Trends, Innovationen und Digitales aus dem Mobilitätsbereich

Diese Cargobikes sollen für bessere Luft in den Städten sorgen

Ihre Mission ist der letzte Kilometer der Lieferkette. Startups entwickeln Elektro-Lastenfahrräder als Alternative zu Dieselautos. Auch ein Autobauer mischt mit.

Die 200.000 Euro waren blitzschnell weg. Diese Summe hatte das Land Berlin im April 2018 bereitgestellt, um den Kauf von Lastenfahrrädern zu unterstützen. Ein Drittel des Kaufpreises bis zu 1000 Euro werden erstattet. Nachdem die insgesamt mehr als 1.900 Anträge ausgewertet sind, steht fest: Nur die wenigsten Interessenten kommen zum Zug. 61 Bescheide für gewerbliche Lastender wurden bereits versandt, die privaten folgen. Damit das Fördervolumen ausgeschöpft ist. 21 Auszahlungen wurden getätigt, erklärt die Senatsverwaltung. Doch im kommenden Jahr wird alles besser: Dann sollen 500.000 Euro zur Verfügung stehen, teilt das Land mit. Der Ansturm zeigt das Interesse von Unternehmen und Menschen an dieser umweltfreundlichen Methode, Güter zu befördern.

Diesen Trend belegen auch Studien. Dass Lastenräder auf großes Interesse stoßen, geht etwa aus dem Fahrradmonitor 2017 hervor. Das Bundesverkehrsministerium gibt die Studie alle zwei Jahre in Auftrag, um sich Klarheit über den privaten Zweiradmarkt in Deutschland zu verschaffen. 40 Prozent der Befragten können sich vorstellen, ein Lastenrad zu mieten, wenn sie etwas Sperriges transportieren wollen. Jeder fünfte Befragte kann sich vorstellen, ein solches Fahrzeug zu kaufen. Zwei Drittel der Befragten sehen in Lastenfahrrädern eine umweltfreundliche Alternative zum Auto mit Verbrennungsmotor.

Eine ähnliche Tendenz zeigt eine Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) aus dem Jahr 2016, die den gewerblichen Aspekt des Radverkehrs untersucht. Auch sie war vom Bundesverkehrsministerium in Auftrag gegeben worden. Selbst unter konservativen Annahmen könnten rund acht Prozent der Fahrten des betrachteten Wirtschaftsverkehrs vom motorisierten auf den Fahrradverkehr verlagert werden. Dieser Anteil könnte bis zum Jahr 2030 auf dann 22,6 Prozent aller Fahrten im Wirtschaftsverkehr steigen. Die Fahrleistung, also die Summe aller mit Kraftfahrzeugen zurückgelegten Kilometer, würde dadurch um knapp vier Prozent sinken.

Vier Prozent – das klingt nach einem geringen Potenzial. Doch die Beeinträchtigungen der Menschen durch Lärmemissionen, Vibrationen und Feinstaub sind insbesondere dort besonders groß, wo sich die Startpunkte und Ziele der Fahrten von Lieferfahrzeugen befinden. „Dies betrifft im besonderen Maße Straßen in Wohngebieten und innerstädtische Bereiche", heißt es in der Studie. „Die Verlagerung von Wirtschaftsverkehrsaktivitäten auf Fahrräder dürfte also punktuell noch deutlich stärkere positive Effekte haben.“

Dass der Markt der Kurier-, Express- und Paketlieferung weiter wachsen wird, prognostiziert die Nachhaltigkeits-Studie des Bundesverbandes Paket- und Expresslogistik. Danach ist die Zahl der Sendungen im Jahr 2017 insgesamt um 6,1 Prozent gestiegen, bei Paketen an Endverbraucher sogar um 9,1 Prozent. Die Branche verzeichnete ein Umsatzplus von knapp fünf Prozent. Für 2018 wird bei der Paketzahl ein Plus von 5,5 Prozent erwartet. Seit dem Jahr 2000 hat sich die Zahl der Pakete verdoppelt.

