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„Das ist nicht ohne“ – der Flixbus-Gründer macht den Job seiner Angestellten

Für eine TV-Show schnuppert Flixbus-Gründer Daniel Krauss in die Jobs seiner Mitarbeiter hinein – von der Lokführerin bis zur Putzkraft. Das sollten Gründer öfter machen.

Es beginnt zu zweit in der WG. Dann geht es mit den ersten Mitarbeitern ins Coworking-Space. Anschließend folgt das erste Büro – und dann das nächste, weil das alte zu klein geworden ist. Wird das eigene Startup zum Unternehmen, macht das Gründerinnen und Gründer stolz. Doch einen Nachteil hat das Wachstum: Alle Mitarbeiter beim Namen zu kennen und in der Kaffeeküche tägliche Pläuschchen zu halten, ist ab einer gewissen Unternehmensgröße nicht mehr möglich.

Genauso geht es Flixbus-Mitgründer und -CIO Daniel Krauss. Seine Firma Flixmobility, die hinter Flixbus und Flixtrain steht, hat rund 1.000 Mitarbeiter – und das nur fünf Jahre nach der Gründung. Derzeit peilt das Unternehmen eine Bewertung von 2,5 Milliarden Dollar an, berichtet Deutsche Startups. Seine Büros verteilen sich auf mehrere Länder, und neben den Angestellten an den Schreibtischen gibt es natürlich auch noch die Busfahrer, Zugbegleiter und KFZ-Mechatroniker. Den Überblick hat Krauss, studierter Wirtschaftswissenschaftler, längst verloren – das wurde in der RTL-Sendung „Undercover Boss“ deutlich.

Krauss, 35 Jahre alt, arbeitete dabei einen Tag lang in verschiedenen Bereichen seiner Firma mit – gut getarnt. Die Angestellten glaubten, Krauss, mit veränderter Frisur, Kontaktlinsen und Fatsuit, hieße Martin und sei Teilnehmer einer Fernsehshow namens „Deutschlands härtester Anpacker“. Sie erklärten dem vermeintlichen Martin ihre Jobs und ließen ihn tatkräftig mitarbeiten. Dabei zeigte sich vor allem eines: Das, was Krauss für die Fernsehshow gemacht hat, sollten Gründer regelmäßig in ihre Terminpläne einbauen.

Die echten Probleme der Mitarbeiter werden sichtbar

Am ersten Tag besucht Krauss den Zugbegleiter eines Flixtrains. Sein erster Job: das Bordbistro mit Getränken und Lebensmitteln aufstocken. „Das ist anstrengender als ein Bürojob“, kommentiert der CIO. Als er während der Fahrt die Kaffeemaschine mit Wasser befüllen und Snacks an die Passagiere verkaufen soll, werden gleich mehrere Probleme deutlich: Die Kaffeeküche ist deutlich zu klein und die Flixmobility-eigene App, mit der die Mitarbeiter abkassieren, zu kompliziert. Auch die Flixtrain-App bereitet Probleme. Eine Kundin sucht ihren Sitzplatz, der eigentlich in der App angezeigt werden soll. Krauss schnappt sich das Smartphone – und findet ebenfalls keine Platzanzeige. Künftig muss das in der App verständlicher dargestellt sein, sagt er.

„Wir Gründer sind nicht brilliant – wir haben die richtigen Leute eingestellt“

Vom Startup zum größten Fernbus-Anbieter Europas: Im Podcast erklärt Mitgründer Daniel Krauss, wie Flixbus diesen Weg geschafft hat und, was für die Zukunft geplant ist.

An einem anderen Tag besucht Krauss einen KFZ-Mechatroniker, der sich täglich um die Wartung der Busse kümmert. Reifen- und Ölwechsel stehen an, außerdem muss das Chemieklo entleert und gesäubert werden. Eine fiese Angelegenheit und aufwendig noch dazu. Nachdem Krauss die WC-Reinigung erledigt hat, ist ihm klar: Neue, leichter entleerbare Toiletten müssen für die Flixbusse her. Als der Geschäftsführer ein andermal die Fahrerin eines Flixtrains begleitet, stößt er auf ein weiteres Problem: Die Klimaanlage in der Fahrerkabine ist so laut, dass eine Unterhaltung nur schwer möglich ist. Ein technischer Defekt, der behoben werden muss – und den Krauss nie mitbekommen hätte, wäre er nicht selbst vor Ort gewesen.

