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„Ich kenne in China jeden Reissack, an dem ein E-Roller vorbeigefahren ist“

Florian Walberg kämpft mit seinem Roller-Startup seit Jahren gegen die deutsche Bürokratie. Denn erlaubt sind die Fahrzeuge aus seinem Onlineshop hier nicht.

Florian Walberg war schon immer sein eigener Chef. Früher leitete er einen Musikverlag, heute verkauft er E-Roller – und kämpft dabei gegen die deutsche Bürokratie. Denn obwohl elektrische Tretroller fast überall im öffentlichen Straßenverkehr in Europa erlaubt sind, stellen sich die Entscheider hierzulande quer.

Bis zu 1.600 Euro kosten die E-Roller, die der 43-Jährige unter der Marke „Egret“ anbietet. Walberg verkauft vor allem in europäischen Märkten wie der DACH-Region, Frankreich und Spanien. Ab Juli will der Gründer mit der Zweitmarke „The-Urban“ und E-Rollern zwischen 300 und 1.100 Euro durchstarten.

Florian, du verkaufst E-Roller, auch in Deutschland, obwohl diese hier bisher nicht erlaubt sind. Was würde passieren, wenn der Gesetzgeber das Verbot aufhebt?

Bisher sind die Verkäufe statistisch noch nicht einmal erfasst, weil es sich um eine Fahrzeugklasse handelt, die noch nicht definiert ist. Ich denke aber, dass sich der Markt über die nächsten drei bis vier Jahre so extrem entwickelt, dass er sich vertausendfachen könnte.

Warum?

Weil man die Autos nicht aus den Innenstädten vertreiben kann, ohne den Leuten eine Alternative für individuelle Mobilität anzubieten.

Du glaubst also nicht daran, dass sich die Menschen in Zukunft nur einige wenige autonome Fahrzeuge teilen werden?

Natürlich, diese Lösungen wird es alle geben. Aber nicht alle Autos werden von den Straßen verschwinden, das ist doch totaler Wahnsinn. Es gibt Autos mit hervorragenden Verbrauchswerten, die so effizient sind, dass man die Energiebilanz einem E-Auto gegenüber nicht aufstellen möchte. Aber eine Sache ist klar: Mit einem Fahrzeug wie einem Bus oder einem E-Auto wird man nicht überall hinkommen, in abgesperrte Bereiche zum Beispiel.

Nun sprichst du aber davon, dass E-Roller schon in drei bis vier Jahren eine wichtige Rolle im Stadtbild spielen könnten. Ist das nicht sehr optimistisch?

Das ist pessimistisch.

In vier Jahren werden Elektroroller in Deutschland also erlaubt sein? Bisher hat sich da ja wenig getan.

Wenn die Entscheider nicht schon in diesem Jahr eine gesetzliche Lösung dafür finden, dann macht sich Deutschland im weltweiten Vergleich lächerlich. In ganz Europa ist es erlaubt, viele Wirtschaftsnationen fördern sie sogar. Deutschland als Mobilitätsgigant blockiert eine Lösung derzeit aktiv, obwohl es schon lange einen Bundesratsbeschluss dazu gibt.

Was ist der Grund?

Einer der wichtigsten Punkte ist, dass die Entscheider keine Innovatoren sind. Es sind einfach verschiedene Welten.

Aber gibt es nicht Punkte, die gegen E-Roller sprechen, zum Beispiel beim Thema Sicherheit?

Wir wollen ja nicht legalisieren, dass jemand mit 35 Kilometern pro Stunde durch die Fußgängerzone fährt und Menschen verletzt. Das ist auch mit einem Fahrrad nicht erlaubt. Und im Gegensatz zu einem Fahrrad steht man auf einem E-Roller, damit ist man größer und wird schneller gesehen. Und im Falle eines Sturzes sind die Folgen deutlich geringer. Zudem kann man notfalls schneller abspringen. Zusätzlich sind die Fahrzeuge klein und leicht und damit ist die kinetische Energie so gering, dass die Folgen im Falle eines Sturzes deutlich geringer sind. Es ist also um ein Vielfaches sicherer als ein Fahrrad.

In Österreich und der Schweiz verkaufst du ebenfalls E-Roller, da ist die öffentliche Nutzung legal. Sieht man das an den Verkäufen?

Absolut. Vor allem in Frankreich sieht man eine drastische Entwicklung. Genauso in Wien. In Spanien hat das Verkehrsministerium gerade eine Empfehlung über den Einsatz dieser Fahrzeuge ausgesprochen. Seitdem habe ich drei neue Leute für den spanischen Markt geholt. Genauso merkt man in diesen Märkten aber auch, wie die Konkurrenz stärker wird. Das bedeutet, dass der Markt wirklich kommt.

Du dachtest, dass der Markt nicht kommt?

Mir war immer klar, dass der Markt kommt. Aber für die Zweifler sind das gute Argumente.

Du arbeitest jetzt schon einige Jahre an deinem Unternehmen. Wie hast du das bisher finanziert?

Selbst. Ich bin mit 10.000 Euro Startkapital reingegangen, habe vom ersten Tag an schwarze Zahlen geschrieben und konstant Wachstum generiert. Im letzten Jahr waren das 70 Prozent. In diesem Jahr sind wir bereits bei über 100 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Suchst du Investoren, um das Wachstum zu beschleunigen?

Ja, aber es ist sehr schwer, in der Größenordnung, in der ich Geld suche, etwas zu finden. Meine Vorstellung liegt zwischen einem Seed-Investment und einer Series A.

Liegt es daran, dass dein Unternehmen in Deutschland sitzt, wo E-Roller derzeit nicht fahren dürfen?

Es liegt daran, dass der Markt für die Investitionsgröße zwischen einem Seed-Invest und einer A-Runde allgemein sehr schwierig ist. Und für den Investoren ist es eine Wette auf eine kommende Gesetzesänderung. Aber europäische Investoren sind nicht sehr risikobewusst. Anders als in den USA. Das US-Unternehmen Bird ist inzwischen zwei Milliarden Dollar wert. Dabei ist deren Know-how deutlich geringer als unseres. Wir haben im letzten Jahr schon die zweite Bundesbahn-Verleihstation in Österreich aufgebaut. Seit 2003 produziere ich E-Roller. Ich kenne in China jeden Reissack, an dem ein E-Roller vorbeigefahren ist.

Warum gehst du dann nicht in die USA, wenn dort solche Investitionssummen aufgerufen werden?

Das ist als Nicht-Amerikaner nicht so ganz leicht. Man setzt sich ja nicht einfach in den Flieger und hat ein paar Roller unter dem Arm. Ich kenne mich auf dem europäischen Markt aus, aber da drüben halt leider noch nicht. Wenn es so leicht wäre, dort eine Milliarde einzusammeln, dann hätte ich das ja schon gemacht (lacht).

Bild: Florian Walberg

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