Trends, Innovationen und Digitales aus dem Mobilitätsbereich

Die Mobilitätswende in den Städten muss viel radikaler gedacht werden

Ridesharing, Carsharing, besserer ÖPNV – das allein reicht nicht. Wenn die Mobilitätswende erfolgreich sein soll, müssen auch unpopuläre Entscheidungen getroffen werden.

„Ein Fußgänger ist nur ein Mensch, der auf dem Weg zu seinem Auto ist.“ So lautet seit vielen Jahrzehnten das Paradigma in der Verkehrs- und Stadtplanung. In Deutschland hat der Aufschwung des Automobils nach dem zweiten Weltkrieg begonnen. Architekten wie Rudolf Hillebrecht nutzten die stark zerstörten Städte, um ihre Idee einer autogerechten Stadt umzusetzen. Alles musste dem Auto weichen: Historische Bauten wurden abgerissen und Grünflächen abgeschafft, um Parkhäusern Platz zu machen. Was in den 50er und 60er Jahren, den Jahren in denen der Futurismus seine Blütezeit hatte, noch als notwendig erschien, ist nun zu einem toxischen Erbe geworden.

Den Gedanken, dass sich zum Transport der Menschen andere Konzepte einsetzen lassen und dass diese Konzepte wenigstens gleichwertig zum Auto in der Planung berücksichtigt werden müssen, gab es im Grunde nicht. Aber egal, wie viel Straßen und Tangenten gebaut wurden, es waren immer zu wenige. Heute sind die Städte so vollgestopft, dass man sich im Schnitt mit dem Auto kaum schneller vorankommt als vor knapp 100 Jahren. Die durchschnittliche Geschwindigkeit eines Pkw in Berlin beträgt 24 km/h. Mit dem Fahrrad ist man also in der Regel flotter unterwegs. Doch für groß angelegte Fahrradspuren gibt es in den meisten Städten keinen Platz.

Eine neue Antriebsart allein reicht nicht

Berlin hat vor zwei Wochen ein neues Mobilitätsgesetz verabschiedet, das 2020 in Kraft treten soll. Das Gesetz sieht vor, dass mindestens 100 Kilometer Schnellwege für Fahrradfahrern gebaut und bestehende Fahrradwege verbreitert werden. Gleichzeitig soll der öffentliche Nahverkehr ausgebaut und attraktiver gemacht werden. Es ist das erste Gesetz dieser Art in Deutschland und wird von Freunden des Autoverkehrs natürlich vehement bekämpft.

Tatsächlich ist aber ein noch radikaleres Vorgehen gegen den Verkehr mit dem privaten Auto nötig. Es ist keine Mobilitätswende, wenn in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahre die bestehende Fahrzeugflotte mit Verbrennungsmotor gegen Elektroautos austauscht wird. Damit ist in Sachen Verkehr und Lebensqualität nichts gewonnen. Ob Pendler mit dem E-Auto oder einem Diesel durch die Stadt kriechen, macht keinen Unterschied.

Folge NGIN Mobility auf Facebook!

Die bisherigen Verkehrs- und Stadtplanungen verbauen die Zukunft. Nicht nur in Sachen Technologie, sondern auch für neue, erfolgreiche Wirtschaftszweige. Soll der Verkehr ernsthaft reduziert und Städte mit partizipativen Verkehrsstrukturen ausgestattet werden, müssen Sharing-Ideen mehr Platz eingeräumt werden. Das Carsharing sollte zusammen mit neuen Ridesharing-Konzepten bevorzugt behandelt werden. Ideen dafür gibt es viele, wie zum Beispiel die Kombination einer Monatskarte mit Freifahrten für Carsharing-Fahrzeuge. So werden einerseits neue Wirtschaftsunternehmen gefördert, denn viele neue Ideen der Mobilität stammen von Startups, andererseits hilft man aber auch den großen Herstellern, für die das Carsharing seit je her ein reines Zuschussgeschäft war.

Mobilitätsprämien statt Subventionen für E-Autos

Ich halte allerdings auch nichts davon, dass man Autos generell aus den Innenstädten von Metropolen verbannt. Es geht vielmehr um eine Reduzierung und um eine langsame Veränderung der Art und Weise, wie sich die Menschen durch die Metropole bewegen. Dennoch stimmt auch, dass unpopuläre Entscheidungen getroffen werden müssen, wenn die Mobilitätswende, mit all ihren Vorteilen, wirklich vorangetrieben werden soll. Ein Mittel dazu sind verteuerte Parkplätze. Die so gewonnen Einnahmen können in den Ausbau alternativer Mobilitätsdienstleistungen fließen. Ob das nun Carsharing oder der ÖPNV sein soll, müssen die Kommunen selber entscheiden.

Auch seitens der Bundesregierung könnte mehr getan werden. Statt Kaufprämien für neue Autos zu schaffen, könnte sie auch Menschen, die ganz auf ein Auto verzichten wollen, eine Mobilitätsprämie zahlen. Damit könnten diese dann die verschiedenen Angebote ausprobieren und für sich den Übergang zu einer neuen Mobilität schaffen.

Will man die Mobilitätswende ernsthaft angehen, müssen wir damit beginnen, außerhalb bekannter Muster zu denken. Statt eingleisige Überlegungen zum Autoverkehr anzustellen, sollten wir in größeren Strukturen denken. Städtische wie private Unternehmen müssen zusammen überlegen, wie sie den Verkehr der Zukunft gestalten wollen. Startups und bestehende Unternehmen haben so die Chance, einen komplett neuen Wirtschaftszweig der Mobilität aufzubauen, ohne dass die Mobilität des Einzelnen darunter leidet.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

Bild: Getty Images / Naufal MQ

Folge NGIN Mobility auf:

In Kooperation mit
amplifypixel.outbrain