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China drückt bei der Entwicklung von Lieferdrohnen aufs Tempo

Die chinesische Regierung will ihr Land zum Weltmarktführer für Logistik-Drohnen machen. Derweil tut sich Deutschland schwer mit dem Thema. Startups sind noch Exoten.

China will weltweit eine führende Rolle bei der Herstellung von unbemannten Flugzeugen (UAV) spielen und hat deshalb im Dezember 2017 neue Richtlinien für die zivile unbemannte Luftfahrzeugindustrie veröffentlicht. Die Regierung erwartet, dass der Marktwert der Branche bis zum Jahr 2020 um durchschnittlich 40 Prozent auf 60 Milliarden Yuan (etwa 9,1 Milliarden US-Dollar) steigen wird. Und das ist noch nicht alles. Der Plan sieht vor, dass sich der Drohnen-Umsatz bis 2025 auf 180 Milliarden Yuan verdreifacht.

Konkrete Entscheidungen lassen nach einer solchen Ansage in China nicht lange auf sich warten. Einer der größten Onlinehändler des Landes, JD.com, hatte im Februar 2018 eine Finanzierungsrunde für seine Logistiktochter über 2,5 Milliarden US-Dollar bekannt gegeben – unter anderem für Investitionen in Automation, Drohnen und Robotik, wie Richard Liu, Chairman und CEO des Konzerns, damals sagte.

Er bekam sogar Unterstützung von Google. Der Suchmaschinenkonzern hat im Juni 550 Millionen US-Dollar in JD investiert, nicht zuletzt um sich gegenüber dem US-Logistik-Marktführer Amazon in eine bessere Position zu bringen. Ein im August angekündigter Startup-Accelerator soll bei der Realisierung der Drohnen-Pläne helfen.

JD hat bei seinen Drohnen-Plänen vor allem die entlegenen ländlichen Gebiete im Blick, die der Konzern schneller und billiger mit Waren versorgen will, wie Richard Liu in einem CNBC-Interview sagte. Der CEO erwartet Kosteneinsparungen von 70 Prozent durch die vollautomatische Warenlogistik.

Auch der Online-Marktplatz Alibaba arbeitet mit Flugdrohnen. Wie das US-Magazin „Popular Science“ schreibt, bietet das E-Commerce-Unternehmen in Shanghai Lieferungen per Drohnen an. Sie holen im 22,5 Quadratkilometer großen Jinshan Industrial Park Mahlzeiten und andere Pakete in Restaurants und Läden ab und fliegen sie zu Lieferpunkten. Menschliche Fahrer befördern sie von dort auf der „letzten Meile“ zum Kunden. „Durch den Einsatz von Flugzeugen kann der Zustelldienst die überfüllten Straßen umgehen und die Gesamtlieferzeit für Kunden in dem Gebiet auf 20 Minuten verkürzen“, hat der Reporter beobachtet. In den nächsten Jahren wolle Alibaba diesen Service auf andere Städte ausdehnen.

Dieser Lieferroboter kann bis zu 300 Kilogramm transportieren.

Dieser Lieferroboter kann bis zu 300 Kilogramm transportieren.

Drohnenlogistik beschränkt sich in China nicht nur auf die letzte Meile, für die mitunter mehr als 50 Prozent der gesamten Lieferkosten aufgewendet werden müssen. Auch bei Langstreckendrohnen liefern sich die Konzerne einen heftigen Wettbewerb. Einem Bericht zufolge arbeitet die Alibaba-Tochter Cainiao gemeinsam mit der Universität Peking an einer Langstreckendrohne mit einer Tonne Nutzlast und einer Reichweite von 1500 Kilometern. Sie soll ab 2020 getestet und 2025 in den Dienst gestellt werden. JD entwickelt ein ähnliches Projekt mit einem Flugradius von 300 Kilometern und einer Nutzlast von einer Tonne.

