Trends, Innovationen und Digitales aus dem Mobilitätsbereich

Wie und warum Zulieferer die Automobilindustrie angreifen

Die Elektromobilität vereinfacht den Autobau und ertüchtigt die Zulieferer, selbst zum Anbieter von Fahrzeugen und zu Mobilitätsdienstleistern aufzusteigen.

Es ist die Zeit des Tabubruchs: Die Umwälzungen in der Automobilindustrie schütteln das über Jahrzehnte gewachsene Machtgefüge der Branche durcheinander. Nicht nur Startups greifen Konzerne an. Auch die Zulieferindustrie gewinnt an Selbstbewusstsein. Die sogenannten OEM – also die Markenhersteller – müssen um ihre Vorherrschaft bei der Bereitstellung von Mobilität fürchten.

Elektrische Antriebssysteme, das vernetzte und automatisierte Fahren sowie die geteilte Mobilität sind die Eckpfeiler der neuen Mobilität. Sie bieten eine größere Angriffsfläche für aufstrebende Unternehmen und geben Raum für innovative Lösungen. Die Beispiele der Vergangenheit sind vielfältig:

  • Der Technologiekonzern Bosch drängt stärker ins Geschäft der Mobilitätsdienstleister. Nach dem erfolgreichen Start der Sharingplattform Coup mit 3500 Fahrzeugen will Bosch in Kooperation mit dem Elektrofahrzeughersteller Streetscooter ein Transportersharing aufbauen, das zunächst in Baumärkten der Rewe-Tochter Toom getestet wird.
  • Der Zulieferer ZF kooperiert mit der e.go Mobile AG, dem von Streetscooter-Erfinder Günther Schuh gegründeten Elektroautohersteller. In einem Joint Venture wollen beide Unternehmen das Elektrofahrzeug e.Go People Mover entwickeln, das zunächst als Kleinbus und später auch als mobile Paketstation von Logistikunternehmen genutzt werden kann. Der Technologiekonzern liefert das elektrische Antriebssystem, Lenkung und Bremsen sowie die automatisierten Fahrfunktionen, die von dem Zentralrechner ZF Pro AI gesteuert werden.

Zulieferer entwickelt Services und Fahrzeuge

  • Bosch will zusammen mit Daimler im nächsten Jahr in Kalifornien einen automatisierten Shuttle-Service anbieten. Der Testbetrieb soll Aufschluss darüber geben, wie sich vollautomatisierte und fahrerlose Fahrzeuge in ein multimodales Verkehrsnetz integrieren lassen. Die Unternehmen wollen zeigen, wie Mobilitätsservices wie Car-Sharing (Car2go), Ride-Hailing (Mytaxi) und multimodale Plattformen (Moovel) intelligent verbunden werden können.
  • Wohin die Reise geht, zeigt Bosch auch mit seinem Konzeptfahrzeug, das auf der Tech-Messe CES im Januar in Las Vegas vorgestellt wird. Das futuristische Elektro-Gefährt ist als fahrerloses Shuttle gedacht, das in Städten mehrere Personen transportieren soll. Bosch liefert für die Fahrzeuge Komponenten und Systeme für die Automatisierung, Vernetzung und Elektrifizierung. Und nicht nur das: Bosch will auch Software und Mobilitätsdienste für Shuttle-Mobilität liefern – bis hin zu Lade-Infrastruktur, Wartung und Pflege sowie die Routenplanung und Verwaltung.


Das Silodenken der deutschen Mobility-Entscheider muss sich ändern

Hierzulande fühlt man sich von den Techkonzernen aus China und dem Silicon Valley bedroht. Zu Recht – denn die haben etwas, woran es hierzulande noch häufig mangelt.

  • ZF hat sich zum Komplettanbieter von Hybridgetrieben und Elektroachsen für Nutzfahrzeuge entwickelt. Auch Bosch hat eine Elektroachse für Sattelauflieger im Angebot. Ferner stellte das Unternehmen Mitte des Jahres einen Umrüstsatz für Lieferwagen bis 7,5 Tonnen mit einem kompletten elektrischen Antriebsstrang vor.

Für die Autohersteller bleibt praktisch die Aufgabe, um die Komponenten herum eine Karosserie zu bauen. Und die Zulieferer? Sie zeigen mit ihren Studien und Prototypen schon heute, dass sie die Technologie des Autobaus beherrschen.

Auch im neuen Geschäftsfeld der Mobilitätsdienstleister haben Zulieferer Expertise gesammelt. Und auch hier treffen sie – neben einzelnen Startups – auf die OEMs, die das Feld der Mobilitätsdienstleistung früher (Daimler mit Car2Go, Mytaxi, Moovel) oder später wie Volkswagen mit Moia und WeShare entdeckt haben.

Die Elektrifizierung krempelt die Branche um und macht es den Zulieferern leicht, ihre bisherigen Kunden als Konkurrenten zu sehen. Zudem vereinfacht sie die Technologie des Autobaus massiv: Denn ein Verbrennungsmotor besteht aus 1400 Teilen, ein Elektromotor aus 210. Der Zahlenvergleich zeigt, warum die Industrie der Zulieferer in den Bereich der Fahrzeugbauer und Mobilitätsdienstleister drängt. Das Auto der Zukunft enthält weniger Aggregate. Und die waren bislang das Kerngeschäft der Zulieferer.

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Jürgen Stüber vertritt an dieser Stelle Don Dahlmann, der normalerweise die Montagskolumne Drehmoment schreibt.
Bild: Bosch

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