Trends, Innovationen und Digitales aus dem Mobilitätsbereich

Wer macht das Rennen um die besten Karten für selbstfahrende Autos?

Wird Google wieder die Marktführerschaft bei den digitalen Straßenkarten erobern? Industrie und Startups steuern dagegen. Alternativen kommen von Apple, Here und Baidu.

Wer die besten Karten hat, besitzt die Macht über selbstfahrende Autos. Sie brauchen millimetergenaues Material zum Navigieren, wenn sie sich nicht ausschließlich auf ihre Bordsensoren verlassen wollen. Das Rennen der Anbieter ist hier noch längst nicht entschieden. Google und Apple in den USA, Baidu in China, Here in Deutschland und TomTom in Amsterdam sind die größten Player. Hinzu kommen einige Startups und Spezialisten.

Insgesamt sind mehr als ein Dutzend Anbieter auf dem Markt. Fast alle schicken eigene Messfahrzeuge mit Kameras, Laser- und Radarsensoren auf die Straßen, die gewaltige Datenmengen generieren.

Google hatte dieses Geschäftsmodell als erster Internetkonzern verstanden. Allerdings ging es damals noch um Karten, die für das menschliche Auge, für Mobiltelefone und Navigationsgeräte bestimmt waren und nicht für selbstfahrende Autos. Google kartografierte mit seinem Dienst Maps einen Großteil der Welt und integrierte diese Informationen in sein 2005 gestartetes Kartenangebot. Apple brauchte sieben Jahre, um nachzuziehen und bietet erst seit 2012 den anfangs wegen seiner Fehler und Lücken kritisierten Dienst Karten auf dem iPhone an. Der Kartendienst Here war noch zwei Jahre später dran: 2014 für Android, 2015 mit einer iOS-App.

Waymo legt acht Millionen Kilometer zurück

Waymo sammelt mit solchen Fahrzeugen Daten für das autonome Fahren.

Waymo sammelt mit solchen Fahrzeugen Daten für das autonome Fahren.

Technologie- und Autokonzerne fürchten, ein solcher Erfolg könnte dem US-Konzern ein zweites Mal gelingen: bei der Entwicklung maschinenlesbarer Karten. Denn Googles Selbstfahrabteilung Waymo hat seit 2009 bereits mehr als acht Millionen Meilen in selbstfahrenden Autos zurückgelegt und die dabei gewonnenen Daten aus Lasern, Radar und Video in seine künstliche Intelligenz eingespeist. Demnächst weitet Waymo das Projekt aus und will in den USA 20.000 elektrische Jaguar i-Pace fahrerlos auf die Straßen schicken.

Um sich von Google und Apple zu befreien und diese Konzerne von den Bildschirmen am Armaturenbrett fernzuhalten, haben die Autohersteller Audi, BMW und Daimler 2015 von Nokia für 2,8 Milliarden US-Dollar den Kartendienst Here gekauft. Die Autokonzerne wollen eigene HD-Karten unabhängig entwickeln. Diese strategische Allianz ist gewachsen: Inzwischen sind Intel (15 Prozent), die Autozulieferer Bosch und Continental (je fünf Prozent) und der japanische Elektronikkonzern Pioneer (weniger als ein Prozent) hinzugekommen. Mehr als 20 Autohersteller nutzen die Live Map auf dem Gebiet des autonomen Fahrens.

Analyse sieht Here auf dem ersten Platz

Eine aktuelle Marktanalyse kommt jetzt zu dem Ergebnis, dass Here Google vom Thron gestoßen habe. Das Londoner Analystenhaus Ovum beobachtet seit einigen Jahren den Mapping- und Navigationsmarkt und veröffentlicht halbjährlich Analysen. Mehr als 100 Millionen vernetzte Autos würden bereits Here nutzen, schreibt Ovum. Eine Million Straßenkilometer in Europa und Nordamerika seien bis Ende 2018 bereits abgefahren. Zu der Gesamtwertung habe auch das Preismodell für Entwickler beigetragen, schreiben die Autoren der Studie. Es erscheine „entwicklerfreundlicher und wettbewerbsfähiger als das neue Modell von Google Maps, was sich zum Vorteil von Here auswirken und langfristig zu einer höheren Reichweite beitragen sollte“.

Andere Mobility-Unternehmen entwickeln eigene HD-Karten. So schickt etwa der Ridesharingdienst Uber in Brasilien, Kanada und den USA mit Kameras und Sensoren bestückte Fahrzeuge auf die Straße, um die Straßen zu vermessen. Ford macht das in den USA ebenfalls selbst (in Deutschland werden dagegen Daten von Here genutzt), General Motors auch.

