Wie die Autoindustrie Startups ausnutzt

Die meisten Hersteller haben ein Inkubator-Programm. Dafür werden Milliarden locker gemacht. Doch für die beteiligten Startups kann das gefährlich werden.

Auf dem Web Summit in Lissabon habe ich mir mal den Spaß gemacht, alle Startups zu zählen, die damit warben, irgendwie mit dem Thema „Mobilität“ in Zusammenhang zu stehen. Bei Nummer 60 habe ich aufgehört zu zählen. Der Markt für Dienstleistungen im Mobilitätssektor, egal ob Hardware oder Software, ist kaum mehr zu überschauen. Was eigentlich dafür sprechen sollte, dass sich die Branche in den nächsten Jahren massiv verändern wird. Nur wenn es mit der eingesessenen Industrie so weiter geht wie bisher, werden nicht die Startups die Wende einläuten, sondern die alten Hersteller verspätet mit den Ideen der Jungunternehmer nachziehen.

Das Problem sind die Autobauer und Zulieferer, die den Markt noch immer beherrschen. Erstmals aufgeschreckt wurden sie durch den Diesel-Skandal und die Erfahrung, wie die Digitalisierung in der Musik- und E-Commerce Branche zugeschlagen hat. Jetzt bloß nicht die gleichen Fehler machen, die andere Branchen gemacht haben, ist seitdem die Devise. Kurzerhand wurden eigene Inkubatoren aufgesetzt und viel Geld in junge Unternehmen investiert.

Eine Strategie sieht anders aus

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Das Auswahlprinzip der Startups, die bislang gefördert wurden, ist allerdings kaum nachvollziehbar. Oft reicht es, wenn Startups irgendetwas mit „Big Data“ machen bis hin zu Unternehmen, die sich im Bereich Autonomes Fahren spezialisiert haben. Und schon klingeln die Kassen. Vor allem für die Technologie, die uns irgendwann selbstständig von A nach B bringt, kauft man sich auch schon mal für eine knappe Milliarde Dollar ein. Doch kaum eines der gekauften Unternehmen kann bisher wirtschaftliche Erfolge nachweisen.

Die Förderungspolitik der Hersteller macht den Eindruck eines riesigen, unmoderierten Auswahlprozesses und erinnert an einen Gärtner, der nicht weiß, was er da eigentlich ernten will. Also pflanzt er alles in seinen Garten, was ihm gerade in die Hände fällt, um am Ende wieder das herauszurupfen, was ihm nicht passt oder gefällt. Eine Strategie sieht anders aus. Das ist reines, oft kopfloses Taktieren, ohne einen längerfristigen Plan.

Und so kommt es, dass sich Hunderte von Startups um die großen Töpfe der Konzerne scharen, damit sie in irgendein Förderungsprogramm rutschen. Egal, ob das Produkt nur aus einer Idee oder mehr besteht. Gleichzeitig haben die meisten Startups ohne die Zuschüsse aus der Industrie kaum Chancen, sich auf dem Markt zu etablieren – denn die Hersteller hüten ihre Marktmacht.

Inkubatoren sind der „Ideen-Lieferant“ fürs eigene Haus

Denn eigentlich wollen sie gar nicht, dass da jemand anders kommt und ihnen den Platz streitig macht. Der Leiter eines Inkubators meinte in überraschender Ehrlichkeit mir gegenüber, dass man den eigenen Inkubator als „Ideen-Lieferant für das Haus“ ansehe. Der Eindruck, dass es manchen Herstellern gar nicht darum geht, ein Startup hochzuziehen und zusammen Geld zu verdienen, sondern nur darum, die Ideen anzuschauen, um sie dann in Eigenregie weiter zu entwickeln, bleibt nicht aus. Allein schon deshalb, weil sehr viele Förderungsprogramme nur wenige Monate laufen.

Für die Startups bedeutet dies einerseits, dass sie auf einen Schlag mit viel Geld ihre Produkte und Ideen weiterentwickeln können. Andererseits laufen sie Gefahr, nach wenigen Monaten wieder alleine dort anknüpfen zu müssen, wo sie angefangen haben. Aber was bleibt Startups übrig, als sich auf das Risiko einzulassen?

Vor allem Hardware-basierte Entwicklungen werden in Deutschland bisher nur sehr ungern von externen Kapitalgebern gefördert. Die „alte“ Industrie versteht besser, was in Zukunft benötigt wird und sie hat das Geld dafür. Wehren können sich die Startups dagegen nur schwer. Sie können nur hoffen, dass die Unterstützung der Industrie nicht nur aus einer Absichtserklärung besteht. 

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobil-Branche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

Bild: Getty Images /John Lund/Stephanie Roeser

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