Wie PTScientists den Weltraum demokratisieren will

Das Technologie-Startup baut sein Geschäftsmodell rund um Reisen ins All. Und die müssen – vorerst – gar nicht bis zum Mars gehen, finden die Berliner.

Wer Ridley Scotts „Alien: Covenant“ gesehen hat, kennt die Technologie von PTScientists. Oder zumindest einen Teil davon: Der Rover des Berliner Startups, der Audi Lunar Quattro, hat einen Auftritt in einer frühen Szene des Films.

Laut Karsten Becker, Head of Electronics bei PTScientists, fand der Regisseur das Fahrzeug „so cool“, dass er Audi kontaktierte und fragte, ob er es benutzen dürfe. „Er wollte ein bisschen Weltraum-Hardware in seinem Film haben“, sagt Becker. „Natürlich hat Audi sofort zugestimmt.“ Becker war es auch, der die Maschine auf vier Rädern am Set steuerte. „Viele unserer Freunde und Fans waren völlig baff“, erzählt er. „Der Rover wird langsam zu einem kleinen Promi.“

Doch abseits von Kurzauftritten in Sci-Fi-Filmen haben die PTScientists in ihrem Coworking-Space in Berlin-Marzahn eine Mission – den Flug zum Mond. Sollte sie erfolgreich verlaufen, wäre das Startup die erste europäische Organisation, die auf dem Erdtrabanten landet, nach den USA, China und Russland.

Mission zum Mond

Inspiriert von den Visionen in Isaac Asimovs Sciene-Fiction-Romanen, stellte Robert Böhme, Gründer und CEO von PTScientists, 2008 ein Team zusammen, um am Google Lunar Xprize teilzunehmen. Das Team, das als erstes auf dem Mond landet, 500 Meter weit fährt sowie Videos und Bilder in HD zur Erde schickt, sollte 20 Millionen Dollar Preisgeld bekommen.

„Wir entdeckten viele Hindernisse, die wir auf dem Weg dahin überwinden müssen“, sagt Böhme. „Aber wir sahen keinen einzigen Grund, warum wir es nicht versuchen sollten.“ Die Buchstaben PT als Abkürzung für Part Time (Teilzeit) hätten schnell ihre Bedeutung verloren, erzählt Becker. Technologie und Infrastruktur zu bauen, die beweist, dass in der Entdeckung des Weltraums ein Geschäftsmodell steckt, ist ein Vollzeitjob.

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Der Audi Lunar Quattro Rover von PTScientists

„Das Ziel, das mich und uns bei PTScientists antreibt, ist, die private Erkundung des Alls voranzubringen“, sagt Böhme. „Das ist wohl eines der schwierigsten Vorhaben überhaupt, weil es weggeht von etablierten und lukrativen erdgebundenen Geschäftsmodellen und uns zwingt, neue Wege zur Profitgenerierung zu finden, während wir den Einflussbereich der Menschheit über die Erde hinaus erweitern.“

Das Team schaffte es jedoch nicht, einen Start zum Mond für 2017 zu arrangieren – die Deadline des XPrize – und begann sich zu fragen, ob die Teilnahme am Wettbewerb wirklich der beste Weg für die junge Firma war. „Die Privatisierung des Weltraums hat eine völlig neue Welt eröffnet“, sagt Böhme. „Entgegen meiner vorherigen – und der allgemeinen – Überzeugung, dass Raumfahrt Regierungssache ist, war ich fasziniert von den vielen neuen Möglichkeiten.“

Ein Geschäftsmodell nicht von dieser Welt?

PTScientists will es Menschen nach eigener Aussage ermöglichen, „neuartige Forschung zu betreiben und Weltraumaktivitäten in neue Märkte zu bringen“, unabhängig von Regierungen und anderen politischen Akteuren. Die Frachtoptionen: „Kleine“ Lieferungen von 0,5 bis 0,99 Kilogramm kosten 800.000 Euro, „große“ Pakete mit zwei Kilo oder mehr hingegen 700.000 Euro pro Kilogramm. Deswegen müssten das Raumfahrzeug ALINA (Autonomous Landing and Navigation Module) und die Rover so leicht wie möglich sein, erklärt Becker. Viele der Teile von ALINA und 80 Prozent des Rovers bestünden etwa aus einer 3D-gedruckten Aluminium-Legierung.

