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„Wir können eine Menge von Startups lernen“

Audi-CEO Rupert Stadler vor dem neuen Audi Q2 SUV, der im Herbst 2016 auf den Markt kommt.

Audi-CEO Rupert Stadler spricht offen über die Digitalisierung, die Disruption seiner Branche und die Vorteile, die Startups haben.

Rupert Stadler wirkt entspannt. Im überheizten Interview-Raum legt er sein Sakko ab und krempelt die Ärmel seines Hemdes hoch. Dabei lastet eine gehöriger Druck auf dem CEO der Audi AG. Die Konzernmutter VW steht wegen der Dieselaffäre mit dem Rücken an der Wand. Die Konkurrenz von Mercedes hat in den letzten Jahren merklich aufgeholt und bei den Verkäufen die Ingolstädter in manchen Monaten überholt. Und dann erscheint mit Tesla auch noch ein neuer Konkurrent im Luxus-Segment, der Audi, wie auch Daimler oder BMW, spürbar Kunden wegnimmt. Gleichzeitig muss Stadler den Konzern aber für die kommende Disruption vorbereiten, die in den nächsten zehn Jahren von Google, Apple und anderen US-Unternehmen angeführt wird.

Auch wenn sich der 1963 in Titting (Bayern) geborene Manager nicht sonderlich aus der Ruhe bringen lässt, merkt man ihm, wie auch vielen anderen Top-Managern in der Industrie, an, dass die Herausforderungen keine leichte Aufgabe darstellen. Im Gespräch mit der Gründerszene beschreibt er diese Aufgaben, erklärt, warum Startups für das Unternehmen wichtig sind und er wirft einen Blick in die Zukunft der Digitalisierung in der Automobilbranche.

Die Digitalisierung des Autos ist nicht aufzuhalten. Sie wurden mal mit dem Satz zitiert, dass Audi bis 2025 die Hälfte des Umsatzes durch neue digitale Angebote und Serviceleistungen erwirtschaften möchte. Ist der im Herbst erscheinende Audi Q2 SUV der Einstieg in diese neue Strategie?

Der neue Audi Q2 wird in seiner Klasse auf jeden Fall Standards beim Thema Digitalisierung setzen. Bei Audi beschäftigen wir uns schon lange mit diesen neuen Technologien. Als erster Premiumautomobilhersteller sind wir 2011 mit einem eigenen Messestand auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas aufgetreten. Seitdem haben wir unsere Modelle nach und nach mit den neuesten Kommunikationstechnologien ausgestattet. Denn unsere Kunden wollen ,always on’ sein.

Es scheint sich im Moment eine regelrechte Monokultur in Sachen SUVs zu entwickeln.

Audi ist der erfolgreichste Hersteller von Premium-SUV. Die Q-Familie ist fester Bestandteil unserer Strategie. Der Audi Q2 ist der nächste konsequente Schritt, mit ihm wollen wir ein komplett neues Marktsegment erschließen. Gleichzeitig ist unser neuer Kompakt-SUV perfekt auf die Bedürfnisse unserer Kunden in den Großstädten und die damit verbundenen Veränderungen abgestimmt.

Welche Veränderungen meinen Sie?

In den Mega-Citys dieser Welt werden vernetzte Automobile schon bald Standard sein, außerdem werden Parkplätze immer heißer umkämpft. Daher ist der neue kompakte Q2 die perfekte Antwort auf die Veränderungen. Gleichzeitig treiben wir bei Audi das pilotierte Fahren mit Hochdruck voran, um den Fahrer im Stop-and-go Verkehr zu entlasten. Erste Funktionen können unsere Kunden schon heute im Q7 und im A4 erleben. Mit dem neuen A8 geht die Evolution dieser Technologie in die nächste Phase.

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Stichwort pilotiertes Fahren: Wird es mal einen Audi ohne Lenkrad geben? Es gibt Konkurrenten, die so etwas testen.

Sie spielen auf die Prototypen aus dem Silicon Valley an. Da haben wir eine klare Position. Der Kunde ist bei uns kein Beta-User, an dem wir Updates testen. Das kann man vielleicht mit dem Betriebssystem eines Smartphones machen, aber nicht mit dem Auto. Da geht es um sicherheitsrelevante Themen und wir haben den Anspruch, Sicherheit zu garantieren.

Ist Ihnen persönlich die Vernetzung des Autos wichtig?

Ich arbeite viel unterwegs und ein digital-vernetztes Automobil gehört für mich dazu. In Stop-and-go-Situationen würde ich gerne schon heute den Autopilot drücken. Da spart man Unmengen von Zeit, was auch der Familie zu Gute kommt. Alles, was ich morgens im Auto schon wegarbeiten kann, muss ich abends nicht mehr machen.

Die neue Elektronik bedeutet für die Autoindustrie auch einen Paradigmenwechsel. Weg vom reinen mechanischen Produkt, hin zu einem Software-Dienstleister. Muss man diesen Wechsel vollziehen, um Google oder Apple abzuschütteln oder wird es in dem Bereich Kooperationen geben?

Fest steht: Die Automobilindustrie muss sich den neuen Technologien, die auch von Playern wie Google vorangetrieben werden, rasant öffnen. Wer das nicht macht, wird auf der Strecke bleiben. Wir werden vielleicht nicht jede kleine Software selber schreiben. Aber wir werden flexible Kooperationen und Joint-Ventures eingehen, um uns mit dem Wissen von Startups und anderen Unternehmen zu stärken und zu ergänzen.

Audi arbeitet ja schon mit Google und Apple zusammen.

