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Anbieter von E-Tretroller-Sharing müssen ihre Strategie ändern

In Amsterdam fischen Taucher die Roller aus Kanälen, in Paris kostet es Bußgeld, wenn Nutzer sie auf Gehwegen parken. Hierzulande müssen es die Startups besser machen.

Seit ein paar Wochen stehen und liegen die bunten E-Tretroller an jeder Ecke der Innenstadt. Manchmal in kleinen Paketen an der Seite, viel häufiger mitten auf dem Gehweg. Dass das Anwohner ärgert, ist verständlich. Andere regen sich darüber auf, weil viele Nutzer sich nicht darum scheren, dass die Roller eigentlich nur auf dem Fahrradweg oder der Straße genutzt werden dürfen. In Berlin ist es mittlerweile normal, dass die Vehikel auch auf den schmalen Bürgersteigen gefahren werden. Das Leben für Fußgänger macht das nicht gerade angenehmer.

Die Erkenntnis, dass E-Tretroller im Alltag Probleme verursachen, ist nicht neu. In Paris sorgen die Geräte schon seit Monaten für Ärger. Die Stadtverwaltung hat mittlerweile harte Maßnahmen ergriffen. Die Scooter, die in Paris den hübschen Namen „Trottinette“ tragen, dürfen nicht mehr einfach so auf dem Bürgersteig abgestellt werden, sondern nur noch auf Motorrad- und Fahrradparkplätzen. Jeder Verstoß wird mit einem Bußgeld in Höhe von 35 Euro bestraft – zu zahlen vom Fahrer der E-Tretroller. Teuer wird es dort auch, wenn man auf dem Gehsteig fährt. Hier droht ein Bußgeld in Höhe von 135 Euro.

In Deutschland hat man sich offenbar vor der Einführung der neuen Fahrzeugklasse nicht mit den Problemen beschäftigt, die andere Länder schon kennen. Zwar hat man sich lange Gedanken darüber gemacht, ob die Scooter einen Blinker benötigen, aber nicht, wie man mit der Masse der Fahrzeuge und dem Nutzverhalten der Kunden umgehen will. Das Ergebnis ist nun, dass wir genau da stehen, wo Paris und andere Metropolen schon vor vielen Monaten waren.

Den Betreibern der kleinen Flitzer geht es allerdings auch nicht viel besser. Schon jetzt sieht es so aus, als ob die Startups mit den operativen Kosten zu kämpfen hätten. Nach der Einführungsphase stiegen die Minutenpreise von 15 auf 19 bis 20 Cent. In München verlangt Lime sogar 25 Cent pro Minute. Damit liegt man preislich über dem, was Volkswagen für seine Carsharing-Autos verlangt (19 Cent pro Minute) und nur knapp unter dem Preis für einen Smart von Car2Go (26 Cent pro Minute).

E-Scooter sind mitunter teurer als Carsharing

Die Miet-Tretroller mit Elektroantrieb werden als Mobilitätslösung für die Kurzstrecke beworben. Räder und Autos sind aber oft günstiger, wie eine Analyse zeigt.

Tatsächlich ist die Nutzung eines E-Scooters für den Kunden teuer. Die Plattform „MyDealz“ hat ausrechnen lassen, was eine Fahrt von Berlin-Mitte zum Checkpoint Charlie kostet. Das Ergebnis war eindeutig. Während das günstigste Leihfahrrad rund einen Euro kostet, zahlt man für die Strecke bei den E-Scootern zwischen 2,35 Euro und 2,80 Euro. Das ist im Vergleich zum Fahrrad, das auch nicht langsamer ist, viel zu teuer. Würde man in Deutschland die gleichen strengen Bußgelder einführen wie in Paris, dürften die Preise noch weiter steigen.

Einen nicht unerheblichen Teil der Kosten verursachen die Fahrzeuge selber. Laut einer Recherche des US-Magazin Quartz beträgt die mittlere Lebensdauer eines E-Scooters in den USA gerade einmal 26 Tage. Kein Wunder, wenn man bedenkt, wie mit den Dingern umgegangen wird. In Amsterdam müssen Taucher die Fahrzeuge jetzt regelmäßig aus den Kanälen fischen. Dabei kosten die E-Scooter die Betreiber rund 350 bis 500 US-Dollar pro Stück.

Nicht alles ist schlecht an E-Tretrollern

Es ist nicht so, dass E-Tretroller gar keinen Sinn machen würden. Erste Ergebnisse zeigen, dass nach der Einführung in einigen Städten die Nutzung des ÖPNV leicht zurückgegangen ist. Das liegt aber auch daran, dass die Scooter deutlich schneller und bequemer als der Nahverkehr sind. Eine Alternative zum Fahrrad sind sie allerdings nicht.

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Die Betreiber der E-Scooter könnten schnell in eine unangenehme Situation geraten. Einerseits sind da die hohen operativen Kosten, andererseits drohen Städte mit neuen Regeln und Strafzahlungen. Daher sollten die Unternehmen lieber proaktiv agieren. In Zusammenarbeit mit den Städten müssen sie Konzepte entwickeln, wie und wo die Scooter geparkt werden können und wo sie am sinnvollsten eingesetzt werden.

Statt sie als Konkurrenz zum Fahrrad zu platzieren, sollte man sie eher in den Außenbezirken stationieren, wo E-Scooter eine wichtige Rolle bei der Überbrückung der letzten Meile spielen können. Lässt man aber alles so, wie es im Moment läuft, wird der Spaß für Nutzer und Betreiber sehr schnell vorbei sein.


Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

Bild: Getty Images / GERARD JULIEN / Kontributor

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