Trends, Innovationen und Digitales aus dem Mobilitätsbereich

Der Daten-Egoismus hält Startups auf

Kommunen und Unternehmen horten ihre Daten wie Schätze. Dabei lässt sich die Verkehrswende nur durch mehr Transparenz umsetzen, um das Chaos auf den Straßen zu vermeiden.

Metropolen stecken im Dilemma: Einerseits wollen sie weniger Verkehr in den Städten und dazu etwa Autos verbannen. Anderseits haben sie kaum Erfahrungen mit den neuen Mobilitätsangeboten von privaten Anbietern. Das Ganze lief bisher darauf hinaus, dass erst einmal alle Angebote zugelassen wurden und sich die Städte wenig später mit einem noch größeren Chaos konfrontiert sahen als zuvor. So geschehen in New York und Paris.

In New York sorgten die Taxi-Vermittler Uber und Lyft dafür, dass der Verkehr eher zu- als abnahm. Ähnliches passierte in Paris, wo die E-Tretroller nicht nur Gehsteige verstopften, sondern auch noch für eine erhebliche Anzahl von Unfällen sorgten. Auch deutsche Städte kennen das Problem: Im vergangenen Jahr stapelten sich Leihrädern auf den ohnehin schon vollen Gehwegen.

Viele Kommunen sind an dem Chaos mitbeteiligt. Statt zunächst die vorhandenen Datensätze auszuwertern, also zu prüfen, welche Angebote überhaupt sinnvoll sind, agieren sie in den meisten Fällen naiv. ÖPNV-Anbieter etwa verfügen über einen riesigen Datenschatz. Sie haben Kenndaten über die Alterstruktur ihrer Nutzer, sie wissen, zu welcher Zeit und an welchem Tag die Auslastung im Verkehr am höchsten ist.

Nach der Devise „Daten sind das neue Öl“ sind viele Kommunen und Unternehmen bisher nicht bereit, die Daten transparent zu machen. Lieber bleibt man drauf sitzen und wartet, dass sie irgendwann vielleicht mal gewinnbringend verkauft werden können.

E-Tretroller sind ein Hype mit wenig Weitblick

Die Begeisterung für die neue Fahrzeugklasse ist immens. Doch so viel Spaß E-Kickscooter auch machen mögen – verkehrstechnisch und ökologisch ergeben sie keinen Sinn.

Wenn die Städte offener damit umgehen würden, wann und wo es zum Beispiel im Nahverkehr zu Überlastungen kommt, könnten privatwirtschaftliche Anbieter ihre Fahrzeuge besser positionieren. Ridesharing-Unternehmen und der ÖPNV würden gleichermaßen davon profitieren, wenn sie sich austauschten. Erkennt ein Nahverkehrsanbieter Lücken in seinem Linienangebot, kann diese Information wieder an den Bus- und Bahnbetreiber weitergereicht werden. So wie es zum Beispiel Moia mit der Hochbahn in Hamburg vorgemacht hat.

Auf einer Logistik-Konferenz sagte neulich ein Unternehmer, dass das Problem nicht die Menge der Daten sei. Es fehle einfach eine Möglichkeit, sie richtig auszulesen. Die naheliegende Variante, die Informationen einfach zu anonymisieren, ins Netz zu stellen und zu schauen, was Startups und Programmierer damit anfangen können, lehnte er ab. Auf die Frage, warum man die Daten zwar verkaufen, aber aus Datenschutzgründen nicht den Bürgern zur Verfügung stellen könne, wußte der Unternehmensvertreter keine Antwort.

Folge NGIN Mobility auf Facebook!

Das bloße Vorhandensein von Daten löst weder das Problem, noch lässt sich damit Geld verdienen. Erst wenn die Daten sozusagen raffiniert und verarbeitet werden, kann man damit etwas anfangen. Doch das können Kommunen allein gar nicht leisten, und auch die privaten Unternehmen sind damit teils überfordert.

Daher wäre es nicht nur ein wichtiger, sondern ein notwendiger Schritt, die Daten zu liberalisieren und mittels öffentlicher Schnittstellen anonymisiert ins Netz zu stellen. Ihre Analyse würde Städten helfen, die Verkehrswende besser zu planen. Vor allem aber würden sie Startups eine nie dagewesene Chance bieten, bessere Produkte zu entwickeln. Die Freigabe der Daten könnte zu einem Boom in der noch kleinen Startup-Szene der Mobilitätsdienstleister in Deutschland führen. Das einzige, was uns davon abhält, ist der Egoismus der Städte, ÖPNVs und privaten Anbieter.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

 

Bild: Getty Images / Dean Mouhtaropoulos / Staff

Folge NGIN Mobility auf:

In Kooperation mit
amplifypixel.outbrain