich will wissen, ob das echt ist oder nicht. Löse ich bei bestimmten Leuten etwas aus, das mit etwas zusammenhängt, das ich nicht gemacht habe? Oder bin ich ein Arschloch? Ich würde das wirklich gerne wissen.“ Und weiter: „Ich glaube nicht, dass ich ein Arschloch bin. Ich bin mir da ziemlich sicher.“ Ich frage ihn, ob er sich auf die eine oder andere Weise dafür interessiert, was andere Leute über ihn denken. „Ich kann dazu sagen: Wenn man ein Wahrheitssucher ist, will man nur die Wahrheit. Und wenn man glaubt, dass etwas noch nicht die Wahrheit ist, dann will man weiter nach ihr suchen. So funktioniere ich einfach.“

 

Der Autor wurde zum Opfer der Zeitläufte. Nach der Drucklegung verlor Travis Kalanick auf Druck von Uber-Investoren seinen Posten als CEO an den früheren Expedia-Chef Dara Khosrowshahi. Das war im Herbst 2017. Weitere Skandale kamen ans Tageslicht – zuletzt über den gescheiterten Versuch, einen gigantischen Datenklau durch Hacker zu vertuschen. Den Beweis, dass Uber nicht nur wachsen, sondern auch Geld verdienen kann, muss die Zukunft erbringen.

Ubermacht – in der deutschen Ausgabe mit einem Vorwort des früheren „Bild“-Herausgebers Kai Diekmann erschienen – ist ein gründlich recherchiertes und unterhaltsam aufgeschriebenes Psychogramm des früheren Uber-CEO. Der Autor zeigt auch auf, wie die Vorgeschichte, die Vergangenheit und die geplante Zukunft des Weltunternehmens aussieht. Dabei spart er die negativen Seiten nicht aus – sowohl was die zentrale Figur Kalanick betrifft als auch das Unternehmen selbst. Er findet einen sachlichen Ton zwischen den in der öffentlichen Meinung häufig anzutreffenden Polen der Glorifizierung und der Verteufelung. Wer Travis Kalanick einmal persönlich kennengelernt hat, entdeckt diese facettenreiche Persönlichkeit an vielen Stellen des Buches wieder.  

Die Leseproben erscheinen mit freundlicher Genehmigung des Plassen Verlages.

Adam Lashinsky
Ubermacht.
Preis: 19,99 € (A: 20,60 €)
320 Seiten | gebunden mit SU

ISBN: 978-3-86470-441-3
Kulmbach, Juni 2017

 

Bild: Gettimages / Michael Kovac / Kontributor

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