Trends, Innovationen und Digitales aus dem Mobilitätsbereich

5G an jeder Milchkanne macht autonome Autos sicherer

Brauchen wir schnellen Mobilfunk für die Kommunikation zwischen selbstfahrenden Autos oder reicht WLAN? Diese Frage spaltet die Industrie.

Soll an jeder Milchkanne eine Antenne für den schnellen Netzstandard 5G stehen? Forschungsministerin Anja Karliczek findet, dies sei überflüssig – und polarisierte mit ihrer Aussage die politische Diskussion der vergangenen Tage. Doch autonome Autos müssen untereinander und mit Verkehrsinfrastrukturen wie Ampeln oder Baustellenmarkierungen kommunizieren, um ihren Weg sicher zu finden und Unfälle zu vermeiden. Weiße Flecken könnten tödlich sein.

Wie sich jetzt herausstellt, ist die Milchkannen-Frage viel aktueller als es auf den ersten Blick scheint. Denn EU-Verkehrskommissarin Violeta Bulc will offenbar schon in den nächsten Tagen einen Rechtsakt beschließen, um ihrem Ziel näher zu kommen, dass vernetztes Fahren in Europa ab 2019 zulässig ist. 

Brüssel sucht den Kompromiss

Die Brüsseler Initiative ist von Nutzen. Denn sie schafft Rechtssicherheit beim Erproben des autonomen Fahrens durch die Automobilindustrie und Startups. Im Mittelpunkt steht, die Verkehrssicherheit vernetzter Fahrzeuge zu garantieren. Doch wer auf den falschen Standard setzt, könnte in Zukunft von Innovation abgehängt werden. 

Es geht dabei um eine simpel klingende Frage: Soll der Datenaustausch autonomer Autos per Mobilfunk oder per WLAN erfolgen? Zuletzt hatten Berichte die Industrie alarmiert, wonach sich die EU-Kommission für WLAN entschieden habe. Doch jetzt spricht sich Brüssel offenbar für einen Kompromiss aus.

Danach wird die Kommission einen technologieneutralen Ansatz bei der Kommunikation zwischen Fahrzeugen verfolgen. „In der EU haben wir einen hybriden Ansatz gewählt, beginnend mit heute ausgereiften Technologien, einer Kombination aus WiFi-basierten ITS-G5- und 3G-/4G-Netzwerken", erklärte ein Kommissionsbeamter.

Wie es heißt, könnten später „viele weitere Dienste hinzugefügt werden und neue Technologien einbezogen werden“. Die Fahrzeugkommunikation solle insbesondere für aufkommende alternative Technologien wie 5G offen bleiben. Alle Technologien müssen interoperabel sein, fordert die EU. „Wir begrüßen auch neue Technologien wie 5G oder Satellit und sind daran interessiert, ihre zusätzlichen Vorteile für die Verkehrssicherheit und ein breiteres Spektrum an Dienstleistungen für die automatisierte und vernetzte Mobilität zu nutzen", heißt es in Brüssel.

Das Thema Technologiestandard spaltet die Wirtschaft. Daimler, BMW und die Deutsche Telekom sprechen sich für 5G (im Fachjargon C-V2X) aus. Volkswagen und Toyota für WLAN – was irritierenderweise ITS-G5 genannt wird.

„Ab 2019 sollen die Marken des Volkswagen Konzerns den bereits umfassend getesteten WLANp-Standard für die Kommunikation zwischen Fahrzeugen sowie zwischen Fahrzeugen und ihrer Umgebung nutzen“, heißt es in einer Mitteilung des Wolfsburger Konzerns. Für Ulrich Eichhorn, Leiter der Konzernforschung, hat diese Technologie den Vorteil, dass sie sich bereits in der Praxis bewährt hat und schon jetzt einsatzbereit ist.