Eine ganze Reihe an Anbietern ist auf dem Cargobike-Markt aktiv, darunter viele Startups. Hier eine Übersicht der Bekanntesten:

Pedalpower mit drei Elektromodellen

Das „Grizzly“ von Pedalpower kann eine Europlaette transportieren.

Das „Grizzly“ von Pedalpower kann eine Europlaette transportieren.

Das Berliner Unternehmen Pedalpower entwickelt und produziert seit 18 Jahren Lastenräder. Auf die Ladefläche des „Grizzly“ passt eine bis zu 300 Kilogramm schwere Europalette. Es wird von einem 630-Watt-Motor angetrieben. Beim Modell „eHarry“ ist die Ladefläche zwischen Vorderrad und Fahrer angeordnet. Das Rad wird per Seilzug gelenkt, das Gesamtgewicht ist auf 200 Kilogramm begrenzt. Der Mittelmotor von Brose hat eine Leistung von 250 Watt. Brose arbeitet bei Lastenrädern mit Großunternehmen zusammen: UPS fährt mit dem „Berliner Lastenrad“, das 100 Kilogramm Zuladung erlaubt. 

Ono spricht Paketdienste an

Vom Ono-Cargobike gibt es bislang nur Prototypen.

Vom Ono-Cargobike gibt es bislang nur Prototypen.

Das Startup Ono, das sich früher „Tretbox“ nannte, will im nächsten Jahr sein Lastenrad auf den Markt bringen. Das Team um die Gründer Beres Seelbach, Philipp Kahle und Murat Günak (2004-2007 Volkswagen-Chefdesigner) arbeiten an einem Fahrzeug für die Kurier-, Express- und Paketlieferung. Das Startup sieht sich nicht nur als Hardware-Hersteller, sondern auch als Mobilitätsdienstleister, der das E-Cargo-Bike an Lieferdienste sowie ab 2023 auch an Endkunden vermieten will. Es soll auf den Strecken zwischen Mikrodepots und den Endkunden eingesetzt werden. 

Nüwiel arbeitet an einem Elektroanhänger

Nuwiel will einen Anhänger mit Elektroantrieb auf den Markt bringen.

Nuwiel will einen Anhänger mit Elektroantrieb auf den Markt bringen.

Nüwiel entwickelt einen elektrisch angetriebenen Fahrradanhänger, der jedes handelsübliche Fahrrad zu einem Cargobike macht und auch als handgeführte Transportbox verwendet werden kann. Das Startup aus dem EU-geförderten Climate-KIC-Accelerator ist in Hamburg ansässig und will seinen Hänger je nach Ausführung für bis zu 7000 Euro verkaufen. Das Team aus elf Mitarbeitern musste zuletzt Rückschläge einstecken: Dem jüngsten Blogpost des Startups zufolge ging der Anhänger bei einem Langstreckentest in Frankreich zu Bruch. Gründerschicksal. Immerhin heißt es dort: Man sei nun für die Pilotphase in den nächsten Monaten gewappnet.

Rytle entwickelt System für die letzte Meile

Eine Kurierfahrerin liefert mit dem MovR von Rytle, einem Unternehmen der Krone-Gruppe, Waren aus.

Eine Kurierfahrerin liefert mit dem MovR von Rytle, einem Unternehmen der Krone-Gruppe, Waren aus.

Rytle ist weiter als die meisten Startups, die Lastenräder in der Gründergarage bauen. Kein Wunder: Hinter dem Unternehmen steht die Krone-Gruppe, ein traditionsreiches Familienunternehmen, das sich auf Nutzfahrzeugbau spezialisiert hat. Rytle ist ein Ecosystem vor allem für die letzte Meile: Es besteht aus einem branchenüblichen Container (City Hub), der neun Blechboxen enthält sowie dem Lastenrad MovR, das diese Boxen zwischen dem Mikrodepot im Container und den Endkunden transportiert. Der Kurierfahrer öffnet das Hub mit seinem Zugangscode und fährt, ähnlich einem Gabelstapler, im Rückwärtsgang mit seinem MovR an die Box. Er umfasst und hebt sie an und startet seine Tour. Unterdessen kann der Kunde mit einer App den aktuellen Stand der Auslieferung verfolgen. Das Rytle-System eignet sich ferner für die Logistik innerhalb von Fabriken.

