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Minutenpreise beim Roller-Sharing sind ein schlechter Coup

Minutenpreise haben sich bei Sharing-Unternehmen durchgesetzt. Warum eigentlich? Denn sie sind unfair und gefährlich.

Die Kunden des Motorroller-Sharingunternehmens „Coup“, eine Tochter von Bosch, sind wütend. Das Unternehmen wird in wenigen Wochen sein Preismodell verändern. Nutzer bezahlen vom 1. April an 21 Cent pro Minute bei einer Mindestmietzeit von zehn Minuten. Bisher waren es drei Euro für 30 Minuten. Die Nutzer sollen künftig günstiger unterwegs sein, behauptet Coup, weil sie bei einer Fahrtzeit von 14 Minuten weniger bezahlen würden. 30 Minuten kosten ab April allerdings 6,30 Euro. Die Reaktionen der User können auf Facebook hier und hier nachgelesen werden.

Mietpreise fast auf Auto-Niveau

Es steht natürlich jedem Unternehmen frei, seine Preispolitik zu ändern. Ob es allerdings wirklich so klug ist, für einen Motorroller fast so viel zu verlangen wie für ein Carsharing-Auto, ist allein aus ökologischer Sicht mehr als fraglich. Das Argument, die Fahrten seien nun günstiger, kann ich zumindest nach Überprüfung meiner Buchungen aus dem letzten Jahr nicht bestätigen. Von meinen 43 Fahrten lagen 21 über 15 Minuten. Statt 132 Euro hätte ich 150 Euro bezahlen müssen. Das sind 14 Prozent mehr.

Minutenpreise sind im Sharingbereich zwar die Normalität, aber sie sind umstritten. Die Unternehmen weisen darauf hin, dass Minutenpreise für Kunden von Vorteil seien, weil sie nur die Zeit bezahlen, in der sie den Dienst wirklich nutzen. Kritiker weisen allerdings darauf hin, dass der Minutenpreis dafür sorgt, dass die Fahrer, um Geld zu sparen, sehr gehetzt unterwegs sind. Unfälle seien deswegen unumgänglich.

Macht es also Sinn ausgerechnet einen unfallanfälligen Motorroller mit einem Minutenpreis zu belegen? Coup musste auf Facebook die Kritik einstecken, dass die Firma ihre Kunden unnötigen Risiken aussetzt. Der direkte Konkurrent Emmy steht etwas besser da. Zwar hat man auch ein Minutenpreismodell (19 Cent/Minute), dafür gibt es keine Mindestmietzeit. 

Alternativen zu Minutentarifen

Es gibt durchaus andere Preismodelle. Die beiden Carsharing-Unternehmen „Miles“ (früher Driveby) und das gerade in Berlin gestartete Startup „Oply“ gehen einen anderen Weg. Bei Free-Floating Anbieter Miles zahlt man nur die Kilometer, die man fährt, bei Oply gibt es eine Stundenpauschale – was daran liegt, dass Oply eher Kunden sucht, die langfristiger Autos anmieten. Deshalb wird auch kein Freefloating-Modell angeboten. Der Vorteil dieser Modelle ist, dass Fahrer entspannter mit dem Auto unterwegs sind.

Minutenpreise, so bequem sie auf den ersten Blick sein mögen, unterstützen die wichtige Verkehrswende in den Städten nicht. Im Gegenteil, sie verhindern, dass mehr Menschen vom Auto auf alternative Angebote umsteigen. Bei einem Festpreis wissen Nutzer, was die gewünschte Mobilität ungefähr kosten wird. Bei Minutenpreisen kann es günstig sein, man kann aber auch im Stau stecken und der Zähler läuft unerbittlich weiter.

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Unkalkulierbare Kosten schrecken ab

Dabei sollten die neuen Angebote eigentlich dafür sorgen, dass die neue Mobilität unkomplizierter wird. Wenn Coup aber die Preise erhöht und die Kosten einer Fahrt nicht mehr kalkulierbar sind, schreckt das ab. Vor allem jene Kunden, die durchaus geneigt sind, ihr Auto abzuschaffen. Minutenpreise sorgen dafür, dass Nutzer am Anfang des Monats nicht wissen, was sie am Ende zahlen müssen. Würden die öffentlichen Nahverkehrsbetriebe mit Minutenpreisen arbeiten und die Kosten für Verspätungen auf die Kunden abwälzen – kaum jemand würde den ÖPNV nutzen.

Es wird Zeit, dass die Sharinganbieter ihre Preispolitik überdenken. Entweder errechnen sie einen Festpreis pro Strecke, der vor einer Buchung wie bei Uber angezeigt wird, oder sie kommen dem Kunden entgegen und bieten transparente Pakete an. Minutenpreise nutzen niemandem. Vielleicht erkennen das dann auch die anderen Motorroller-Verleiher, die gerüchteweise in diesem Jahr noch in Berlin starten wollen.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

Bild: Coup

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