Trends, Innovationen und Digitales aus dem Mobilitätsbereich

Alle 30 Sekunden erscheint am Lkw eine neue Werbung

Ein Gründer bringt digitale Werbespots auf den Lkw: Seine Firma baut Flachbildschirme an die Hecktür und sendet Werbebotschaften. Doch nicht alles ist erlaubt.

Auf dem Tisch liegen mehrere Lötkolben, Platinen und andere elektronische Bauteile. An den Wänden stehen dünne Glasscheiben samt Metallrahmen. Auf dem Boden in der Ecke findet sich ein noch halb gefüllter Kasten Welde-Pils No. 1. Andreas Widmann entschuldigt sich für die Unordnung. Dabei ist dies der ideale Platz für ein Startup-Unternehmen und dessen Kreativität. Früher hat der 26-jährige Tüftler einen Drahtbiegeroboter und eine digitale Wetterstation gebaut.

Heute schraubt er große Lesebildschirme zusammen und verbindet sie mit einem GPS-Sender, einer WLAN-Antenne und ausgeklügelter Ansteuerungselektronik für die Signale. Manchmal brennt das Licht in dem Raum im Mannheimer Gründerzentrum Mafinex bis tief in die Nacht hinein. Nebenan im Büro kleben Dutzende gelbe Zettel an der Wand, darauf sind Firmennamen wie TUI, Nestlé oder DHL zu lesen. „Einige Unternehmen haben wir schon angesprochen“, sagt Widmann. Die anderen Namen folgen in den kommenden Wochen.

Werbung kann an die Position der Lkw angepasst werden

Wenn der studierte Biologe Widmann von seinen Heldentaten der vergangenen Monate erzählt, blitzen seine blauen Augen auf: Ein paar Tage ist er in einem Lieferwagen mit hohem Tempo über Feldwege gejagt, um die am Heck des Fahrzeugs angeschraubten Flachbildschirme auf Haltbarkeit zu testen.

Widmanns Firma Road Ads bringt Werbung auf die Hecktür eines Lastwagens. Die Werbebilder wechseln alle 30 Sekunden und werden bis auf fünf Meter genau an die Position des Fahrzeugs angepasst. Das ist der Clou: Auf der Lkw-Rückwand kann ein Autohof direkt auf den letzten Kilometern vor der Autobahnausfahrt darauf hinweisen, dass das Nudelgericht im Angebot ist oder eine Grillaktion stattfindet.

Die Raststätte kann sogar mit einem Rabatt werben, der mit einem Codewort aus der rollenden Werbedarstellung eingelöst wird: Kaffee zum halben Preis beim Stichwort „Bohne“. Selbst ein Heiratsantrag ist möglich. Die Technik setzt personalisierten Werbespots kaum Grenzen.

Das Potenzial dafür ist da. Rund drei Millionen Lkw sind in Deutschland zugelassen. Hinzu kommen ausländische Lastwagen. Jeden Tag rollen Hunderttausende Transportfahrzeuge auf den Autobahnen durch das Land. Als Werbung darauf existiert bislang nur Schrift auf der Plane oder am Heck.

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Ein Dutzend Lkw mit digitalen Litfaßsäulen rollen schon

Doch in Zeiten der Digitalisierung sind ganz andere Werbeformen möglich. Online-Werbung bemächtigt sich fast aller Lebensbereiche – von den sozialen Medien bis zu Bildschirmen im Bahnhof. Und jetzt kommt die Straße mit ihren Fahrzeugen hinzu. Groß genug ist der Markt für die Außenwerbung allemal: Auf rund 1,3 Milliarden Euro Umsatz kamen die Außenwerber vergangenes Jahr, Tendenz steigend.

Ein Dutzend der rollenden digitalen Liftfaßsäulen sind für Road Ads derzeit unterwegs. Die Lkw fahren etwa auf den Strecken von Reutlingen nach Bremen oder von Stuttgart in das ungarische Budapest. Im Mittelgebirge Harz testet ein örtlicher Busbetrieb die Werbung. Die ersten Werbespots kommen von Autohöfen oder Lkw-Herstellern. In Österreich wirbt zum Beispiel der Fußballverein Rapid Wien auf den Lkw-Bildschirmen. Ende des Jahres werden es durch bereits abgeschlossene Verträge 30 Lkw-Züge sein, bis 2020 will Road Ads etwa 1000 Lastwagen mit der Werbetechnik ausstatten. In Europa gibt es bislang kein ähnliches Werbeobjekt.

Speditionen werden an den Werbeerlösen beteiligt

„Unser Projekt hat vor drei Jahren begonnen. Von Anfang an ist die ganze Familie mit dabei“, sagt Widmann. Gerade hat der 83-jährige Großvater, ein gelernter Schlosser, einen mobilen Kran aus Stahlprofilen gebaut, der mit einer Handkurbel funktioniert. Damit können der Enkel und dessen Mitarbeiter die Flachbildschirme an die hohen Lkw-Türen anschrauben. Widmanns Vater arbeitet in der Geschäftsleitung der Spedition LGI Logistics Group in Herrenberg in Baden-Württemberg.

Die ersten Lkw, die die neuartige Werbeform nutzen, stammen aus deren Fahrzeugflotte. Das Geschäftsmodell ist einfach: Road Ads montiert den Bildschirm, anschließend ist die Speditionsfirma an den Werbeerlösen beteiligt. Widmann nennt Anfangssummen zwischen 100 und 500 Euro im Monat. In dem mittelständisch geprägten deutschen Speditionsgewerbe kann dies für manchen Unternehmer eine willkommene Zusatzeinnahme sein.

Gesetzliche Hürden mussten überwunden werden

Widmanns Mutter schließlich hilft in der Buchführung und fährt schon mal einen Bildschirm im Pkw-Anhänger zum Kundentermin. Das Geld für die Gründungsphase stammt neben Fördermitteln zum Großteil aus der Familie. Ein Manager aus der Online-Werbung ist Teil des Gründerteams, eine Grafikerin und IT-Experten gehören zu den ersten Mitarbeitern. Widmann selbst macht gerade noch seinen Masterabschluss in Informatik.

Doch nicht alles klappt im ersten Anlauf.

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