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Wie BMW den Vorsprung beim autonomen Fahren einbüßte

Mit dem ehemaligen Startup Mobileye an seiner Seite stand BMW lange Zeit an der Spitze der Entwicklung. Dann wurde es in der Hinsicht still um den Münchner Konzern.

Es gibt kaum einen deutschen Hersteller, der in den vergangenen Jahren nicht mit seinen Fortschritten beim autonomen Fahren geprahlt hätte. Mercedes ist vor vielen Jahren schon mit einer umgebauten S-Klasse von Mannheim nach Pforzheim autonom gefahren, und der VW-Konzern hat die Tochter Audi vorgeschickt. Deren Ingenieure ließen einen A7 vollautonom von San Francisco nach Las Vegas fahren. Derartige Schlagzeilen machen sich immer gut, unterstreichen sie doch die technologische Kompetenz der Unternehmen. Erstaunlicherweise hörte man von BMW bisher recht wenig aus dieser Richtung.

Dabei arbeiten die Münchner schon seit Jahren mit dem israelischen Unternehmen Mobileye zusammen, deren Kameratechnologie lange als führend auf dem Markt galt. Ebenfalls mit im Boot bei der Entwicklung autonomer Technologien ist der Fiat-Chrysler Konzern (FCA). Deren Ingenieure sitzen im brandneuen Entwicklungszentrum von BMW in Unterschleißheim und arbeiten direkt mit den Entwicklern von BMW zusammen. FCA baut wiederum die Minivans, mit denen Waymo in den USA seine Software für autonome Autos testet. Allerdings hat FCA keinen Einblick in die Ergebnisse von Waymo.

An Startups scheint BMW nicht interessiert

Dass es bei BMW bisher schleppend voranging mit dem autonomen Fahren, war ein schlecht gehütetes Branchengeheimnis. Kaum vorstellbar, dass sich der Münchner Konzern die prachtvollen Marketingaktionen, die Daimler, Audi, General Motors und Tesla permanent ablieferten, entgehen lassen würde. Ein weiterer Hinweis auf den Rückstand ergab sich aus praktisch nicht vorhandenen Zusammenarbeit mit Startups. General Motors investierte in Cruise und Lyft, Daimler investierte in eigene Startups, und VW baute einen eigenen Campus in Potsdam. Nichts dergleichen gab es bei BMW.

Als vor ein paar Wochen bekannt wurde, dass BMW und Daimler in Zukunft bei der Entwicklung der Software für autonome Autos eng zusammenarbeiten wollen, wurde klar, wo BMW steht. Auf dem Genfer Autosalon meinte ein Daimler-Manager, den ich darauf ansprach, ob Daimler da nicht der Seniorpartner sei: „Da müssen wir erst mal viel Wissen transferieren, bevor wir da weiterkommen.“

Tatsächlich sprechen auch die nackten Zahlen ein deutliches Bild. Bisher hat BMW nach eigenen Angaben rund fünf Millionen Kilometer auf echten Straßen autonom zurückgelegt. Zum Vergleich: Bei Waymo sind es rund 20 Millionen Kilometer, Daimler kommt auf 12 bis 14 Millionen. Während Anbieter wie Aptiv, Waymo und Daimler seit Monaten die ersten Level-4-Fahrzeuge im Stadtverkehr testen, dauert es bei BMW noch ein bisschen. BMW plant, eine Flotte von Level-4-Fahrzeugen Ende 2021 in den Testbetrieb zu übergeben. Bis dahin will General Motor bereits das erste Level-5-Auto auf dem Markt haben.

Kooperation mit Daimler? Sehr gut!

BMW ist sich des Rückstands bewusst und arbeitet nun massiv daran, verlorenen Boden wieder gut zu machen. Die Kooperation mit Daimler mag zwar für viele BMW-Mitarbeiter wie eine Niederlage erscheinen, im Endeffekt ist es eine sehr gute Entscheidung. Es macht sowieso wenig Sinn, dass jeder Hersteller sein eigenes Entwicklungssüppchen kocht, um am Ende das gleiche Ergebnis zu haben.

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Dass man es bei BMW jetzt ernst meint, kann man auch am neuen Datencenter erkennen, das die Münchner vor einem knappen Monat in Betrieb genommen haben. In nur drei Monaten baute man ein Center auf, das 240 Petabyte Daten aufnehmen kann und das von 100.000 Prozessoren angetrieben wird. Die Daten werden teilweise live aus dem Auto heraus analysiert und verarbeitet. Man sei nun auch in der Lage, so BMW, mehr Kilometer virtuell zu fahren, was ebenfalls weitere Erkenntnisse bringen könnte.

Im Nachhinein muss sich BMW den Vorwurf gefallen lassen, dass man zu wenig gemacht hat. Zu wenig wurde investiert, zu wenig der Kontakt zu Startups gesucht, die dann von anderen Herstellern gekauft wurden. Offensichtlich hat BMW darauf gehofft, dass man sich die Technologien für das autonome Fahren von Zulieferern würde kaufen können. Mittlerweile hat man den Fehler eingesehen und reagiert. Es bedeutet vermutlich auch, dass BMW-Kunden noch etwas länger auf Level-3- oder gar Level-4-Fahrzeuge warten müssen.

Bild: BMW AG

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