Volkswagen entdeckt die Muskelkraft

Nutzfahrzeuge-Chef Thomas Sedran will das Cargobike für 5000 Euro verkaufen.

Nutzfahrzeuge-Chef Thomas Sedran will das Cargobike für 5000 Euro verkaufen.

Statt auf dem Kühlergrill prangt das VW-Logo dieses Mal unterhalb des Lenkers. Neuerdings sollen in Wolfsburg auch Fahrräder gebaut werden, mit denen sich Waren oder Kinder von A nach B transportieren lassen. Auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover präsentierte Volkswagen sein erstes Lastenrad. Man wolle beim Micro-Mobility-Trend ganz vorne mitschwimmen, heißt es von einer Unternehmenssprecherin auf der Messe. Schon im kommenden Jahr soll das Fahrzeug für circa 5.000 Euro zu haben sein, für Gewerbetreibende wie auch Privatkunden. 

Neben der Neige-Technik, welche die Lenkung vereinfachen soll (siehe Video), bietet das Fahrzeug die Möglichkeit, sich per Smartphone mit dem kleinen Bordcomputer zu verbinden, etwa um sich eine Route anzeigen zu lassen. Der Serienproduktion stehe nichts im Wege, heißt es von der Konzernspitze. „Wenn ich davon 10.000 Stück im Jahr verkaufe, beschäftigen wir gleich wieder einige Dutzend Mitarbeiter“, sagte Nutzfahrzeuge-Chef Thomas Sedran in einem Medienbericht.

Das Liege-Cargobike aus dem Norden

Erster Straßentest: Podbike und Team in der Stadt Stavanger.

Erster Straßentest: Podbike und Team in der Stadt Stavanger.

Mehr Hipstermobil als Cargobike: Das Startup Elpedal aus Norwegen arbeitet seit mehr als zwei Jahren an einem Gefährt mit Alu-Chassis und Klapp-Verdeck in der Art eines vierrädrigen Liegebikes. Dabei setzen die Pedale einen Generator in Bewegung, der eine Batterie lädt. Diese treibt den Elektromotor an. Eine Akkuladung reicht nach Herstellerangaben für eine Strecke von 60 Kilometern. Hinter dem Fahrersitz ist Platz für Gepäck. Frühestens 2020 wird das Fahrzeug nach Herstellerangaben für angekündigte 5000 Euro erhältlich sein. Vorbestellungen sind bereits jetzt möglich.

Das Lastenrad für Geschäftskunden

Zalando will mit dem Loadster von Citkar in Berlin Pakete ausliefern.

Zalando will mit dem Loadster von Citkar in Berlin Pakete ausliefern.

Citkar hat es mit seinem Cargobike namens Loadster auf B2B-Kunden abgesehen. Zalando kündigte an, das Lastenrad in diesem Oktober in Berlin zu testen. Der Modehändler will mit dem Fahrzeug demnach Pakete am Bestelltag ausliefern. Das Startup gibt die Nutzlast mit 300 Kilogramm, das Ladevolumen mit einem halben Kubikmeter und die Reichweite mit 200 Kilometern an. Der Motor leistet 250 Watt. Das klingt nach anstrengender Muskelarbeit für den Fahrer, der immerhin unter einem Regenschutz im Trockenen sitzt.

Erfinder aus Taiwan setzt auf Motorkraft

Anthony Wei aus Taiwan präsentiert bei der Nutzfahrzeuge-IAA seinen Lastenscooter „Gaius Rapide 3"

Anthony Wei aus Taiwan präsentiert bei der Nutzfahrzeuge-IAA seinen Lastenscooter „Gaius Rapide 3"

Mit Pedaltreten gibt sich Anthony Wei nicht ab. Der Gründer aus dem südostasiatischen Inselstaat Taiwan hat einen Maxi-Scooter entwickelt, der 2019 auf den Markt kommen soll. Das Fahrzeug sei für Post- und Lieferdienste konzipiert worden, sagte Wei. Der Elektromotor leistet 18 kW, erlaubt eine Höchstgeschwindigkeit von 95 Kilometern. Der Akku lässt sich in einer Viertelstunde zu 80 Prozent laden und sorgt für eine Reichweite von 105 Kilometern bei einer Zuladung von 200 Kilogramm. Mit einer Breite von 94 Zentimetern und einer Länge von 2,5 Metern ist das Kleinwagenkomfort im Cargobike-Format, mit dem sich Pakete und Stückgut auch außerhalb des Flachlandes transportieren lassen.