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BMW und Daimler für Mobilfunk

BMW, Daimler, die Deutsche Telekom und Ericsson haben dagegen laut Reuters im Juli 2018 die Europäische Kommission aufgefordert, für vernetzte Fahrzeugkommunikation 5G-Mobilfunknetze zu nutzen. Sie argumentieren, dass die C-V2X-Technologie es den Automobilherstellern der EU ermöglichen würde, sich auf einem globalen Markt besser zu behaupten.

Der Branchenverband der Digitalwirtschaft Bitkom ist angesichts der bevorstehenden Entscheidung in Brüssel alarmiert. Die neue Richtlinie für Cooperative Intelligent Transport Systems (C-ITS) solle keine einzelne konkrete Kommunikationstechnologie vorschreiben, heißt es in einem Positionspapier des Verbandes.

Bitkom warnt vor Spätfolgen

„Bitkom sieht Vorteile in beiden Technologien und befürwortet daher eine technologieneutrale Formulierung des anstehenden delegierten Rechtsakts der Kommission“, erklärt Bereichsleiter Christian Herzog ergänzend. „Unsere Sorge ist, dass die spätere Einführung von 5G damit behindert wird, weil in den ersten Autos, die WLAN einbauen, die Möglichkeiten für eine Kompatibilität mit 5G nicht vorgesehen werden.

Damit hätte die Mobilfunktechnologie später ein Problem. Denn sie müsste mit ihrem WLAN-Vorgänger kompatibel sein. Das wiederum liefe darauf hinaus, dass in spätere Autos dann beide Technologien parallel eingebaut werden.

Konflikt zwischen Funkstandards

Wenn das denn so einfach wäre. „Nach heutigem Stand der Technik ist ein Parallelbetrieb der WLAN-basierten Technologie ITS-G5 und C-V2X im gleichen Frequenzbereich nicht störungsfrei möglich. Denn beide Technologien zielen aus das gleiche Frequenzband (5,9 Gigahertz)“, erklärt Annett Fischer, Sprecherin des Technologiekonzerns Bosch.


Die Zukunft kommt – allerdings später als erhofft

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Das Unternehmen spricht sich wie Bitkom für eine technologieneutrale Lösung aus. „Wir sind bei der technischen Basis der V2X-Kommunikation technologieneutral und unterstützen beide Technologien“, sagt die Bosch-Sprecherin. Das international aufgestellte Unternehmen biete Fahrzeug-Kommunikation sowohl mit WLAN- als auch mit Mobilfunk-Technologie (C-V2X) an. Bosch testet die Direkt-Kommunikation von Fahrzeugen untereinander unter anderem auf der Autobahn A9.

Die Festlegung der Autokonzerne lässt Raum für viele Fragen: Ist Volkswagen der Spatz (WLAN) in der Hand lieber als die Taube (5G/LTE) auf dem Dach? Oder ist 5G doch die leistungsstärkere technologische Lösung für vollständig selbstfahrende Autos auf Level 4 und 5?

Beide Technologien haben Vor- und Nachteile: Bei WLAN ist die Datenübertragung langsamer – ein kritischer Punkt, wenn die Künstliche Intelligenz des selbstfahrenden Autos in Millisekunden entscheiden muss. Und man bräuchte  mehr Sendestationen, denn die Reichweite der Router ist kürzer als von 5G-Sendern. Diese wiederum sind teurer.

Eine Studie des Lobby-Verbandes 5G Automotive Association (5GAA) zufolge steigt die Verkehrssicherheit autonom fahrender Autos. Gelänge eine Koexistenz beider Technologien in Europa, so könnten durch vermiedene Unfälle sozioökonomische Erträge in Hohe von 43 Milliarden Euro bis zum Jahr 2035 erwirtschaftet werden. Unter dem Strich spricht also einiges für die 5G-Antenne an der Milchkanne.

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Bild: Bosch

Jürgen Stüber vertritt an dieser Stelle Don Dahlmann, der normalerweise die Montagskolumne Drehmoment schreibt.

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