Mehr als 120 Firmen kooperieren mit Baidu

China ist ein Sonderfall. Die Plattform Apollo des chinesischen Suchmaschinenkonzerns Baidu hat dort eine Art Monopol. Nur chinesische Unternehmen dürfen Kartendaten sammeln. Mehr als 120 Unternehmen aus aller Welt kooperieren deshalb mit Baidu, das seine Plattform geöffnet hat und zu einer Art Android für selbstfahrende Autos werden will. Die Liste liest sich wie ein Who is Who der Autoindustrie. Unter anderem sind BMW und Daimler mit an Bord. Das Unternehmen glaubt, dass HD-Karten in China auf lange Sicht ein „viel größeres Geschäft“ sein werden, als Baidus Suchgeschäft heute ist, sagte Qi Lu, CEO von Baidu, dem Magazin „The Information“.

Auch Here will auf den chinesischen Markt und kooperiert im Rahmen eines Joint Venture mit dem Dienst NavInfo, einer Tochter des chinesischen Internetgiganten Tencent.

Immer mehr neue Unternehmen streben auf den Markt, darunter auch Deepmap aus dem Silicon Valley. Gerade einmal zwei Kilometer von der Google-Zentrale entfernt arbeitet Deepmap an dreidimensionalen maschinenlesbaren Karten für selbstfahrende Autos. Ähnlich wie bei Google und Here liest die Software Daten aus Sensoren an Bord autonomer Fahrzeuge und kombiniert diese mit Echtzeit-Daten anderer Fahrzeuge aus der Cloud.

Deepmap bietet Livekarten-as-a-Service

Das Besondere: Deepmap schickt keine Flotten eigener Fahrzeuge auf die Straße, „sondern die Autos, die unsere Karten verwenden, senden die Updates an das System“, erläutert Unternehmenssprecherin Calisa Cole gegenüber Gründerszene und NGIN Mobility. So können die Industrie-Kunden von Deepmap benutzerdefinierte Karten mit unterschiedlichen Charakteristiken und Datenstrukturen erstellen, die kontinuierlich aktualisiert werden – sozusagen Livemaps-as-a-Service. Das Startup richtet sein Augenmerk auf den chinesischen Markt, kooperiert bereits mit dem chinesischen Autobauer BAIC und hat zudem in seiner A-Runde den chinesischen Investor GSR Ventures an Bord genommen. 

Andere Unternehmen haben sich darauf spezialisiert, Hersteller selbstfahrender Autos mit Selbstfahrtechnologie zu bedienen. Am bekanntesten ist Aurora. CEO Chris Urmsen war CTO von Googles Selbstfahreinheit, die später als Waymo firmierte. Das mit mehr als 90 Millionen US-Dollar Kapital ausgestattete Unternehmen entwickelt Selbstfahr-Technologie, kooperiert schon mit Volkswagen, Hyundai und Byton.

Vom Sensoren-Anbieter zum Karten-Provider

Als Technologieanbieter hat sich auch Mobileye aufgestellt, ein israelisches Startup, das der Chipkonzern Intel im März 2017 für 15,3 Milliarden US-Dollar gekauft hat. Mobileye baut Sensoren für Assistenzsysteme in Autos und Steuerungssysteme für ihre Sensorsignale. Dabei setzt das Startup anders als der Rest der Branche auf kamerabasierte Systeme. In Spurhalteassistenten und der Verkehrszeichenerkennung von BMW läuft etwa Mobileye-Software. Tesla hat sich nach einem Unfall, der sich trotz eingeschaltetem Autopiloten ereignete, hingegen von Mobileye getrennt.

Auch Mobileye hat einen Angriff auf Google gestartet. Das Startup entwickelt für Renault-Nissan, Volkswagen und General Motors Karten, mit denen sich selbstfahrende Autos orientieren können und kooperiert im Rahmen einer strategischen Partnerschaft mit Here.

Folge NGIN Mobility auf Facebook!

Chancen für Mobility-Startups

Der Kartenmarkt bietet Chancen für neue Unternehmen: „Das enorme Wachstum und die steigende Nachfrage nach Standort- und Kartierungsdaten werden zu einem Anstieg von Datenmarktplätzen führen, auf denen Stakeholder standortbezogene Datenbestände austauschen und monetarisieren können“, schreiben die Marktforscher von Ovum.

Wer auch immer das Rennen um die besten maschinenlesbaren Karten gewinnen wird – der nächste Wettkampf steht bereits vor der Tür. Die Kartografie der Luft gewinnt an Bedeutung. Denn auch Flugtaxis wollen sicher ihr Ziel finden. 

Bilder: Here, Gettyimages/ Sean Gallup 

Folge NGIN Mobility auf:

In Kooperation mit
amplifypixel.outbrain