Bike-Pionier entwickelt Elektrokonzept

Ein Kurier liefert mit einem elektrisches Lastenrad Pakete aus.

Ein Kurier liefert mit einem elektrisches Lastenrad Pakete aus.

In diese Richtung dürfte auch das neue Projekt von Olaf Lange gehen, der sich als passioniertes Berliner Lastenrad-Urgestein einen Namen gemacht hat – zuletzt als Entwickler eines Cargobikes, das in Pilotversuchen des Logistikers UPS eingesetzt wurde. In einer Fabrik in der Stadt Dessau (Sachsen-Anhalt) entsteht ein neues Produkt, das die Nische zwischen Rad und Auto füllen soll und vor allem für Logistik-Unternehmen konzipiert wurde. Mehr will der Gründer, der mit seinem Fahrzeugen der Konkurrenz aus China zuvorkommen will, im Moment noch nicht verraten. 

50 Pakete unter der Tripl-Schnauze

Acht solcher Tripl-Scooter sind bei DPD im Einsatz.

In diese Kategorie fallen auch die Tripl-Scooter des Herstellers EWII aus Dänemark, die das Logistikunternehmen DPD in Berlin, Hamburg und Köln testet. Ein Vorteil: Während herkömmliche Fahrzeuge in der Innenstadt stets aufs Neue geeignete Parkplätze oder Halteflächen suchen müssen, können die Tripl-Scooter in der Regel direkt an der Haustüre vorfahren, erklärt DPD. Die Fahrzeuge werden vor allem auf Strecken mit einer hohen Stoppdichte eingesetzt. Bis zu 50 Pakete finden unter der Schnauze des Elektrodreirads Platz. Die Batterie reicht für 80 bis 100 Kilometer. Die Scooter sind 45 km/h schnell. Auch Hermes testet diese Fahrzeuge. 

Das Elektro-Dreirad aus Taiwan, das Tripl und offenbar auch Langes Projekt setzen ausschließlich auf die Kraft des Elektromotors, dessen Leistung bei reinen E-Bikes auf 250 Watt beschränkt ist. Sie reicht aus, um ein Pedelec auf maximal 25 km/h zu beschleunigen. Wird jedoch Nutzlast transportiert, stößt dieser Antrieb spätestens in einem bergigen Gelände an seine Grenzen. Elektrofahrzeuge mit einer höheren Motorleistung sind Leichtkrafträdern gleichgestellt, was eine Haftpflichtversicherung und eine Fahrerlaubnis erforderlich macht. Ferner gelten Einschränkungen bei der Benutzung von Radwegen und Einbahnstraßen sowie bei Helmpflicht und Promillegrenze (Details zur Rechtslage hier).

Hier zeigt sich, dass politischer Handlungsbedarf besteht. Denn die neuen Verkehrsmittel passen nur schwer in das Raster der geltenden Verordnungen. Damit tut sich der Gesetzgeber schwer, wie auch ein Gutachten der Bundesanstalt für Straßenwesen über die rechtliche Einordnung von „Elektrokleinstfahrzeugen“ (Elektro-Tretroller) zeigt. Sie ist noch immer unter Verschluss, obwohl dieses bereits 2014 von der Bundesregierung beauftragt worden war. Immerhin formiert sich die Lobby der Cargobiker: Erst vor wenigen Wochen haben kleine und mittlere Logistikunternehmen in Berlin den Radlogistik Verband Deutschland gegründet. Er soll zu einem Sprachrohr der aufstrebenden Mobilitätsbranche für die letzte Meile werden.

Mitarbeit und Video: Marco Weimer / Fotos: Hersteller

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