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GoEuro-CEO: „Wenn alles gut läuft, brauchen wir noch fünf Jahre“

GoEuro will das Reisen bequemer zu machen. Im Interview spricht der CEO über das Gründer-Eldorado Europa und verrät, warum ein Exit für ihn nicht in Frage kommt.

Rund 250 Mitarbeiter, ein sechsstöckiges Büro am Senefelderplatz und knapp 150 Millionen US-Dollar Risikokapital: GoEuro, die Plattform für Reisebuchungen, gehört zu den wertvollsten Startups in Berlin.

Gestartet vor fünf Jahren, arbeitet der im indischen Bangalore geborene Gründer Naren Shaam daran, das Reisen in Europa bequemer zu machen. Über die Plattform GoEuro können Reisende vergleichen, welches Verkehrsmittel am günstigsten ist – und je nach Anbieter direkt in der App buchen. Investoren gefällt das. Unter anderem haben Goldman Sachs und Star-VC Kleiner Perkins Millionen in das Startup gesteckt. Im Interview spricht der Gründer über seine Fundraising-Strategie, Zehn-Milliarden-Dollar-Companies „made in Europe“, und verrät, warum ein Exit für ihn nicht in Frage kommt.

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Naren, mit GoEuro hast Du bereits 150 Millionen US-Dollar Risikokapital eingesammelt. Wie hast Du die Investoren wie Goldman Sachs überzeugt?

Der Schlüssel ist ein gutes Produkt und ein erfolgreiches Geschäft. Mehr als 20 Millionen Menschen monatlich nutzen mittlerweile unsere Plattform für Reisebuchungen, sie können Verbindungen in 14 europäischen Märkten buchen. Investoren verstehen heute, was wir tun – und geben Geld für Entwicklung und Wachstum. Viele Gründer fokussieren sich zu Beginn zu sehr auf das Fundraising statt auf das Produkt und den Kunden.

Wird das Fundraising also mit dem Wachstum des Unternehmens leichter?

Nicht direkt. Zwar ist es leichter, aufgrund einer bestimmten Größe und Bekanntheit einen Termin bei Investoren zu bekommen. Wichtig ist, dabei die für Dein Unternehmen relevanten Player zu identifizieren, die das Business verstehen. Dann geht es darum, im Pitch zu überzeugen.

Ihr seid vor etwa fünf Jahren an den Start gegangen. Seid ihr mittlerweile profitabel?

Nein. Wir sind nicht profitabel, aber wir verdienen Geld. Profitabel sein ist auch nicht unser erstes Ziel, zunächst geht es um Wachstum, dafür müssen wir investieren. Das ist ähnlich wie bei einer Autofabrik: Zuerst muss die Fabrik gebaut und die Maschinen gekauft werden, dann startet die Produktion. Das erste Auto wird erst Monate später verkauft. So auch bei uns: Den Markteintritt in einem neuen Land bereiten wir sechs bis zwölf Monate lang vor, vier Monate dauert die Implementierung der Technologie. Bis wir das fertige Produkt am Markt haben, vergehen also 1,5 Jahre. Allein Vertragsverhandlungen mit staatlichen Bahn-Unternehmen können 6-12 Monate dauern. In diesem Jahr wollen wir unsere europaweite Abdeckung erhöhen, mehr Kunden auf unsere Plattform holen und die Bedienbarkeit der App vereinfachen. Darin investieren wir zunächst.

Bisher steht für GoEuro der europäische Markt im Fokus. Wollt ihr auch in die USA oder nach Asien expandieren?

Die Expansion in Europa wollen wir zunächst abschließen. Für die Zeit danach steht die globale Expansion auf unserer Agenda. Wenn wir in Europa erfolgreich sind, lässt sich unsere Technologie relativ einfach in anderen Ländern ausrollen.

Wie überzeugt ihr eigentlich Eure Partner und die Verkehrsunternehmen davon, mit GoEuro zusammenzuarbeiten?

Die Unternehmen erkennen, dass wir uns zu einer relevanten Größe in der Branche entwickelt haben und wollen die über unsere Kanäle verkauften Tickets nicht verpassen. Daher kommen viele Unternehmen mittlerweile auf uns zu. Doch ich gebe zu: Anfangs war es hart, da mussten wir um jeden Partner kämpfen. Und natürlich gibt es auch heute noch das ein oder andere Staatsunternehmen, bei dem alles ein bisschen länger dauert.

Was sind heute Eure größten Herausforderungen?

