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Warum Amazons Lieferdrohne in Deutschland noch nicht fliegen darf

Paketlieferungen werden endlich real: Amazon startet in Kürze die Zustellung mit intelligenten Drohnen. In Deutschland gibt es für den Einsatz aber eine große Hürde.

Das Fluggerät schiebt sich langsam senkrecht in die Höhe. Dann bleibt es für kurze Zeit in der Luft stehen, um sich anschließend wie ein Flugzeug mit hoher Geschwindigkeit davonzumachen. Der Handelskonzern Amazon hat seine neue Drohnengeneration für den Transport von Paketen in den USA vorgestellt. Starten soll der Dienst mit der Bezeichnung Prime Air in einigen Monaten.

Wie Prime Air konkret aussehen wird, welche Kunden in welchem Land den Dienst nutzen können und was er kostet, ist nach wie vor Amazons Geheimnis. Auch zum möglichen Einsatz in Deutschland wollte das Unternehmen auf Anfrage keine Angaben machen. Gesprächiger wird Amazon, wenn es um die Technik geht.

Tatsächlich haben sich die Ingenieure des Konzerns einiges einfallen lassen. Die Drohne im Hybrid-Design hat sechs Propeller, die zum Schutz von einem Rahmen umgeben sind, der nach dem Senkrechtstart zu Flügeln wird, damit die Drohne größere Entfernungen in hoher Geschwindigkeit zurücklegen kann.

So verspricht Amazon eine Reichweite von 24 Kilometer. Die Drohne soll bis zu 2,3 Kilogramm transportieren können und innerhalb von 30 Minuten nach Bestellung beim Kunden sein.

Damit bewegt sich das Fluggerät außerhalb der Sicht eines Piloten. Es muss also automatisch fliegen. Amazon hat die Drohne mit unterschiedlichen Sensoren bestückt, deren Daten sie mit Hilfe von künstlicher Intelligenz auswertet. Ziel ist es, dass sie auch auf unvorhergesehene Ereignisse in ihrer Umgebung eigenständig reagieren kann.

„Wenn sich die Flugumgebung unserer Drohne ändert oder die Mission der Drohne ihr befiehlt, mit einem Objekt zusammenzustoßen, das vorher nicht vorhanden war, wird sie sich weigern“, sagte Amazon-Manager Jeff Wilke bei der Vorstellung der Drohne auf einer Technologiekonferenz in Las Vegas.

Tatsächlich soll die Drohne mithilfe ihrer eingebauten Algorithmen sogar in der Lage sein, beim Start und bei der Landung Hindernisse wie Wäscheleinen oder Stromkabel zu erkennen, was für Drohnen bisher fast unmöglich war. Während des Fluges erkennt sie sowohl feststehende Hindernisse wie Schornsteine als auch bewegliche Objekte wie einen Paraglider.

Amazon arbeitet bereits seit Jahren an seinem Drohnenprojekt. Konzern-Chef Jeff Bezos hatte 2013 einen Prototyp der Lieferdrohne vorgestellt, der sich von der jetzigen Drohne jedoch deutlich unterschied. 2016 lieferte Amazon per Drohne in Großbritannien ein Paket mit einer Popcorn-Tüte und einen Fire-TV Video-Streaming-Player an die Bewohner eines Bauernhauses aus.

Weltweit arbeiten Logistikkonzern an ähnlichen Lösungen. So startete DHL zusammen mit dem chinesischen Drohnen-Hersteller Ehang erst im Mai ein Pilotprojekt in der südchinesischen 13-Millionen-Einwohner-Stadt Guangzhou. Die Frachtdrohne ist sogar in der Lage, Kisten mit einem Gewicht von bis zu fünf Kilogramm zu transportieren.

Einen weiteren DHL-Test gibt es auch gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit und dem Drohnenhersteller Wingcopter in Afrika. Dort liefert die Drohne Medikamente auf eine Insel im Viktoriasee.

Auch in Deutschland hat es bereits einige Tests von DHL gegeben, darunter auf der Strecke zwischen Bonn und Köln, in Bayern und Lieferungen auf die Nordseeinsel Juist. Doch die Entwicklung ist zäh, die Unternehmen sprechen von „besonderen Regularien“.

Die Drohnenverordnung in Deutschland erlaubt das Fliegen einer Drohne nur auf Sicht. Das heißt, dass ein Drohnenpilot das Fluggerät jederzeit mit dem bloßen Auge sehen können muss, was eine Paketlieferung ausschließt.

Diese Flugdrohne von Wingcopter rettet Menschenleben in Afrika

Drohnen können die medizinische Versorgung entlegener Gebiete revolutionieren. Jetzt wurde die Medikamentenversorgung in Ostafrika erfolgreich erprobt.

Doch das könnte sich irgendwann ändern, denn es wird bereits an technischen Lösungen gearbeitet, die Position von Drohnen auch aus der Ferne zu erfassen. Die Deutsche Flugsicherung (DFS) hat dafür gemeinsam mit der Deutschen Telekom das Unternehmen Droniq gegründet. „Droniq bietet einen Einstieg in den kommerziellen Betrieb von unbemannten Fluggeräten, insbesondere für Drohnenflüge außerhalb der Sichtweite des Steuerers“, sagte DFS-Chef Klaus-Dieter Scheurle.

Das System von Droniq sieht vor, dass die Fluggeräte mit einem Mobilfunkmodul ausgerüstet werden, die über das Mobilfunknetz ihre Position melden und darüber auch gesteuert werden könnten. Zusammen mit den Daten der Deutschen Flugsicherung kann so ein Luftlagebild erstellt werden, um Kollisionen zu vermeiden.

Das Zustellen von Paketen wäre aber nur eines von vielen Szenarien. Droniq denkt eher an die Verwendung von Drohnen für Rettungsdienste, Feuerwehren und Energieunternehmen, die regelmäßig ihre Stromtrassen, Pipelines und Windräder abfliegen und auf Schäden kontrollieren wollen.

Auch autonome Flugtaxis müssten sich in Zukunft auf solche Systeme stützen. Experten erwarten ihren Einsatz bereits in wenigen Jahren, Tests dazu laufen bereits. Insgesamt geht es um einen Milliardenmarkt. Eine Studie des Verbands unbemannte Luftfahrt sagt für Deutschland 126.000 kommerziell eingesetzten Drohnen bis 2030 voraus – ein Anstieg um mehr als 560 Prozent. Der deutsche Drohnenmarkt werde damit auf fast drei Milliarden Euro anwachsen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Welt.de.

Bild: Amazon

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