Wir setzen seit mehreren Jahren Softwarelösungen der Unternehmen in unseren Autos ein, das stimmt. Aber wir haben den Schlüssel zu allem, wir haben die Fahrzeugdaten und wir haben das Know-how, wie man all die verschiedenen Technologien sicher und zuverlässig miteinander kombinieren kann.

Was kann ein Unternehmen wie Audi von Startups lernen?

Startups sind viel schlanker und kommen sehr schnell auf den Punkt. Wir müssen beweglicher werden und da können wir von Startups eine Menge lernen. Wir arbeiten ja schon seit einiger Zeit erfolgreich mit verschiedenen Startups zusammen und wir werden das weiter ausbauen.

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Wie sollen Konzerne aber beweglicher werden, wenn man gleichzeitig Fahrzeuge entwickelt, Software schreibt, eine riesige Modellpalette hat und Google abwehren muss?

Mit dem Kauf des Kartenanbieters Here im letzten Jahr  haben die deutschen Premiumhersteller ein Zeichen gesetzt. Daran sieht man, dass wir unsere Firmen schon jetzt auf die nächsten Trends in der Mobilitätsindustrie vorbereiten.

Was sind denn die Themen, die ihrer Meinung nach in den nächsten 10 Jahren dominieren werden?

Ganz klar: Urbanisierung, Digitalisierung und Elektrifizierung. Diese Punkte werden für eine Transformation der Mobilität sorgen.

Damit verbunden ist sicher auch die Frage, wer in Zukunft noch ein Auto in einer Stadt haben will.

Das Bedürfnis nach Mobilität wird eher zunehmen, aber die Form der Mobilität wird sich verändern. Wenn ich mir in New York einen Audi Q3 kaufen möchte, dann zahle ich vermutlich mehr für den Parkplatz als für die Leasingrate. Für uns bedeutet das, dass wir App-gesteuerte Angebote in unserem Programm haben müssen, die dem Kunden entgegen kommen. Und zwar zugeschnitten auf die Mobilitätswünsche jedes Einzelnen.

Audi sucht also neue Vertriebswege?

Wir werden unsere Händler auch in unsere neuen Mobilitätsangebote einbinden. Gemeinsam können wir mit dem Kunden permanent in Kontakt sein , wenn dieser das wünscht. Es ist nicht mehr wie früher, als der Kunde mit seinem neuen Auto den Hof verließ und man ihn vielleicht mit Glück drei Jahre später wiedergesehen hat.

Wie sehen solche neuen Kontaktstellen aus?

Ein Beispiel. Ein Bekannter erzählt mir neulich, dass er mit seiner Familie in den Urlaub gefahren ist. Hinten saßen die Kinder, die sich gelangweilt haben. Warum, hat mich der Bekannte gefragt, verkauft ihr mir nicht für ein paar Euro einen Film, damit die Kids beschäftigt sind? Das ist eine Serviceleistung, die man als Hersteller vorher so nicht kannte. Aber damit kann man natürlich auch Geld verdienen und wir werden nach und nach neue Geschäfts-Modelle erschließen.

Die Revolution in der Branche geht also weiter.

Die Revolution hat gerade erst angefangen. Klar ist: Wer sich heute nicht auf die neuen Themen vorbereitet, der wird es in der Zukunft schwer haben. Wir müssen die angesprochenen Punkte auch umsetzen. Also die Digitalisierung des Unternehmens, das Öffnen für Startup-Strukturen und die Wünsche unserer Kunden noch früher erkennen.

Dazu gehört auch der Antrieb. Im Moment reden alle von der Brennstoffzelle.

Wir haben im vergangenen Jahr zwei Studien zu dem Thema vorgestellt. Wir wollen die Brennstoffzelle auf die Straße bringen. Einfach ist das natürlich nicht, da gibt es noch große Hürden. Zum Beispiel fehlt es an der notwendigen Infrastruktur. Und ob sich der Wasserstoffantrieb gegen den Akku durchsetzt, kann zu diesem Zeitpunkt niemand sagen.

Aber ist es nicht auch so, dass die Brennstoffzelle, weil sie viel komplexer in der Herstellung ist, für die Industrie auch so etwas wie ein Gatekeeper sein kann? Einen Elektromotor kann ich ja an jeder Ecke kaufen, eine Brennstoffzelle nicht. Also eignet sich die Brennstoffzelle dazu, die neue Konkurrenz fern zu halten.

Die Brennstoffzelle macht dann wirklich Sinn, wenn man das Ziel „Zero-Emmission“ im Kopf hat. Nur dann lohnt sich das. Wir arbeiten aber schon in die Richtung. Es gibt eine Pilotanlage zur CO2-neutralen Erzeugung von Wasserstoff, Strom und Erdgas. Das Problem sind die Wirkungsgradverluste bei der Umwandlung der Energie. Hier braucht es noch viel Forschung. Aber da sind wir dran.

Wie sieht denn das Auto der Zukunft aus?

Das pilotierte Fahren wird zunehmend eine größere Rolle spielen. Ob es schon serienmäßig in allen Autos verbaut sein wird oder ob es noch eine Option sein wird, die man dazu kaufen kann, ist schwer zu sagen. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass wir bis 2025 einen hohen Grad an künstlicher Intelligenz sehen werden. Die selbstlernenden Systeme werden sich anden Fahrer anpassen und dessen Wünsche unterstützen. Dazu kommt eine komplett andere Verkehrsinfrastruktur, denn 70 Prozent der weltweiten Infrastruktur, die es 2050 geben wird, ist heute noch nicht mal in Planung. Das sind die Herausforderungen, denen wir uns stellen.

Bild: Audi AG

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