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Für ein grünes Gewissen reicht es nicht, aufs E-Auto umzusteigen

Wer glaubt, mit dem Umstieg auf ein E-Auto sein Umweltgewissen beruhigen zu können, täuscht sich. Wer wirklich etwas verändern will, muss mehr tun.

Früher war natürlich alles leichter. Da stieg man einfach ins Auto und ist losgefahren. Gerne in ein Auto ohne Katalysator, dessen Motor noch mit verbleiten Benzin lief. Feinstaub oder CO2-Werte interessierten damals kaum jemanden, denn irgendwie muss man ja von A nach B kommen. Zur selben Zeit zogen Busse und LKWs kleine Wolken aus Ruß hinter sich her und es galt schon als kleine Sensation, als der Auspuff von Bussen auf die Straßenseite gelegt wurde und so nicht mehr den Passanten direkt ins Gesicht blies. Das hat sich alles geändert, zum Besseren gewendet – auch dank der strengen Richtlinien der EU. Oder vielleicht doch nicht?

Taugt das E-Auto für ein grünes Gewissen?

Denn das, was an Abgasen heute nicht mehr von Autos in die Luft geblasen wird, kommt nun von Flugzeugen. Steigende Passagierzahlen sorgen dafür, dass immer mehr davon unterwegs sind. Laut einer Studie des Bundesministeriums für Umweltschutz soll sich der CO2-Ausstoß durch den Flugverkehr bis 2050 vervierfachen. Von 790 Millionen Tonnen auf 2928 Millionen Tonnen. Allein diese Zahlen machen deutlich, dass sich das eigene CO2-Gewissen nicht allein dadurch erleichtern lässt, dass der Verbrenner gegen ein E-Auto getauscht wird.

Mobilität ist generell ein Umweltkiller. Egal, welche Energieform gewählt wird, um eine Strecke zurückzulegen. Die Energie stammt meist aus dem Abbau fossiler Energien. Zwar steigt vor allem in Deutschland der Anteil regenerativer Energien im Mobilitätsmix. Dafür tauchen dann aber wieder andere Probleme auf. Zum Beispiel die Sache mit den seltenen Erden in Elektromotoren und Lithium in den Akkus. Einerseits sinkt zwar die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen aus arabischen Ländern, gleichzeitig steigt sie aber in Sachen seltene Erden. Die werden zum großen Teil in Asien und dort vor allem in China abgebaut. Man tauscht also die eine Abhängigkeit gegen die nächste aus. Immerhin hat BMW gerade angekündigt, einen E-Motor zu planen, der keine seltenen Erden mehr verwendet. Ähnliches ließ Toyota verlauten.

In Großstädten ist ein eigenes Auto überflüssig

Bleibt allerdings der Akku und dort vor allem der Bestandteil Kobalt. Der wird vor allem in der Demokratischen Republik Kongo in Minen abgebaut. Das Metall wird häufig durch Kinderarbeit aus der Erde geholt, zudem sind die Arbeitsbedingungen oft miserabel. Die Akku- und Autohersteller bemühen sich zumindest mit strengen Verträgen die Zulieferer an die Kandare zu nehmen, aber wegen der langen Lieferketten ist dies oft schwierig. Langfristig soll der Anteil von Kobalt zwar reduziert werden, gleichzeitig steigt aber die Menge an produzierten Akkus, vor allem in China.

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Durch den Umstieg auf ein E-Auto wird man also nicht gleich zum Umweltengel, schon gar nicht, wenn man nebenbei für ein schnelles Wochenende in Barcelona in ein Flugzeug einsteigt. Wer die Sache Ernst nehmen möchte, sollte nicht nur weitestgehend auf Flugreisen verzichten, sondern sich auch die Frage stellen, ob wirklich noch ein eigenes Auto benötigt wird. In Städten wie Berlin ist das meist nicht mehr der Fall, weil es ausreichend Car- und Ridesharing-Angebote gibt. Wer dazu noch ein Lastenfahrrad kauft, kann auch einen größeren Einkauf ohne Auto erledigen.

Städte und Kommunen in die Pflicht nehmen

Aber nicht nur der Einzelne ist gefragt, wenn es um den Schutz der Umwelt geht. Städte müssen einerseits Anreize schaffen, wie mit denen sie die Bürger zum Verzicht auf das eigene Auto bewegen können. Andererseits müssen sie den eigenen öffentlichen Nahverkehr umweltgerecht gestalteten. Der Umstieg auf Elektrobusse oder Busse mit Brennstoffzellen sollte in jeder Kommune zur Pflicht werden. Nur so kann man sicher sein, dass eine umweltgerechte Mobilität erreicht wird.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

Bild: Gründerszene/ Don Dahlmann

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