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„Unternehmer haben erkannt, dass Raumfahrt kein Selbstzweck mehr ist“

Daniel Metzler, 26, baut mit seinem Team Antriebe für kleine Trägerraketen. Ihre Entwicklung ist teuer, soll dafür aber Satellitentransporte effizienter machen.

Sie wollen Kleintransporter in den Weltraum schießen: Das zehnköpfige Team des Raumfahrt-Startups Isar Aerospace entwickelt kleine Raketenmotoren. Für deren Antrieb setzt es auf eine Kombination aus Kohlenwasserstoffgemischen wie Kerosin und flüssigem Sauerstoff. So kann das Startup auf den konventionellen, aber giftigen Raketentreibstoff Hydrazin verzichten.

Der 26-jährige Daniel Metzler gründete die Isar Aerospace Technologies GmbH zusammen mit Markus Brandl und Josef Fleischmann im März 2018. Hervorgegangen ist das Startup aus der studentischen Raumfahrt-Arbeitsgruppe WARR der TU München. Isar Aerospace sitzt derzeit im Business Incubation Centre der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) im bayerischen Gilching und bekam in diesem Zuge 50.000 Euro Startkapital von der ESA. Metzler studierte zunächst Maschinenbau in Wien, kam dann 2016 für den Master in Luft- und Raumfahrt nach München.

Der Gründer und Geschäftsführer bezeichnete die Antriebe von Raketen gegenüber Wired als „das komplexeste System an einer Trägerrakete“. Wir haben mit Metzler über seine Motoren, Kapitalbedarf für Missionen im All und Elon Musks ambitionierte Weltraumpläne gesprochen.

Daniel, ihr baut Antriebe für kleine kommerzielle Trägerraketen, die Kleinsatelliten bis 500 Kilogramm ins All bringen. Wieso diese Größenordnung?

Durch die zunehmende Standardisierung von Kleinsatelliten gibt es aktuell Tausende kleine Flugkörper, die in der Planung oder Entwicklung sind. All diese Satelliten brauchen einen Transportdienst, also Raketen, die sie in zu ihrem Bestimmungsort bringen.

Was spricht dagegen, sie von großen Trägerraketen transportieren zu lassen?

Verglichen mit dem Rest der Ladung ist die wirtschaftliche Bedeutung kleiner Satelliten an Bord dieser großen Anbieter niedrig. Das führt dazu, dass die Absender kein Mitspracherecht haben, in welcher Höhe und an welcher Position in der Umlaufbahn ihre Satelliten abgesetzt werden. Wenn sich kein größerer Kunde finden lässt, der sowieso in einen spezifischen Orbit möchte, kann es sein, dass man einige Jahre auf einen Start wartet, obwohl der Satellit schon da ist. Weil keine Rakete genau dorthin fliegt.

Ihr wollt also eine größere Kundenorientierung in der Raumfahrt schaffen?

Auf jeden Fall. Studierende der TU München warten zum Beispiel schon seit über einem Jahr auf den Start eines Cubesat (bis zu 1,5 Kilogramm schwerer Nanosatellit, Anm. d. Red.). Auf Trägerraketen mit Nutzlasten jenseits der drei bis vier Tonnen haben ihre Orbit-Präferenzen aber keine Priorität.

An zwei Raketenmotoren arbeiten dein Team und du gerade. Wann ist mit dem ersten Einsatz zu rechnen?

Es dauert etwa drei Jahre, bis so ein Antrieb einsatzbereit ist. Das erste halbe Jahr liegt jetzt hinter uns. 2020 werden die ersten Antriebe also fertig sein.

Daniel Metzler zeigt den Isar-Aerospace-Raketenmotor Finch.

Kannst du schon Firmen nennen, die euren Antrieb verbauen werden?

Wir sind im Gespräch mit Raketenherstellern, ich kann dazu aber derzeit noch nichts Konkretes sagen.

Vor wenigen Monaten sagtest du, Isar Aerospace brauche Startkapital im einstelligen Millionenbereich. Das klingt nach relativ wenig Geld für Weltraummissionen, wie ihr sie vorhabt.

Wir werden bis 2020 definitiv mehr Kapital benötigen, ich darf aber keine genauen Zahlen nennen. In den kommenden Tagen werden wir Neuigkeiten diesbezüglich bekannt geben. Ein guter Richtwert ist die US-Raumfahrtfirma Rocket Lab, die bis zum ersten Start 100 Millionen Dollar aufnahm und bisher 180 Millionen eingeworben hat.

Nicht nur für Raumfahrtprojekte sitzt das Investorengeld in den USA ja traditionell lockerer. Wieso seid ihr in Deutschland geblieben?

Anfangs haben wir tatsächlich überlegt, in die USA zu gehen. Ein wichtiger Punkt hat aber gegen den Standortwechsel gesprochen: Die rechtlichen Beschränkungen des US-Raumfahrt- und Satellitenmarktes sind sehr strikt. Für unsere potenziellen Kunden ist Europa deshalb zumindest in dieser Hinsicht ein einfacherer Markt.

Tesla-Gründer Elon Musk ist mit SpaceX aktiv, Amazon-Gründer Jeff Bezos mit Blue Origin. Warum lockt das Raumfahrtgeschäft immer mehr private Firmen an?

Bis vor zehn Jahren gab es noch überhaupt keinen Anreiz, die Raumfahrt kosteneffizient zu gestalten, weil alles staatlich finanziert war. Wenn etwas statt zwei Milliarden plötzlich zehn Milliarden Dollar gekostet hat, dann war das eben so. Inzwischen gibt es ganz andere Möglichkeiten, die Technologie ist fortgeschritten. Satelliten werden auch für private Anwendungsfälle genutzt, zum Beispiel in der Landwirtschaft. Unternehmer haben erkannt, dass Raumfahrt nicht länger ein Selbstzweck ist.

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Welche Gefahren birgt diese zunehmende Privatisierung aus deiner Sicht?

Man muss alles mit Maß betreiben. Es bringt wenig, 100.000 Satelliten in den Orbit zu schießen. Stichwort Weltraumschrott: Die Regularien müssen stimmen. Ich denke aber nicht, dass dieser Trend eine Gefahr ist. Ich vergleiche die moderne Raumfahrt gerne mit dem Internet: Da konnte sich vor 20 Jahren auch noch keiner so richtig vorstellen, was man damit überhaupt machen kann.

Das heißt, du siehst auch die Gesetzgeber in der Pflicht?

Der bürokratische Aufwand darf nicht so groß sein, dass er die komplette Branche zerstört.

Tesla-Gründer Elon Musk will Weltraumtouristen auf den Mond und den Mars bringen. Was hältst du von solchen Ankündigungen?

Als Marketing-Gag eignen sie sich definitiv gut. Ich finde beide Pläne als Technologie-Demonstrationen und zum Zweck des technologischen Fortschritts sinnvoll. Man muss sich aber immer fragen, was der Zweck ist und ob es wirklich notwendig ist, bemannt zum Mars zu fliegen.

Wärst du eigentlich selber gerne Astronaut geworden?

Ich sehe mich eher als Ermöglicher und arbeite gerne im Hintergrund an der Technik. Auch das Unternehmertum macht mir großen Spaß. Ein Großteil meiner Familie hat sich selbstständig gemacht. Tatsächlich ins All zu fliegen ist für mich also kein ultimatives Ziel. Ich stelle es mir aber extrem schön vor, um die Erde zu kreisen oder einmal auf dem Mond zu stehen.

Bild: Getty Images / Stocktrek Images; Bild im Text: Isar Aerospace

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