Trends, Innovationen und Digitales aus dem Mobilitätsbereich

„Im Herzen bin ich ein Techie, aber bei Weitem nicht der Beste“

Wenn es so gut läuft, wie du sagst, woher kommen dann die Beschwerden vieler Kunden über Verspätungen und mangelnden Komfort?

Seit ich bei Flixmobility bin, habe ich gelernt, dass Verkehr deutlich komplexer ist, als es von außen den Anschein hat. Früher habe ich auch gemault, wenn am Bahnhof plötzlich „umgekehrte Wagenreihung“ auf dem Display stand oder es eine Verspätung gab. Das mache ich nicht mehr so sehr. Man kann immer besser werden, aber wir haben schon ein sehr gutes Angebot und haben in den letzten Jahren investiert, zum Beispiel, was proaktive Information gegenüber dem Kunden angeht, wenn wir tatsächlich mal zu spät sind.

In zwei Jahren wollt ihr klimaneutral sein. Wie kann das klappen, ohne komplett auf CO2-Zertifikate zu setzen?

Man muss da zwei Faktoren unterscheiden. Auf der einen Seite das Produkt: 95 Prozent unserer Fernbusflotte erfüllen die Euro-6-Abgasnorm. Unsere Flixtrain-Züge sind mit 100 Prozent Ökostrom aus Wind- und Wasserkraft unterwegs. Darüber hinaus testen wir seit letztem Jahr die weltweit ersten E-Busse auf Fernlinien und haben in den Benelux-Ländern Solarpanels auf manchen Bussen. Und schon seit Jahren können Fahrgäste bei uns ihren CO2-Ausstoß auf jeder Fahrt freiwillig kompensieren. Andererseits müssen wir aber auch als Unternehmen verantwortungsvoll handeln: Wir kompensieren schon jetzt alle unsere Geschäftsreisen, nutzen Fernbusse wann immer möglich und wollen als Teil der Leaders for Climate Action eine Vorreiterrolle auf dem Weg zu einem klimaneutralen Deutschland einnehmen.

Rund um den Wework-Börsengang gibt es die Diskussion, ob alle Unternehmen, die sich als Tech-Firmen ausgeben, auch wirklich welche sind. Wie techy ist Flixmobility wirklich?

Bei einem Unternehmen das Immobilien besitzt, kann ich die Diskussion gut nachvollziehen. Hier wird „Tech“ nur proklamiert, weil man glaubt, es hilft der Bewertung. Aber bei uns, würde ich sagen, ist es fifty-fifty. Zu einer Hälfte sind wir ein Mobilitätsanbieter und zur anderen ein Technologie- und Plattformunternehmen. Wir haben ein Angebot gebaut, mit dem Kunden beim Ticketkauf eine bessere Erfahrung machen als bei anderen Anbietern. Und das geht bei der heutigen Komplexität des Verkehrs ausnahmslos nur mit Software-Unterstützung. Deswegen arbeiten bei uns mittlerweile über 250 Entwickler.

Sind Ticketplattformen wie Omio oder Trainline für euch also eher Konkurrenz als eine Möglichkeit, eure Fahrten zu verkaufen?

Es kommt drauf an. Aber generell gilt, dass es geht nicht mehr nur um den Mobilitäts-Split geht: Für welches Verkehrsmittel entscheidet sich der Kunde? Sondern auch um den Zugang: Wo bucht er sein Ticket? Wir verbessern kontinuierlich unsere Digitalprodukte, damit der Fahrgast direkt bei uns kaufen kann und nicht über Meta-Seiten gehen muss.

Also wäre es keine Option, den Ticketverkauf auch noch auszugliedern, wo ihr doch schon keine Busse und Züge selbst besitzt?

Nein. Wir teilen mit unseren Partnern das Risiko und die Umsätze. Sie bringen die Fahrzeuge ein und wir die Technologie, die Qualitätssicherung und den Vertrieb. Das ist ein sehr gutes Ökosystem, eine Art Symbiose, die dazu führt, dass wir nicht einfach umfallen, wenn der konjunkturelle Wind mal ungünstig bläst.

Berlins nächster Einhorn-Gründer

Naren Shaam ist in Indien aufgewachsen, hat in Harvard studiert und in Berlin gegründet. Heute ist seine Firma Omio eine der wertvollsten Tech-Firmen Deutschlands.

Ihr habt Busse, Züge, bald eine Mitfahrzentrale. Was kommt danach?

Es ist nicht geplant, dass wir nächstes Jahr Leute durch Röhren schießen oder so etwas. Viele fragen auch, ob wir nicht „Flixair“ machen wollen. Das wollen wir nicht. Zum einen ist es schwierig bis unmöglich, mit Flugreisen ein funktionierendes Geschäftsmodell aufzubauen. Zum anderen glauben wir, dass es für unsere Kernprodukte – vor allem den Bus, aber in Europa auch die Züge – noch unheimlich viel Marktpotenzial gibt, das wir erst mal heben müssen. Wir haben uns auf Langstrecken am Boden spezialisiert und schauen, was dort noch möglich ist.

Und wann geht ihr an die Börse?

Wir können unser Wachstum, die globale Expansion und neue Produkte aus Finanzierungsrunden unterstützen. Deswegen gibt es keine konkreten Pläne, an die Börse zu gehen. Wir haben gerade eine große Finanzierungsrunde hinter uns und sind superhappy.

Flixtrain-Chef: „Unsere Aprilscherze sind alle wahr geworden“

Fehlende Züge und ausstehende Genehmigungen – von außen betrachtet, wirkt der Start von Flixtrain etwas holprig. Im Interview hält der Geschäftsführer dagegen.

Bild: Flixmobility

Folge NGIN Mobility auf:

In Kooperation mit
amplifypixel.outbrain