Trends, Innovationen und Digitales aus dem Mobilitätsbereich

Die deutsche Verkehrspolitik setzt die falschen Akzente

Teure Züge, verstopfte Straßen und kein politischer Antrieb für die wirklich wichtigen Technologien. So wird das nichts mit dem Weltmarktführer für die Mobilitätswende.

Unter Kunden der Deutschen Bahn gibt es seit einiger Zeit das sogenannte „Bahn-Bingo“. Es besteht aus: Zug fällt aus, Ersatzzug besteht nur aus der Hälfte der Waggons, die Reservierungen verfallen, WLAN geht nicht und das Bistro hat leider geschlossen. Die Chancen zu gewinnen sind aktuell wieder besonders hoch. Lustig ist das schon lange nicht mehr, schon gar nicht, wenn man für ein Zweite-Klasse-Ticket zwischen Berlin und München pro Strecke knapp 170 Euro bezahlt hat. Aber der Zustand der Bahn ist nur ein Beispiel dafür, wie die Verkehrswende hierzulande verschlafen wird.

Kaum jemand versteht noch, warum man so viel Geld für ein Zugticket bezahlen muss, während Flüge auf der gleichen Strecke im Normalfall gerade mal die Hälfte kosten. Schuld daran ist bekanntermaßen auch die unterschiedliche Besteuerung der Verkehrsmittel. Zwar wollte der Verkehrsminister dafür sorgen, dass in Zukunft nur noch sieben Prozent Mehrwertsteuer statt der üblichen 19 Prozent auf ein Zugticket bezahlt werden müssen, aber von diesem Vorhaben hat man auch lange nichts mehr gehört. Die Frage, ob man parallel das Kerosin der Flugzeuge nicht endlich mal besteuern sollte, wird noch nicht mal gestellt.

Im Straßenverkehr bewegt sich auch nichts. Wortwörtlich. Gerade kam die neue Stau-Statistik heraus. Allein in Berlin stehen Autofahrern im Schnitt pro Jahr 103 Stunden im Stau. Das sind etwas mehr als vier Tage. Nicht besser sieht es auf den Autobahnen aus, wo letztes Jahr 745.000 Staus gemeldet wurden. Ein einsamer Rekord, an dem viele Autofahrer in den kommenden Urlaubswochen weiter arbeiten werden.

Kein Wunder, dass Daimler und Co. ihre autonomen Autos lieber in China testen

Ein wenig Abhilfe würden autonome Autos schaffen, die laut einer neuen Studie den Verkehrsfluss um bis zu 30 Prozent beschleunigen können. Die Technologie dafür ist zumindest teilweise da, aber die Hersteller können ihre Fahrzeuge nur mit aufwendig beantragten Sondergenehmigungen in Deutschland testen. Kein Wunder, dass Daimler und Co. ihre Autos und autonomen Fahrdienste lieber in den USA oder China testen, wo sie mehr Freiheiten genießen.

Theoretisch könnte man autonome Taxidienste auch in Deutschland in abgegrenzten Gebieten testen, aber dafür fehlen die Gesetze. Während sich das Verkehrsministerium über Flugtaxis Gedanken macht, bleibt die Gesetzgebung für das autonome Fahren auf der Strecke. Im Koalitionsvertrag wird nur erwähnt, dass man einen Entwurf für die Regelung vollautonomer Fahrzeuge bis Ende 2021 anstrebe. Währenddessen hat der Ridesharing-Anbieter Lyft in Las Vegas in den letzten Monaten über 50.000 vollautonome Taxifahrten absolviert. Pikanterweise in einem BMW.

Innenstädte technisch auf dem Stand der 80er Jahre

Immerhin gibt es jetzt E-Tretroller, auch wenn deren Nutzen innerhalb der Mobilitätswende sich erst noch erweisen muss. Was wir aber vorerst nicht bekommen ist ein 5G-Netz, mit dem das autonome Fahren beschleunigt werden kann. Weil die Auktion um die Lizenzvergabe unnötig kompliziert ist, zieht sie sich seit drei Monaten hin. So bleiben die Innenstädte mangels Ausbau moderner digitaler Infrastrukturen technisch auf dem Stand der 80er Jahre. Dabei dachte man damals noch, dass man ein paar Jahren eigentlich weiter sein würde.

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Unter der verschlafenen Verkehrs- und Mobilitätspolitk der letzten Jahrzehnte leidet neben jedem Verkehrsteilnehmer auch die Wirtschaft. Weder laden die Bedingungen hier in- und ausländische Unternehmen dazu ein, ihre Technologien auszuprobieren, noch fördert es innovative Startups in Deutschland.

Die Welt der Mobilität verändert sich schnell, ebenso die Anforderungen der Nutzer. Wenn man nicht handelt, wenn nicht deutsche Unternehmen mit einer vernünftigen Politik unterstützt werden, dürfen wir hier noch lange auf eine Mobilitätswende warten. Um sich dann später zu fragen, warum es mal wieder die anderen waren, die die Weltmarktführer etabliert haben.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

Bild: Getty Images / Jane Khomi

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