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Geschäft mit illegalen E-Kickscootern boomt

Der Markt ist überflutet mit E-Tretrollern, die nicht straßentauglich sind, legale Ausweichmöglichkeiten fehlen. Schuld sei das Verkehrsministerium, sagt ein Verband.

Knapp eineinhalb Monate nach dem offiziellen Start von E-Scootern in Deutschland werben die ersten Hersteller schon mit einer „Abwrackprämie“ für private Elektroflitzer. Der Hintergrund: Der Markt ist überflutet mit Modellen, die nicht straßentauglich sind und es offenbar auch mit entsprechender Nachrüstung nie sein werden.

„Wenn Sie heute einen E-Scooter kaufen wollen, finden Sie fast nur Schnäppchenangebote, die keine Zulassung haben. Es gibt kaum legale Angebote auf dem Markt und jene, die es gibt, sind für die meisten Einsteiger zu teuer“, sagt Lars Zemke, Vorsitzender des Bundesverbands für Elektrokleinstfahrzeuge, zu Business Insider.

Nur drei Modelle, die auf die Straße dürfen

Tatsächlich ist das Angebot für legale E-Scooter extrem knapp. Eine Recherche von Business Insider zeigt: In Deutschland gibt es derzeit nur drei E-Scooter-Modelle zu kaufen, die auf der Straße fahren dürfen. Sie alle bewegen sich im oberen Preissegment zwischen 790 und 2.400 Euro.

Das zuständige Kraftfahrtbundesamt hat seit der offiziellen Zulassung am 15. Juni insgesamt neun Betriebserlaubnisse ausgestellt, die Voraussetzung für die Straßennutzung sind. Fünf davon gingen an Sharing-Anbieter, die weiteren vier an Roller-Hersteller, von denen derzeit allerdings nur eine Firma (IO Hawk Invest) liefern kann. Zwei weitere Hersteller, BMW und Metz Mecatech, haben zudem eine Sondergenehmigung erhalten und liefern ebenfalls.

Bis zu 280.000 illegale E-Scooter unterwegs

Die Folge des knappen Angebots, so Zemke: Viele Verbraucher würden zu Billigangeboten greifen, ohne zu wissen, dass ihre Flitzer nicht auf die Straße dürfen — und letztendlich schon beim Kauf Elektroschrott sind. Hinzu kommt ein juristisches Risiko: Wird man ohne Zulassung im Straßenverkehr erwischt, droht ein Bußgeld von 70 Euro und eine Strafanzeige.

„E-Scooter sind nicht das Allheilmittel“ – aber was soll danach kommen?

Acht Anbieter konkurrieren auf dem deutschen E-Tretroller-Markt. Doch nicht alle werden überleben. Der Circ-Deutschlandchef erklärt, wie seine Firma es schaffen will.

Händler wie Saturn und Media Markt haben inzwischen zwar reagiert und versehen die E-Scooter in ihrem Sortiment mit dem Label „nur für Privatgelände“ — doch der Schaden ist bereits da. Der Verband schätzt, dass inzwischen 200.000 bis 280.000 illegale E-Scooter in Deutschland unterwegs sind.

„Zulassung läuft sehr unglücklich ab“

Für das knappe Angebot macht Zemke auch den schleppenden, politischen Prozess und das federführende Bundesverkehrsministerium verantwortlich: „Die Zulassung der E-Scooter läuft sehr unglücklich ab, denn die Verordnung ist genau dann eingetreten, als alle damit fahren wollten. Jetzt müssen die Hersteller strampeln, damit sie den neuen Vorgaben und der Nachfrage hinterherkommen.“

Das Verkehrsministerium hatte im Oktober auf 48 Seiten einen ersten Gesetzesentwurf vorgelegt, ursprünglich sollte die Novelle bereits im Frühjahr in Kraft treten. Dann hätten die Hersteller noch genug Zeit gehabt, ihre E-Scooter für die Sommersaison den neuen Bestimmungen anzupassen. Schlussendlich verzögerte sich das Inkrafttreten der Verordnung bis Juni — auch, weil es Streit zwischen den Bundesländern gab.

Hersteller haben Lieferprobleme

„Wir hätten uns auch gewünscht, dass die Verordnung früher kommt“, sagt Greta Schäfer vom Hamburger E-Scooter-Hersteller Walberg Urban Electrics. Wie viele Firmen in der Branche hat Walberg Urban Electrics derzeit Schwierigkeiten, die Nachfrage zu bedienen. Ihr zugelassenes Modell, der Egret-Ten, sei bereits Mitte Juli ausverkauft gewesen, so Schäfer. Die nächste Charge ist laut Webseite erst wieder ab Mitte September lieferbar.

Ähnlich äußerte sich auch Frank Sensenschmidt vom Berliner E-Mobilitäts-Fachhandel Scooterhelden gegenüber Business Insider: „Letztendlich liegt es daran, dass die Bundesregierung viel zu lange mit ihrer Unterschrift gebraucht hat.“ In seinem Laden gibt es derzeit nur zwei Scooter mit Zulassung zu kaufen: den BMW X2 City für rund 2.400 Euro und den Metz Moover für 2.000 Euro. Beide sind damit mindestens fünfmal so teurer wie die illegalen Roller, die es bei Media Markt und Saturn gibt.

E-Scooter sind mitunter teurer als Carsharing

Die Miet-Tretroller mit Elektroantrieb werden als Mobilitätslösung für die Kurzstrecke beworben. Räder und Autos sind aber oft günstiger, wie eine Analyse zeigt.

So bleibt denen, die für ihren E-Scooter kein Vermögen ausgeben wollen, derzeit eigentlich nur eine Alternative: die Leihroller von Lime, Tier, Voi, Circ und Co. Doch auch die Sharingdienste sind im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln relativ teuer, wie ein Bericht von Business Insider zeigt.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Business Insider Deutschland.

Bild: Getty Images / SOPA Images

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