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Die Elektroroller-Lobby sollte mit dem Jammern aufhören

Radwege und Bürgersteige sind keine Erwachsenen-Spielplätze und auch keine Selbstverwirklichungszonen. Deshalb macht eine Regulierung des Scooter-Trends Sinn.

Vermutlich im nächsten Frühjahr werden batterieelektrisch angetriebene Stehroller auf den Straßen, Bürgersteigen und Radwegen in Deutschland auftauchen – und mutmaßlich nicht wenige Fahrer in den Notaufnahmen der Krankenhäuser. Was genau passiert, wenn sich Tausende Begeisterte plötzlich auf motorisierten Brettern geräuschlos ins Verkehrsgetümmel stürzen, weiß niemand genau.

In den USA, die diesen Herbst als erstes Land von der Scooterwelle erfasst wurden, brach jedenfalls ein mittelschweres Chaos aus. In San Francisco etwa wurden die Roller schon kurz nach dem Markteintritt aus dem Verkehr gezogen und erst nach und nach wieder genehmigt. Das Magazin Cnet berichtet von vierstelligen Unfallzahlen an der Pazifikküste und hat für die startuptypische Disruption eine neue Bedeutung gefunden – die Disruption (Zerschlagung, Bruch) der Ellbogen.


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Man muss vermuten, dass sich das Bild hierzulande wiederholt; insbesondere in Berlin, das ja nicht nur deutsche Trendhauptstadt ist, sondern auch die Metropole der gefühlten individuellen Freiheiten. Gerade Radfahrer leben diese gerne aus – teilweise unbewusst, teilweise, weil sie sich womöglich als Teil einer großen Bewegung fühlen. Warum sollte das mit Rollerfahrern anders sein?

Die Erfahrungen im Mutterland des Scooter-Megatrends mögen mit dazu beigetragen haben, dass es die Behörden in Deutschland in ihrer sprichwörtlichen Gründlichkeit übertrieben haben, als sie auf 22 Druckseiten den Entwurf einer „Verordnung über die Teilnahme von Elektrokleinstfahrzeugen am Straßenverkehr“ verfassten. Dass solche Roller, seien sie nun 20 km/h (Vorschrift) oder 30 km/h (zahlreiche Anbieter) schnell, über Bremsen verfügen sollen, mag weithin konsensfähig sein. Der Nutzwert von Fahrlicht und Klingel lässt sich auch nicht abstreiten. Kritischer wird es bei elektrischen Blinkern, die angesichts der geringen Breite der Gefährte aus einiger Distanz kaum zu unterscheiden sind.


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Die Geister scheiden sich vor allem an zwei Vorschriften: an der Versicherungs- und der Führerscheinpflicht. Überflüssig, geschäftsschädigend und kompliziert sagt die Scooter-Lobby aus Mobilitätsdienstleistern und Handel. Sie wollen aus Profitgründen die Hemmschwellen für Miete oder Kauf möglichst niedrig halten und bangen um das Milliardengeschäft.

Die Branche sollte mit dem medienwirksamen Jammern aufhören. Mindestens ein guter Grund spricht für eine Haftpflichtversicherung des Elektrorollers. Die private Haftpflichtversicherung des Fahrers dürfte das Schadensrisiko mit einem Elektro-Gefährt nur in seltenen Fällen übernehmen. Auch eine gewisse Grundkenntnis der Straßenverkehrsordnung, die Rollerfahrer mit einer theoretischen Prüfung (aka „Mofaführerschein“) nachweisen sollen, ist nicht von Nachteil. Wie einfach die Legitimation von Fahrern ist, zeigt die App von Coup.

Das weiß, wer in Berlin als Fußgänger unterwegs ist. Radfahren auf Gehwegen gehört zum guten Stil – je weniger verkehrstauglich die Gefährte sind, desto lieber. Wenn die neuen Roller nach Deutschland kommen, muss man befürchten, dass Rad- und Gehwege endgültig zu Erwachsenen-Spielplätzen und Selbstverwirklichungszonen werden – mit vollem Verletzungsrisiko.

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Bild: Getty Images / ROBYN BECK

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