Einfacher und leichter zu realisieren ist Lieferlogistik auf der Straße. Fahrende Lieferroboter sind in China längst im Einsatz und Teil der automatisierten Lieferkette: Die Exemplare von JD transportieren eine Nutzlast von bis zu 300 Kilogramm in 30 Kisten mit Produkten, fahren 15 km/h schnell auf Fahrradstreifen, stoppen an roten Ampel und sind zur besseren Orientierung mit Radarsensoren ausgestattet.

In Deutschland nur Sichtflug erlaubt

In Deutschland tut man sich unterdessen schwer mit der neuen Technologie. Zwar gibt es eine Drohnenverordnung, doch die wurde eher für Hobbyflieger verfasst. Schon ab einer Masse von fünf Kilogramm ist eine Aufstiegserlaubnis der Landesluftfahrtbehörden erforderlich. Die Flughöhe ist auf 100 Meter begrenzt, Flüge sind nur auf Sichtweite zulässig. UAV mit einer Startmasse von mehr als 25 Kilogramm sind generell verboten – ebenso wie Flüge in Airportnähe oder über Menschenansammlungen.

Doch die Deutsche Flugsicherung (DFS) bereitet sich darauf vor, das neue Verkehrsmittel zusätzlich zu den drei Millionen von Menschen gesteuerten Flügen über Deutschland in den Luftraum zu integrieren. Weil Drohnen für die Radarortung zu klein sind, erforscht die DFS gemeinsam mit der Deutschen Telekom neue Ortungs-Technologien. Drohnen sollen zu fliegenden Smartphones werden, sich ins Mobilfunknetz einwählen und ständig ihre Position funken. Ein Verkehrsmanagement-Software ortet die UAV und verarbeitet ihre Flugdaten. „Die Einsatzmöglichkeiten sind viel vielfältiger als nur Pizza per Drohne“, heißt es bei der DFS. „Wir wollen die sichere und faire Integration von Drohnen in den Luftverkehr.“

Erklärvideo DFS:

DHL testet Lieferdrohne in den Alpen

Um das zu erreichen, kooperiert die DFS unter anderem mit dem Logistiker DHL. So testete DHL bereits 2014 Medikamentenlieferungen auf eine Insel und 2016 die Paketzustellung auf einer entlegenen Alm per Drohne und der Packstation Skyport, auf der Drohnen landen und Pakete aufnehmen oder ausliefern können.

Nach einigen Monaten wurde der Test für die Paketzustellung auf der Alm abgebrochen. Der Skyport wurde abgebaut, die Drohne verschwand in einem Hangar. „Wir haben durchweg positive Erfahrungen gemacht“, sagt DHL-Sprecher Stefan Heß, der an allen Drohnentests von DHL beteiligt war. Technische und juristische Gründe sprächen zurzeit aber gegen einen Regelbetrieb. „Lieferdrohnen werden ein Nischenprodukt bleiben“, sagt Heß. Ein Standardpaket könne bis zu 31,5 Kilogramm schwer sein. Auch Sperrgut werde von DHL befördert. Da stelle sich dann die Frage, wie das mit Drohnen bewerkstelligt werden könne.

Auch für die Logistik-Industrie sind Drohnen noch von nachrangiger Bedeutung, wie eine DHL-Untersuchung zur Digitalisierung der Lieferkette (2018) zeigt. Die Industrie setzt dagegen auf Robotik. Diese wurde von 63 Prozent der Umfrageteilnehmer als die wichtigste Technologie eingestuft, weit vor Drohnen mit 28 Prozent.

Für Startups sind Drohnen noch ein Exotenthema. Eine der wenigen Ausnahmen ist Fairfleet. Das Unternehmen vermittelt Drohnen samt Piloten für Überwachungsaufgaben und Fotos. Doks nutzt Drohnen zur Inventur in Lagerhäusern. Und Flynex  will den Papierkrieg bei der Genehmigung von Drohnenflügen vereinfachen. Dieses Problem könnte sich alsbald von alleine lösen, wenn Drohnen per Mobilfunkchip geortet und gesteuert werden.

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Bilder: JD / Videos: Deutsche Flugsicherung, DHL

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