Erstens das Management unserer Partner. Wir arbeiten mit mehr als 600 Transportanbietern zusammen und bauen das Netzwerk ständig aus. Dabei ist es nicht damit getan, einen Vertrag abzuschließen, sondern das Netzwerk muss gepflegt werden, das bindet Ressourcen. Zweitens sind die Skalierung des Produktes und die dahinter stehende Technologie komplex. Für Bus und Bahn gibt es kein globales Buchungssystem wie im Flugverkehr, das wir nutzen könnten. Genau das müssen wir bauen und dafür Standards entwickeln. Derzeit beschäftigen wir allein knapp 180 Mitarbeiter im Bereich IT und Produkt.

Gute IT-ler zu finden ist für alle Startups schwer. Wie findet ihr neue Mitarbeiter?

Das Produkt ist für viele ganz persönlich attraktiv, das motiviert. Mobilität geht alle an, ist kein verstecktes B2B-Business. Es ist ein riesiger Ansporn, für ein Unternehmen zu arbeiten, dessen Produkt einfach zu verstehen ist, das Du selbst nutzt und auf das Dich deine Freunde ansprechen. Und auch fachlich sind die Herausforderungen enorm – mit all den verschiedenen Anbietern, Sprachen, Währungen, Betriebssystemen und Bezahlmethoden, die auf einer Plattform zusammengeführt werden müssen. Eine große Motivation ist auch das großartige Team mit über 300 Mitarbeitern aus über 40 Ländern, die alle an der Lösung eines Problems arbeiten.

Womit werbt ihr noch um Fachleute?

Uns ist die persönliche Entwicklung unserer Mitarbeiter wichtig. Wir organisieren uns in Pods und Tribes. Letztere betreuen Projekte innerhalb eines Teams. Wer möchte, kann regelmäßig zwischen den Tribes wechseln, um neue Projekte kennenzulernen und neue Skills zu erlernen. Je weiter wir wachsen, desto mehr Leitungspositionen gibt es. Trotzdem ist es schwer, genügend Nachwuchs zu finden, wir haben derzeit knapp 50 offene Stellen.

Trotzdem bereust Du deine Entscheidung nicht, in Berlin gegründet zu haben?

Berlin zieht immer noch viele Talente an. Allerdings ist das Ökosystem noch wesentlich jünger als im Silicon Valley. In Sachen Skalierung müssen wir noch viel lernen, nicht nur als GoEuro, sondern als ganzes Ökosystem. Doch Europa ist attraktiv, immer mehr Spezialisten aus Indien, den USA und Asien zieht es hierhin. Von ihnen können wir lernen, schnell zu wachsen und dabei trotzdem effizient und agil zu bleiben.

Ist Europa also das neue Gründer-Eldorado?

Ja. 2013 gab es nur wenige Startups, weder Zalando noch Delivery Hero waren an der Börse. Auch wir waren damals noch ein winziges Startup mit einer Handvoll Mitarbeitern. Das ist heute anders. Es gibt viele große Unternehmen, darunter zum Beispiel das Unicorn Auto1. Ich bin überzeugt: Die nächsten Zehn-Milliarden-Dollar-Companies kommen aus Europa.

Für viele Gründer ist der Verkauf des eigenen Unternehmens schon bei der Gründung das Ziel. Erwägst Du einen Exit?

Nein. Ich habe das Unternehmen nicht des Geldes wegen gegründet, dann wäre ich auch in New York geblieben, wo ich studiert habe und hätte einen gut bezahlten Job angenommen. Ich möchte meine Vision von einer Plattform für alle Reisebuchungen verwirklichen. Wenn alles gut läuft, brauchen wir noch etwa fünf Jahre.

Wenn Du den Reisemarkt von 2013 mit dem heute vergleichst – was hat sich am meisten verändert?

Immer mehr Menschen buchen über das Smartphone, bei uns ist die Quote von 45 auf 75 Prozent gestiegen.

Gerade habt ihr ein zweites Office in Prag eröffnet. Warum Prag?

Wir haben nach einem zweiten „Pool of Talents“ gesucht. In Prag haben viele große Tech-Companies ihren Sitz: Skype, Microsoft, IBM, …. Außerdem gibt es gute Unis, von Berlin aus beträgt die Reisezeit nur zwei bis vier Stunden. Deshalb fiel die Wahl auf die tschechische Hauptstadt.

Danke für das Gespräch, Naren.

Bild: GoEuro

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