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„Ich habe nicht das Gefühl, dass wir in Berlin zu viele Leihräder haben“

Zwischen Leihrädern asiatischer Anbieter stehen die des Berliner Startups Byke. Die Gründerin setzt auf Qualität – „Made in Germany“ sind ihre Räder aber nicht.

Nur ein Bruchteil der Deutschen nutzt Bikesharing – und trotzdem ist es das Trend-Geschäft der Stunde. Auf Berlins Bürgersteigen stehen inzwischen mehrere Tausend Räder von Nextbike, Lidl, Limebike und den asiatischen Unternehmen Ofo, Mobike und Obike. Seit Mitte 2017 versucht auch ein Berliner Startup, einen Anteil am Rad-Sharing-Geschäft zu gewinnen: Byke hat seine blauen Räder neben der Hauptstadt auch im Rhein-Main-Gebiet und im Ruhrgebiet aufgestellt. Erst einmal. „Optimalerweise ist Byke in ein paar Jahren in der ganzen Welt vertreten“, hofft Gründerin Julia Boss.

Im Netz kursieren allerdings bereits Fotos von aufeinander gestapelten Rädern und solchen, die in Flüsse geworfen oder an Bäume gehangen werden. Das Überangebot hielt Boss trotzdem nicht davon ab, ein weiteres Bikesharing-Unternehmen zu gründen. „Ich persönlich habe nicht das Gefühl, dass wir in Berlin zu viele Leihräder haben. Ich finde eher, dass es noch relativ wenige sind“, so die Gründerin, die vorher als Rechtsberaterin bei Rocket Internet tätig war. Um 300 Fahrräder hat sie Berlins Leihrad-Landschaft ergänzt. Im Ruhrgebiet ist Byke ebenfalls mit 300 Rädern vertreten, in Frankfurt und umliegenden Städten mit 2.000. Dabei soll es nicht bleiben. „Wir vergrößern die Flotte je nach Nachfrage“, sagt Boss. Wie viele Fahrräder es einmal werden sollen, sagt sie nicht, ebensowenig, wie viele Nutzer ihr Angebot derzeit hat.

Gleiches Geschäftsmodell, günstigerer Preis 

Die 33-jährige Gründerin ist davon überzeugt, dass sie sich von der asiatischen Konkurrenz abheben kann. Dabei ist ihr Konzept dem der Wettbewerber sehr ähnlich: Byke-Nutzer laden eine App herunter, mit der sie freie Räder orten und aufschließen können. Abstellen können sie die Fahrräder stationslos – also an jedem Ort innerhalb des Geschäftsgebietes. Beendet wird die Fahrt, wenn der Nutzer das Fahrradschloss schließt. Preislich liegt Byke unter den Wettbewerbern: 30 Minuten Leihradfahren kosten 50 Cent, ein ganzer Tag drei Euro. Pfand- oder Registrierungsgebühren fallen nicht an. Wer 15 Euro zahlt, kann Byke einen Monat lang zwei Stunden pro Tag nutzen.

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Damit sich das Geschäft bei solch niedrigen Preisen rechnen kann, muss die Anzahl der Fahrräder und Nutzer noch stark wachsen. Selbst der teuerste Anbieter Lidl, der 1,50 Euro für eine Fahrradfahrt von 30 Minuten nimmt und bereits 3.500 Räder in Berlin aufgestellt hat, gibt auf die Frage nach Profitabilität keine klare Antwort. Man kooperiere mit Sponsoren, heißt es lediglich vom Discounter.  

Räder aus Schanghai sollen die Konkurrenz ausstechen

Punkten will Julia Boss durch eine großflächige Verteilung der Räder. „Wir sind nicht nur in den Innenstädten präsent, sondern decken ganze Regionen ab.“ Vorerst ist das allerdings nur im Rhein-Main-Gebiet Realität. Dort stehen die Räder in Frankfurt und in umliegenden Orten wie Neu-Isenburg, Langen oder Dreieich. In Berlin und im Ruhrgebiet muss die Fahrrad-Flotte für eine solche Verteilung noch größer werden. 

Als größten Mehrwert gegenüber dem Wettbewerb sieht die Gründerin die Qualität: „Wir sind überzeugt davon, dass wir das beste Rad haben.“ Die Byke-Räder verfügen über 26 Zoll große Reifen, Drei-Gang-Schaltung, Fahrradkorb, Licht und Schutzblech. Produziert werden sie von der in Schanghai sitzenden Fahrrad-Firma Phoenix. Die beliefert beispielsweise auch den chinesischen Konkurrenten Ofo, der kürzlich in Berlin startete.

Im Byke-Büro in Berlin hängt eines der Leihräder von der Decke.

Im Byke-Büro in Berlin hängt eines der Leihräder von der Decke.

Auch das eingesammelte Wagniskapital kommt unter anderem aus Asien. „Wir haben mehrere internationale Investoren“, sagt Boss, die sich zum Thema Finanzierung ansonsten bedeckt hält. Ein Blick ins Handelsregister gibt ebenfalls keinen Aufschluss über den Gesellschafterkreis: Hier ist nur zu sehen, dass 100 Prozent der Unternehmensanteile der BYKE Holding Limited mit Sitz auf den Kaimaninseln gehören. „Diese Organisationsstruktur haben wir im Hinblick auf unsere gegenwärtigen und potenziellen zukünftigen Investoren gewählt“, so Boss auf Nachfrage.

Städte sollen in Fahrradwege statt Fahrrad-Startups investieren

Öffentliche Gelder von Städten einzusammeln – wie etwa Nextbike – komme für sie erst einmal nicht in Frage. „Ich will das nicht kategorisch ausschließen. Allerdings fände ich es besser, wenn die Stadt das Geld für andere Dinge ausgibt und wir stattdessen ohne öffentliche Förderung auskommen.“ Städte sollten lieber Fahrradwege ausbauen, Auto- in Fahrradparkplätze umwandeln oder in den öffentlichen Nahverkehr investieren, findet die Gründerin. Auf Kooperationen setzt sie trotzdem: Bykes Angebot ist derzeit in die Online-Fahrauskunft der Verkehrsbetriebe der Rhein-Neckar-Region integriert.

Wohin Boss als nächstes geht, ist noch offen. „Wir stellen in keiner Stadt Räder auf, die das Konzept nicht gutheißt“, verspricht die Gründerin.

Bild: Byke / Bild im Text: Pauline Schnor für Gründerszene

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