Mit solchen Materialien zu experimentieren, sei ein Luxus, den steuerfinanzierte Regierungsprogramme sich nicht leisten könnten. „Als wir im Johnson Space Center der NASA zu Besuch waren, um unseren Rover in deren Testumgebung zu zeigen, sagte einer der Ingenieure zu seinem Kollegen: ‚Siehst du, ich hab doch gesagt, dass man 3D-gedrucktes Aluminium für Rover benutzen kann!‘", erinnert sich Becker.

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Das Team von PTScientists

Laut PTScientists kann ALINA bis zu 100 Kilo Fracht auf die Oberfläche des Mondes bringen, zwei Rover eingerechnet. Nach der günstigsten Frachtoption gerechnet, würde das sieben Jahre alte Startup damit mindestens 70 Millionen Euro verdienen. Auf dem ersten Flug sollen jedoch nur 30 Kilogramm für Kunden zur Verfügung stehen.

Was es wiederum kostet, die entsprechende Technologie zu entwickeln, sei „wirklich schwer zu beantworten“, sagt Becker. Der Produktionswert des Rovers liege bei „rund einer Viertelmillion Euro“. Das beinhalte aber noch nicht die Kosten für Fertigung, Forschung und Entwicklung, „die wahrscheinlich den größten Teil ausmachen“. Auch die Kosten für den Start ins All müssen eingerechnet werden. Dadurch, dass ALINA so leicht sei (230 Kilogramm) könnten sie jedoch „signifikant gesenkt“ werden, sagt Becker. Das Startup schätzt, dass zukünftige ALINA-Starts zum Mond zwischen 20 und 30 Millionen US-Dollar kosten werden.

Schwieriger Weg zum Mars

Zwar würden gerade alle vom Mars reden – die NASA, Elon Musk, Jeff Bezos – doch das seien auf kurze Sicht unrealistische Pläne, sagt Kate Arkless Gray, Kommunikationschefin der PTScientists. „Der Mond ist das perfekte Testgelände für all die Technologie, die wir brauchen, um eine multiplanetare Spezies zu werden“, erklärt Karsten Becker. „Er ist viel näher, man braucht nur ein paar Tage, um hinzukommen, und auch nur ein paar Tage für den Rückweg zur Erde, falls etwas schiefgeht.“

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Es ist einer der großen Vorteile von Privatunternehmen gegenüber staatlichen Weltraumprogrammen: Sie können mit unterschiedlichen Technologien herumexperimentieren, etwa 3D Druck, und wenn etwas schiefgeht, versuchen sie es einfach noch mal. Darüber hinaus können sie ihre Produktion schneller optimieren, ohne die aufwändigen Finanzierungsprozesse, die NASA, ESA und DLR plagen. „Jede Weltraumbehörde, mit der ich gesprochen habe, weiß, dass sie vieles billiger bewerkstelligen könnte, wenn nicht alles so politisch wäre“, sagt Becker.

Doch den PTScientists geht es um mehr als sinkende Kosten und steigende Einnahmen, es geht ihnen um die Demokratisierung des Zugangs zum Weltraum. „Wenn wir Erfolg haben, ist das ganz sicher einen Win-Win-Situation für die ganze Menschheit“, sagt Robert Böhme.

365 Tage und die Uhr tickt...

Der Start sei für 2018 geplant, das genaue Datum jedoch noch nicht festgelegt, sagt Arkless Gray. „Wir müssen uns die Bedürfnisse der anderen Organisationen berücksichtigen, mit denen wir uns die Rakete teilen. Am Ende geht es um sehr komplexe orbitale Mechaniken.“

Außerdem würden Starttermine immer wieder „aus allen möglichen Gründen“ verschoben, fügt sie hinzu. Momentan sieht es so aus, als gebe es zwei Launch-Partner, um wen es sich handelt, darf PTScientists verraten. Nur soviel: Vom Raumbahnhof Cape Canaveral wird es mit einer Falcon ins All gehen, jener Rakete, die Elon Musks Unternehmen SpaceX baut. „Das ideale Szenario wäre eine sichere Reise zur Ruhestätte des Apollo-Rovers an der Landestelle der Apollo-17-Mission“, sagt Böhme.

Bilder: PTScientists

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