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Der Cybertruck ist ein E-Panzer, der einen Porsche abhängt

Elon Musk hat einen elektrisch angetriebenen Pickup vorgestellt. Das Auto soll stärker und schneller sein als alle Rivalen. Allerdings ging eine Scheibe zu Bruch.

Das Auto sieht aus, als komme es aus der Zukunft. Die gesamte Fahrerkabine besteht aus Edelstahl. Die Form ist kantig, man sieht keine einzige Rundung. Die Scheiben sind schmal und verdunkelt. Statt Scheinwerfern ist in der Nase eine Lichtleiste eingebaut. „Tja“, sagt Elon Musk und deutet auf das Gefährt, das hier, in einer Fabrikhalle von Tesla in Los Angeles, neben ihm steht. „Ich denke nicht, dass es etwas Vergleichbares gibt.“

Musk hat recht. Das Fahrzeug, das er an diesem Abend präsentiert, ähnelt keinem anderen. Der Tesla-Chef hat den „Cybertruck“ vorgestellt, wie er den neuen Wagen nennt, einen elektrisch angetriebenen Pickup. Es ist das verrückteste Fahrzeug, das Tesla je gebaut hat. Musk ließ sich dafür von „Blade Runner“ inspirieren – von jenem Film aus dem Jahr 1982, in dem futuristisch aussehende Autos durch ein verregnetes, schmutziges Los Angeles fliegen. Dazu passt der Termin, den der Milliardär für die Präsentation wählte. „Blade Runner“ spielt im November 2019. Und er spielt in Los Angeles. Also hier und jetzt.

Das, was Musk in dunkler Jeans und Lederjacke gezeigt hat, ist ein Angriff auf das Herz der amerikanischen Autoindustrie. Nichts ist so wichtig für die Hersteller des Landes wie das Geschäft mit den Pickups.

Die Menschen hier lieben die Wagen mit der offenen Ladefläche. Jeder fünfte Bürger fährt einen, in North Dakota und Wyoming sogar fast jeder zweite. Der F-150 von Ford, der König der Pickups, wurde im vergangenen Jahr 909.330 Mal verkauft – das schaffte kein anderes Fahrzeug in den USA. Dahinter folgten der Chevrolet Silverado und der Ram von Chrysler mit mehr als 500.000 Verkäufen. Erst dann kamen Limousinen und SUVs.

Für Tesla ist der Cybertruck ein Schritt auf neues Terrain. Bisher baute Musk Autos für die urbanen Eliten, für die umweltbewussten Bürger von San Francisco, New York, Berlin. Aber nun will er wohl auch die Menschen auf dem Land erreichen. Jene, die über die Highways von Texas und Arizona rollen. Und die bisher ziemlich stolz auf ihre durstigen, röhrenden Maschinen sind. Einen Pickup zu fahren, das ist in Amerika auch die Entscheidung für einen Lebensstil. Pickups sind so etwas wie die letzte Bastion der Autofahrer, die sich nicht dem Trend zu kleinen, sparsamen Modellen beugen wollen.

SUVs boomen – doch Teslas neuer Pickup wird alles in den Schatten stellen

Kaum jemand braucht ein tonnenschweres Geländefahrzeug mit viel Ablagefläche. Trotzdem dürfte das neue Tesla-Zugpferd ein durchschlagender Erfolg werden. Auch hierzulande.

Mit seinen Kanten und Winkeln sieht der Cybertruck aus wie ein Panzer von morgen. Und so bewirbt Musk ihn an diesem Abend auch. Er lässt sein Team mit einem Vorschlaghammer auf die Tür dreschen – und nichts geschieht. Keine Delle ist zu erkennen, kein Kratzer. Der Wagen soll sogar kugelsicher sein, das Glas bruchfest. Als Musk allerdings mit einer Kugel auf die Scheibe werfen lässt, zersplittert diese. „Oh“, sagt er, „ich weiß auch nicht, woran das jetzt liegt.“ Bei früheren Tests hätten die Scheiben gehalten.

Auch wenn der Cybertruck mächtig wirkt, hat er die Größe herkömmlicher Pickups. Er misst sechs Meter, das ist ungefähr so lang wie die meisten Varianten des F-150. „Aber“, sagt Musk, „der Cybertruck ist stärker.“ Dann zeigt der Unternehmer ein Video, das den Beweis liefern soll. Darin ist zu sehen, wie der Cybertruck und ein F-150, mit einem Seil verbunden, sich gegenseitig wegzuziehen versuchen – und Musks Pickup klar gewinnt. Im normalen Betrieb soll der Cybertruck knapp 6,5 Tonnen ziehen können.

In 2,9 Sekunden von null auf hundert

Auch die Leistung klingt beeindruckend. In 2,9 Sekunden von null auf hundert. 35 Grad Steigung sollen kein Problem sein. Abwärts sind 28 Grad möglich. Der Cybertruck wird mit drei Reichweiten angeboten – und drei Preisen. Für 39.900 Dollar gibt es rund 400 Kilometer, für 49.900 Dollar etwa 480 Kilometer. Wer 69.900 zahlt, soll 800 Kilometer bekommen. Auf Teslas Internetseite können US-Kunden den Cybertruck bereits vorbestellen. Die Produktion soll Ende 2021 beginnen.

Musk muss sich beeilen. Die Konkurrenz arbeitet ebenfalls an elektrisch angetriebenen Pickups. Das Startup Rivian plant, Ende des nächsten Jahres seinen R1T in den Handel zu bringen. Ford will 2021 einen F-150 mit Stromantrieb bringen. Im Sommer veröffentlichte das Unternehmen ein Video, das einen Prototypen zeigt, der zehn Eisenbahnwaggons zieht. Eine solche Show könnte einige Amerikaner tatsächlich dazu veranlassen, sich auf das große Strom-Experiment einzulassen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Welt.de.

Bild: Tesla

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