Trends, Innovationen und Digitales aus dem Mobilitätsbereich

Das Silodenken der deutschen Mobility-Entscheider muss sich ändern

Hierzulande fühlt man sich von den Techkonzernen aus China und dem Silicon Valley bedroht. Zu Recht – denn die haben etwas, woran es hierzulande noch häufig mangelt.

Die Google-Tochter Waymo startet in den USA ihren ersten autonomen Taxiservice, Amazon denkt laut über die Akquisition des US-Fahrdienstes Lyft nach. Wer in China einen Taxi- und Ridesharing-Service buchen will, kann das über die Social-Media-Plattform WeChat tun, ohne dafür die App verlassen und andere Anwendungen öffnen zu müssen. Die jüngsten Absichtserklärungen und Investitionen in den beiden Ländern zeigen alle in eine Richtung: Die milliardenschweren Internetkonzerne wollen ein weltweit agierendes E-Commerce-Ökosystem aufbauen, Mobilitätsdienstleistungen spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Angetrieben wird die Revolution auf der Straße von autonomen Autos, bei denen Software eine entscheidende Rolle spielt. Die Robocars werden alle bisher geltenden Logiken auf den Kopf stellen, sie werden nicht mehr nur Menschen transportieren, sondern auch Pakete und Essen und damit Mobility zu einem viel größeren Markt machen als die Autoproduktion. Bis 2030 werden es autonome Autos auf ein Marktvolumen von rund 11,4 Milliarden Euro (13 Milliarden US-Dollar) bringen – und das allein in den USA, wie eine Studie der Unternehmensberatung Berylls ergeben hat. Das Automobil als solches spielt dabei im Mobilitätsmarkt der Zukunft kaum mehr eine Rolle. BMW, Volkswagen und Daimler droht das Schicksal, von den Techkonzernen zum Zulieferer verzwergt zu werden.

Diese Entwicklung versetzt die Branche hierzulande in Schockstarre – ist die Autoindustrie doch nach wie vor einer der wichtigsten Industriezweige, an der Hundertausende Arbeitsplätze hängen, die nun bedroht sind. Manager und Politik haben erkannt, dass die Mobilitätswende nicht aufzuhalten ist – und dass die größten Wettbewerber nicht GE oder Ford sind, sondern Uber und Amazon. „Das Silicon Valley greift unsere Autoindustrie direkt an“, warnte Burda-Vorstand Stefan Winners schon vor einem Jahr.

Visionen und ein bisschen Größenwahn

Noch immer haben europäische und deutsche Unternehmen den Entwicklungen im Silicon Valley kaum etwas entgegenzusetzen. Zumindest entsteht der Eindruck, wenn man in diesen Tagen Diskussionen und Gespräche bei Branchentreffen lauscht. Brauchen wir eine Helmpflicht für E-Tretroller-Fahrer? Soll 5G oder WLAN der neue Standard für die Datenübertragung zwischen autonom fahrender Fahrzeuge werden? Brauchen wir die Rückkehrpflicht für Mietwagen? Das sind die Themen, die die Diskussion auf Podien bestimmen. Es geht um das Für und Wider neuer Produkte, um die vermeintlichen Gefahren, die von neuen Verkehrsmitteln ausgehen und um gesetzliche Rahmenbedingungen. In der Debatte offenbart sich eine Leerstelle.

Was hierzulande fehlt, um neue Technologien und Geschäftsmodelle voranzutreiben, ist eine gemeinsame Richtung, ein Ziel, ein Traum, wie ihn Visionäre wie Tesla-Chef Elon Musk oder Alibaba-CEO Jack Ma haben. Und ein bisschen Größenwahn.

Um das zu entwickeln, muss die Branche enger zusammenrücken, gemeinsame Projekte auf den Weg bringen. Denn solange die großen Autohersteller und Startups in Silos agieren, wird der Abstand zu den Techkonzernen immer größer werden. Den Automobilkonzernen fehlt das für Mobilitätsdienstleistungen, autonomes Fahren und Shared Mobility nötige Knowhow und die Technologien, Startups wiederum das nötige Kapital.

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Erste Ansätze für eine Zusammenarbeit gibt es bereits: So haben die deutschen Autobauer Audi, BMW und Daimler 2015 zusammengelegt und in Here investiert. Das Berliner Unternehmen entwickelt Karten für das autonome Fahren, zuletzt stiegen auch die Zulieferer Bosch und Continental mit ein. Die Deutsche-Bahn-Tochter Ioki hat kürzlich ein Smart Mobility Network ausgerufen, das eine Art „Star Alliance“ für den ÖPNV werden soll. Und die Staatsministerin für Digitales träumt von Flugtaxis am Münchner Hauptbahnhof. Das ist ein Anfang.

Jana Kugoth vertritt an dieser Stelle Don Dahlmann, der normalerweise die Montagskolumne Drehmoment schreibt.

Bild: Getty Images / AFP Contributor

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