Neue Geschäftszweige findet man selten im Büro

Meetings, Analysen und PowerPoint-Präsentationen können bei der Erschließung neuer Geschäftsfelder helfen. Mal die gemütlichen vier Bürowände zu verlassen, ist manchmal aber sinnvoller, wie sich bei „Undercover Boss“ zeigt: Als Krauss in orangefarbener Warnweste einen Zugvorbereiter bei der Arbeit begleitet, muss er unter anderem helfen, Autos auf einen Autozug zu laden.

Auto-Zugtickets verkauft Flixmobility derzeit noch nicht, bislang hat das Unternehme nur Sitzplätze in den Autozügen im Angebot. Das soll sich nun, nach Krauss’ Ortsbesuch, ändern: Er habe gar nicht gewusst, dass der Autozug so gut gebucht werde und wolle nun prüfen, ob er sein Business dahingehend erweitere, so der Gründer in der Sendung.

Auch abseits der Chefetage gibt es spannende Jobs

Eines haben die Mitarbeiter in und um Flixtrain und Flixbus gemeinsam: Sie alle sagen, sie würden ihre Jobs lieben, und der Zuschauer glaubt es ihnen gern. Und auch Krauss hat sichtbar Spaß an den Jobs, die weit von Computern und Meeting-Räumen entfernt sind – und wohl um ein Vielfaches schlechter bezahlt werden als sein eigener.

Anspruchsvoller als gedacht sind die Arbeiten auch. So hat Krauss kaum die Kraft, die Spanngurte auf dem Autozug festzuziehen, schläft neben Busfahrer Jamon wegen des frühen Aufstehens ein, ist nach ein paar Stunden als Zugbegleiter vom vielen Gehen erschöpft und wird äußerst nervös, als er eine Zugdurchsage machen soll. „Diese Jobs sind schon nicht ohne“, resümiert Krauss, der sich selbst „Bürotäter“ nennt.

Auf die Mitarbeiter kommt es an

Die wichtigste Erkenntnis der Sendung: Ein Gründer oder eine Gründerin sollten ihre Mitarbeiter kennen. Krauss erfährt etwa, dass sich eine Putzkraft, die jede Nacht für die Innenreinigung der Flixbusse zuständig ist, neben dem Job um ihren behinderten Vater kümmert. „Das sind keine Roboter. Da stecken Menschen drin“, sagt Krauss, als erkenne er das erst jetzt. Andere Geschichten erfreuen den Chef selbst: So erfährt Krauss, dass er der 22-jährigen Lokführerin, die er einen Tag lang begleitet, zum absoluten Traumjob verholfen hat. Oder dass der KFZ-Mechatroniker seine Verlobte während der Arbeit für Flixmobility kennengelernt hat.

Die Mitarbeiter freut der hohe Besuch des Chefs ebenso sehr: Als Krauss seine Tarnung aufdeckt, nimmt er sich Zeit, jeden Mitarbeiter zu loben. Das macht das Team stolz, sogar Tränen fließen. Für KFZ-Mechatroniker Maik, Lokführerin Laura und die anderen dürfte das Lob, das Krauss nur wenige Minuten gekostet hat, ein ordentlicher Motivationsschub gewesen sein.

Klar ist: Wer Gründer eines Startups mit vielen Mitarbeitern oder gar eines Großunternehmens ist, kann sich nicht um jeden Angestellten persönlich kümmern. Sich wie Krauss für „Undercover Boss“ aber einmal im Jahr ein bis zwei Wochen Zeit zu nehmen, um einen Tag in jeder einzelnen Abteilung mitzuarbeiten, ist für alle Beteiligten ein Gewinn. Geschäftsführerinnen oder Geschäftsführer erkennen bestehende Probleme, können sie verbessern und so die Zufriedenheit im Team erhöhen. Die Mitarbeiter freut indes die Wertschätzung durch Chef oder Chefin.

Bild: MG RTL D

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