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Fällt ein Baum aufs Gleis? Diese Gründer sagen das Risiko von Schäden voraus

LiveEO analysiert Satellitenbilder und erkennt, wo Gefahren für Bahnstrecken, Stromleitungen und Pipelines drohen. Zuletzt gab es dafür ein Millioneninvestment.

Der verheerende Waldbrand im vergangenen Jahr in Kalifornien hätte vermieden werden können. Da ist sich Daniel Seidel sicher. Wie sich herausstellte, löste ein Defekt an einer Stromleitung das Feuer aus. Seidel hat zusammen mit Sven Przywarra das Startup LiveEO gegründet, das solche Katastrophen verhindern will. Der Namenszusatz EO steht für Earth Observation, Erdbeobachtung. Die Software der beiden Gründer und ihres Teams wertet Satellitenbilder von Pipelines, Bahn- und Stromtrassen aus. In diesem Jahr gab es das erste größere Investment: Dieter von Holtzbrinck Ventures investierte laut Przywarra im Februar 2019 einen mittleren siebenstelligen Betrag.

Die Raumfahrt fasziniert die beiden Gründer seit Kindertagen: Sie spielten begeistert Science-Fiction-Computerspiele und waren in den Welten von Star Wars und Star Trek zu Hause. Przywarra reichte das nicht. Es beteiligte sich mit dem Konzept eines Raumgleiters am Wettbewerb „Jugend forscht“ – mit überschaubarem Erfolg. Seidel schrieb sich an der Uni für ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik ein. Und als sie sich in einer Berliner Kneipe trafen und bis morgens um fünf Uhr ihre Ideen austauschten, war klar, dass sie gemeinsam ein New-Space-Startup gründen wollten. So erzählen es die Unternehmer heute.

Eigentlich hätten sie Hardware fürs All entwickeln wollen. „Doch dafür waren wir fünf Jahre zu spät“, erinnert sich Seidel. Längst hatten andere Unternehmen bei der Entwicklung von Kleinstsatelliten einen Vorsprung, den die Berliner Gründer nicht aufholen konnten. So schwenkten sie um und fokussierten sich auf Software. Das war 2016. Erst dachten sie, die Überwachung von Stränden mit Satellitenbildern sei eine gute Idee. Doch das war schwer zu vermarkten. So kamen sie auf die Idee, Infrastrukturnetzwerke zu monitoren – ihr heutiges Geschäftsmodell.

Deutsche Bahn wurde erster Kunde

Ein Pitchdeck öffnete den Gründern die Tür zum Mindbox-Accelerator der Deutschen Bahn, wo sie drei Monate an ihrem Projekt arbeiten konnten. Die Bahn war denn auch ihr erster Kunde: Die Datenanalyse hilft dem Verkehrsunternehmen zu erkennen, wo Bäume auf Schienen fallen können. Mehr als 800 Mal sei das zwischen 2015 und 2017 passiert, sagt Seidel. Jetzt ist es dem Startup gelungen, einen ersten Kunden in den USA an Land zu ziehen. Ein Stromkonzern mit einem Netz von 300.000 Kilometern Länge lässt Trassen von LiveEO überwachen, um Stromausfälle zu vermeiden.

LiveEO erstellt Risikoprofile unter anderem für Bahnstrecken: In den Rot markierten Bereichen stehen Bäume zu nah an den Schienen.

LiveEO erstellt Risikoprofile unter anderem für Bahnstrecken: In den rot markierten Bereichen stehen Bäume zu nah an den Schienen.

Big Data aus dem Orbit

LiveEO bezieht das Bildmaterial für sein Monitoring aus unterschiedlichen Quellen: von kommerziellen Satellitendiensten wie up42 oder Planet.com und vom öffentlichen europäischen Erdbeobachtungsprogramm Copernicus. Dabei handelt es sich um gigantische Datenmengen von mehreren Terabyte, die monatlich aktualisiert werden – oder auch tage- oder stundenweise, wenn der Kunde das bezahlt. Jedes Bild von zehn Kilometern Seitenlänge sei 1,5 Gigabyte groß, gibt Seidel ein Beispiel für das Volumen seiner Big-Data-Anwendung.

Die Rohdaten, die außer den sichtbaren Farben einer Fotografie auch ein Infrarot-Spektrum enthalten, durchlaufen automatisch einen lernenden Algorithmus, der jede Veränderung erkennt und eine Risikoanalyse vornimmt. So entsteht eine Landkarte, die rote, gelbe und grüne Trassenabschnitte zeigt. Sie hilft dem Netzbetreiber dabei, den Einsatz seiner Bautrupps zu priorisieren und damit Störungen vorzubeugen.

Die Technologie der Erdbeobachtung mit Satelliten ist noch jung. „Neue Satellitenkonstellationen geben uns neue Observationsmöglichkeiten mit einer höheren Auflösung und anderen Frequenzbereichen“, sagt Mitgründer Przywarra. Daraus ergeben sich neue Geschäftsmodelle: So können Radarsatelliten Höhenveränderungen zentimetergenau erkennen – bei Tag und Nacht im Stundentakt sowie bei allen Wetterbedingungen.

Mitbewerber mit hohen Investments

LiveEO ist nicht das einzige New-Space-Startup, das die Erde beobachtet. Die Mitbewerber sind üppiger finanziert und entwickeln auch eigene Hardware.

• Capella Space aus den USA, das mehr als 50 Millionen US-Dollar von Investoren erhalten hat, konzentriert sich auf Landwirtschaft, Naturkatastrophen und ähnlich wie LiveEO auf Infrastruktur-Monitoring. Die Amerikaner sind gerade dabei, eine eigene Konstellation von Radar-Satelliten im All zu installieren.

• Das finnische Startup ICEye – finanziert mit 65 Millionen US-Dollar – hat sich auf radargestützte Beobachtung spezialisiert und entwickelt eine eigene Radar-Satelliten-Konstellation. Überschwemmungen werden ebenso sichtbar wie der Bewuchs von Äckern. Küstenwachen können ihre Grenzen kontrollieren und Kapitäne in der Arktis werden vor Eisbergen gewarnt. Illegale Fischzüge lassen sich in Echtzeit ebenso aufspüren wie Ölteppiche auf hoher See.

Mit 100 Millionen will ein Berliner Investor Raumfahrt-Startups großmachen

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Bilder: LiveEO

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