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„Leider ist die E-Scooter-Debatte oft recht einseitig“

Unfälle, Fahrschule, Parkplätze und E-Tretroller auf dem Land: Wir haben den Gründer des Roller-Sharings mit Fragen zur aktuellen Diskussion konfrontiert.

Die ersten Leihservice-Anbieter für E-Tretroller ziehen Konsequenzen: Unfälle und chaotisch abgestellte Fahrzeuge haben eine Diskussion entfacht, wie Startups, Stadtverwaltung und Nutzer mit der neuen Fahrzeugklasse umgehen sollten. Erste Anbieter wie Lime bieten seit diesem Wochenende kostenlose Sicherheitstrainings an. Auch das Berliner Startup Tier Mobility will seine Nutzer besser als bisher aufklären. Wir haben Tier-Mobility-Gründer Julian Blessin zur aktuellen Lage befragt.

Julian, Unfälle mit E-Tretrollern häufen sich. Was wollt ihr tun, damit auch eure Kunden sicherer unterwegs sind?

Zunächst ist es so, dass es keine unfallfreien Fahrzeuge gibt. Aktuell gibt es keine belastbaren Vergleichsstatistiken, aber zumindest deutliche Hinweise darauf, dass E-Scooter im Vergleich zu anderen Transportmitteln – insbesondere Autos oder Motorräder – weit weniger gefährlich sind. Grundsätzlich ist es so, dass Unfallprävention bei uns auf drei Säulen basiert: Wir klären unsere Kunden intensiv über sicheres, verantwortungsvolles Fahren auf, sowohl über die App als auch durch Sicherheitstrainings. Das nächste Sicherheitstraining, inklusive E-Führerschein, findet am 16.8. auf dem Berliner Euref Campus statt. Daneben haben wir den sichersten E-Scooter auf dem Markt entwickelt. Und schließlich sprechen wir auch mit den Städten, um eine bessere Infrastruktur zu entwickeln. In Dänemark etwa gibt es weit weniger Unfälle mit E-Scootern, weil hier die Radwege deutlich breiter sind und Verkehrskreuzungen so konzipiert wurden, dass es zu weniger Unfällen zwischen Autos und anderen Fahrzeugen kommt.

Welche Absprachen führt ihr gerade mit den deutschen Stadtverwaltungen und dem Verkehrsministerium? Welche Forderungen werden an euch gerichtet?

Das kann man so allgemein kaum beantworten, da die Städte oft sehr unterschiedliche Perspektiven auf das Thema haben. Viele Städte sehen uns als wichtiger Bestandteil der Verkehrswende, andere sind eher skeptisch. Ordnungsgemäßes Parken ist sicher ein Thema, das sich durchzieht. Hier sind schon eine Reihe von Maßnahmen wie Parkverbotszonen, eindeutige Hinweise in der App und Umparkprozesse umgesetzt worden.

Sind ausgewiesene Parkflächen wie Autoparkplätze beziehungsweise Halteverbotszonen vor Denkmälern für E-Tretroller sinnvoll oder quatsch?

Ausgewiesene Parkflächen sind zunächst positiv zu sehen. Die Kommunen werden aber realistisch betrachtet nicht so viele Flächen ausweisen können, dass unser Free-Floating-System allein durch ausgewiesene Flächen aufrechterhalten werden kann. Gleichzeitig ist Free-Floating aber notwendig, um tatsächlich das komplementäre Mobilitätsangebot für die erste und letzte Meile im Stadtverkehr sein zu können.

Anbieter von E-Tretroller-Sharing müssen ihre Strategie ändern

In Amsterdam fischen Taucher die Roller aus Kanälen, in Paris kostet es Bußgeld, wenn Nutzer sie auf Gehwegen parken. Hierzulande müssen es die Startups besser machen.

In anderen Ländern wurden die Roller wie selbstverständlich von den Nutzern angenommen. Hier gibt es viel Protest gegen sie. Hat dich das überrascht?

Es ist interessant, wie leidenschaftlich die Diskussion bei Befürwortern und Gegnern derzeit geführt wird. Für mich ist das ein Zeichen, dass sich in unseren Städten einiges ändern muss. Leider ist die Debatte oft recht einseitig – teilweise auch mit völlig falschen Zahlen. Ein Beispiel dafür ist die Lebensdauer der Scooter: In den Medien und im Netz kursiert eine angebliche Lebensdauer von 28 Tagen aus den USA. Der Tier-Scooter, der in Deutschland unterwegs ist, wird deutlich länger als zwölf Monate halten. Auch die Unfallzahlen werden in meinen Augen überhaupt nicht in Verhältnis gesetzt zu anderen Verkehrsmitteln, insbesondere zu den über eine Million Menschen, die weltweit im Autoverkehr sterben.

Wie hoch ist der Schaden, der euch durch Vandalismus an Tretrollern entstanden ist?

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist Deutschland am geringsten von Vandalismus betroffen. Dass Sachbeschädigung keine wesentliche Rolle für uns spielt, hängt auch damit zusammen, dass die aktuelle Generation von Tier-Scootern wenig Angriffsflächen zur Zerstörung bietet, das GPS-System gut gesichert ist und unsere Scooter die Nacht überwiegend in Lagerhallen verbringen, wo sie geladen und gewartet werden.

E-Tretroller fahren ist teilweise fast so teuer wie E-Roller oder Carsharing zu nutzen – zumindest mit Lime. Werdet ihr auch die Preise anziehen? Was ist eure Strategie?

Das ist ein wenig so, als würde man Äpfel mit Birnen vergleichen. Die aktuell kursierenden Vergleichszahlen basieren teilweise auf Einführungsangeboten gewisser Sharing-Anbieter und haben teilweise unrealistische Grundlagen. Beim Carsharing zum Beispiel ist der größte Zeitfresser in der Kurzstrecke die Parkplatzsuche, die in der Kalkulation gar nicht berücksichtigt wurde.

In welchen Städten startet ihr als nächstes? Wie viele Städte und Fahrzeuge habt ihr deutschlandweit schon?

Aktuell sind wir in 15 Städten in Deutschland, nächste Woche kommen zwei weitere Städte dazu. Ende nächster Woche werden wir rund 14.000 E-Scooter deutschlandweit auf der Straße haben.

Kein Mensch braucht E-Tretroller in der Stadt – her mit den Dorf-Rollern!

Mobilitätslücken in der Großstadt? Darüber kann man auf dem Land nur lachen. Da, wo der Bus nur wenige Male am Tag kommt, können Startups wirklich helfen.

Plant ihr auch, in die Provinz zu gehen, also in Städte mit weniger als 100.000 Einwohnern?

Tatsächlich reden wir hier mit einer ganzen Reihe von Kommunen, um Lösungen zu finden. Da sind wir aber noch in einer frühen Test- und Evaluierungsphase und wollen deswegen noch nicht viel mehr verraten.

Vielen Dank für das Interview, Julian


Bild: Chris Marxen, headshots-berlin.de

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