Trends, Innovationen und Digitales aus dem Mobilitätsbereich

Warum Daimler in die neue Berliner Factory zieht

Das Trauma verpasster Innovationen steckt der Industrie in den Knochen. Eine Kooperation mit der Berliner Factory soll dem Autobauer helfen, Trends früh zu erkennen.

Daimler schaltet bei seinen Startup-Aktivitäten einen Gang höher. Eine Kooperation zwischen den Financial Services des Autobauers und des Berliner Startup-Campus Factory soll mehr Gründer-Spirit in den Autokonzern bringen. Er will mit seinem Projekt-Lab in der neuen Factory am Görlitzer Bahnhof in Berlin-Treptow Startups scouten und seine Transformation zum Mobilitäts- und digitalen Finanzdienstleister beschleunigen. Geplant sind Meetups, Office Hours und andere Formate.

Im Herbst 2017 hatten die Daimler Financial Services (DFS) ihr Startup Intelligence Center gegründet, unter dessen Dach alle Startup-Aktivitäten gebündelt werden. Dort können sie sich mit ihren Ideen und Produkten melden – vor allem solche mit Fokus auf Mobilitäts-, Finanz- und Versicherungsdienstleistungen. DFS bieten über die Mercedes-Benz Bank Auto-Leasing und Finanzierungen an.

Das Trauma der Corporates

Benedikt Schell, Chief Experience Officer bei DFS, will durch die Kooperation „von Schnellboot-Organisationen lernen“. Denn den Corporates sitzt eine Angst im Nacken, die Schell bei einer Veranstaltung in der Factory auf den Punkt brachte: die Angst davor, dass ein anderes Unternehmen das eigene Geschäftsmodell übernimmt.

Dieser Sekundenschlaf hat die Industrie immer wieder befallen: etwa in den 80er-Jahren, als die späteren Gründer des Netzwerkausrüsters Cisco bei Siemens ihre Idee pitchten, über das Internet zu telefonieren. Siemens nahm das Startup nicht ernst und schickte die Gründer nach Kalifornien zurück, wie Konzernchef Joe Kaeser einmal dem Handelsblatt erzählte. Ein Fehler, wie sich später herausstellen sollte. (Text: Paywall). Die Liste der Patzer lässt sich leicht fortsetzen: etwa als Nokia das Smartphone verschlief oder als die Telekomanbieter an die SMS glaubten und WhatsApp unterschätzten.

Konzerne werden nie Startups

Die DFS werden in der Factory ein Lab aufbauen, um nahe am Puls der digitalen Welt zu sein, um Netzwerke mit Startups zu knüpfen und nun ja nicht den entscheidenden Augenblick zu verpassen, sollte das „Next big thing“ um die Ecke kommen.

„Wir werden nie ein Startup werden“, stellte Schell bei einer Panel-Diskussion in Berlin selbstkritisch fest. Deshalb ist das Bündnis mit den Gründern für den Konzern so wichtig. Schließlich könne man auch nicht alles selbst machen. Und schon gar nicht so, wie man es in den mehr als hundert Jahren der Konzerngeschichte gelernt und perfektioniert hat.

Da prallen Welten aufeinander. „Die größte Herausforderung sind die vielen Hürden", sagte Agnieszka Kühn, die bei den Financial Services für Strategie und Transformation zuständig ist. Dabei denkt sie an abweichende Vorstellungen über Datenschutz, bei Rechtsfragen und Geheimhaltungsvereinbarungen. Solche Absprachen zu treffen, sei mit großen Unternehmen einfacher als mit Startups. Man sei sich der Andersartigkeit bewusst, und das klappe gut, findet hingegen Jonas Gumny, der bei der Daimler-Tochter MyTaxi für das operative Geschäft zuständig ist.

Daimler hat zahlreiche Services aufgebaut – mehr als seine Mitbewerber BMW und Volkswagen: manche aus eigener Kraft wie Moovel oder Car2Go, als Beteiligung wie Blacklane oder als Übernahme wie MyTaxi. Hier fünf Beispiele in der Übersicht:

Autogravity

Autogravity vergleicht in den USA markenübergreifend Autofinanzierungen per Smartphone-App. Die Kundenzahl ist binnen eines Jahres von 100.000 auf 1,3 Millionen gestiegen, sagte Julia Nguyen, Director of Strategy & Investor Relations. Daimler ist im Februar 2017 mit einem höheren zweistelligen Millionenbetrag bei AutoGravity eingestiegen.

Blacklane

Blacklane ist ein professioneller Chauffeurservice mit Sitz in Berlin, der in mehr als 200 Städten in 50 Ländern verfügbar ist. Die Dienstleistungstochter Daimler Mobility Services hat sich mehrfach an Blacklane beteiligt. Zusammen mit anderen Investoren im Januar 2018 (mutmaßlich 40 Millionen Euro), im August 2016 mit einem zweistelligen Millionen-Betrag. Bereits im Dezember 2013 soll Daimler rund zehn Millionen Euro investiert haben.

Flixbus

Mit rund 200.000 Verbindungen verbindet Flixbus rund 1400 Ziele in 26 Ländern zum Teil im 30-Minuten-Takt. 100 Millionen Fahrgäste waren bereits mit dem Unternehmen unterwegs, allein 40 Millionen in 2017. Daimler beteiligte sich mehrfach an Finanzierungsrunden – jüngst an einer Venture-Runde unbekannter Höhe unter Führung von Silver Lake, dem weltweit größten Tech-Investor. Ferner beteiligten sich die bisherigen Investoren General Atlantic und Holtzbrinck Ventures.

MyTaxi

Die Daimler-Tochter Moovel übernahm im September 2014 den Taxivermittler mytaxi zu 100 Prozent. Im Juli 2016 schlossen sich mytaxi und Hailo zusammen. Dadurch entstand das mit 70 Millionen Fahrgästen und 100.000 registrierten Fahrern in neun Ländern Europas größtes Unternehmen in dieser Branche. Hailo war in Großbritannien, Irland und Spanien aktiv. Daimler hatte bereits 2012 zehn Millionen Euro in mytaxi investiert.

Volocopter

Volocopter entwickelt ein elektrisches selbstfliegende Taxi. In seiner jüngsten Finanzierungsrunde hat Volocopter 25 Millionen Euro eingesammelt, unter anderem von Daimler.

Bild: Daimler

Folge NGIN Mobility auf:

In Kooperation mit
amplifypixel.outbrain