Das Mobility-Startup aus dem Valley, an das BMW und die Allianz glauben

Nauto gehört zu den Mobility-Aufsteigern des Silicon Valleys. Gründer Stefan Heck hat Investoren aus der Auto- und Versicherungsbranche von seiner Vision überzeugt.

Es ist eine typische, nicht besonders schöne Lagerhalle in Palo Alto, doch der erste Eindruck täuscht. Hinter der hellen Rezeption stehen schwere Motorräder als teure Dekoration. Im Labor gibt es Lasercutter, 3D-Drucker und CNC-Maschinen – und mitten in dem riesigen Raum ist ein geräumiger Spielplatz mit Metallrutsche aufgebaut. Er ist wichtig, denn er stellt das Symbol für diesen Ort dar: Hier ist Playground Global zu Hause, der VC des Android-Gründers Andy Rubin, der mit 300 Millionen Dollar in Hardware-Startups investiert. Einige davon finden in dem Coworking-Space ihr Zuhause – so auch das Mobility-Startup Nauto, an dem sich der Investor schon früh beteiligt hat.

Der Österreicher Stefan Heck hat Nauto im April 2015 gegründet. Obwohl das Startup erst knapp drei Jahre alt ist, hat Heck für sein Unternehmen bereits mehr als 170 Millionen US-Dollar Kapital erhalten. Erst diesen Sommer gaben renommierte Investoren wie BMW iVentures, General Motors, Greylock, SoftBank und Toyota den Großteil davon: 159 Millionen Dollar. Auch der deutsche Versicherungskonzern Allianz ist bei Nauto investiert.

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Das Startup wirbt damit, den Straßenverkehr sicherer machen zu wollen. „In den USA steigt die Zahl der Toten bei Autounfällen“, sagt Jennifer Haroon, Vice President im Business Development, gegenüber Gründerszene. Dabei habe man bereits Technik, die helfen könne, Unfälle zu verhindern.

Dafür hat Nauto ein Gerät entwickelt, das in kommerziellen Fahrzeugflotten wie denen von Taxiunternehmen eingesetzt werden kann. Es filmt den Fahrer und gleichzeitig die Straße vor ihm. Die innere Kamera erkennt mithilfe von Algorithmen, ob der Fahrer abgelenkt ist und beispielsweise aufs Handy schaut. Ereignisse wie starkes Bremsen oder zu dichtes Auffahren identifiziert das Gerät ebenfalls. Das Videomaterial solcher Momente wird dann in eine Cloud hochgeladen und dort ausgewertet.

KI soll Unfälle reduzieren

Anhand dieser Daten soll ein Flottenmanager sehen können, welche Fahrer mehr Training benötigen. Er bekommt eine detaillierte Übersicht, die zeigt, wer sich wo aufhält und kann einen sogenannten Risikoscore errechnen lassen, der die gesammelten Informationen wie die Fahrtdauer und Häufigkeit von Ablenkungen berücksichtigt.

Den Fahrern selbst könne eine solche Auswertung dabei helfen, sich zu verbessern, argumentiert Haroon. Gleichzeitig bedeutet sie aber auch eine genaue Überwachung ihrer Arbeit. Laut Haroon ist das allerdings nur selten ein Problem. Es sei dann wichtig, verunsicherten Fahrern das System zu erklären: „Es wird zum Beispiel nicht die ganze Fahrt hochgeladen, sondern nur ein Ausschnitt, wenn ein Ereignis eintritt, das die Sensoren erfasst haben“, sagt Haroon. Üblicherweise könne man die Zweifel ausräumen – gerade bei Fahrern, die Passagiere transportieren, weil deren Verantwortung besonders groß sei.

Die Daten können außerdem helfen, bei einem Unfall den Verantwortlichen zu finden. Das macht Nautos Entwicklung nicht nur für die Mobilitätsbranche, sondern auch für Versicherungen interessant. Die Hoffnung der Industrie: Betrugsversuche abwehren.

Die Kamera von Nauto

In wie vielen Fahrzeugen Nautos Geräte bereits installiert sind, verrät das Unternehmen nicht. Es heißt lediglich, dass bisher mehr als eine Million Meilen zurückgelegt worden seien. Bei Geschäftszahlen hält sich Nauto generell bedeckt: Auch wie viel Geld das Startup mit seinen Kameras und der dazugehörigen Software umsetzt, bleibt geheim.

Der Geschäftszweig ist nicht die einzige Einkommensquelle des Startups, das etwa 100 Mitarbeiter beschäftigt. Nauto sammelt die Daten der verschiedenen kommerziellen Flotten, in denen Nautos Geräte installiert sind. So entsteht Material, welches bei der Entwicklung autonom fahrender Autos hilfreich sein kann. Die Daten werden aggregiert und anonymisiert in einer Cloud zur Verfügung gestellt. Wie genau Nauto damit Geld verdient, erklärt das Unternehmen nicht. „Sagen wir mal so: Es gibt Unternehmen, denen diese Informationen etwas wert sind“, sagt Haroon nur.

„Wir werden Menschen nicht von unseren Straßen verbannen“

Für Nauto ist es wichtig, möglichst viele gefahrene Kilometer anzusammeln. Je mehr Daten das Startup vorweisen kann, desto zuverlässiger werden die Informationen, die daraus abgeleitet werden können. Um weiter zu wachsen, ging das Startup aus Palo Alto vor Kurzem seine Expansion an: Europachef wurde der deutsche Manager Frank Bunte, der das neue Büro in Dublin leitet. Vergangenen Sommer ist außerdem eine japanische Tochterfirma hinzugekommen.

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Während sich laut Nauto-Gründer Heck die meisten Entwickler auf autonomes Fahren auf Autobahnen konzentrieren, schaut sich sein Startup vor allem das urbane Fahren an. „Wir werden Menschen nicht von unseren Straßen verbannen, das wird nicht passieren“, sagte Heck, der zuvor Professor an der Stanford University und Unternehmensberater bei McKinsey war, kürzlich in einem Podcast. Daher sei es besonders wichtig, den Verkehr erfassen zu können, der permanent von menschlichem Verhalten geprägt werde. „Einerseits gibt es 15 Prozent der Fahrer, die nie einen Unfall verursachen. Andererseits sind da 15 Prozent, die an 86 Prozent aller Unfälle Schuld sind“, so Heck. „Wenn du ein autonom fahrendes Auto baust, willst du, dass es im Verkehr mit all diesen Fahrern richtig reagiert.“

Nautos Künstliche Intelligenz soll die richtigen Daten liefern. Besonders schwierig ist es dabei, genügend Informationen über seltene Verkehrssituationen zu sammeln. Die Algorithmen sollen nun aber auch schon eine Wirkung haben: Heck will sie dazu nutzen, um Fahrer während der Fahrt zu warnen – zum Beispiel, wenn sie zu dicht auffahren oder unaufmerksam sind. „Wir alle werden schlechte Fahrer, wenn wir abgelenkt sind“, so Heck. Das sei die häufigste Ursache für Unfälle. In Künstlicher Intelligenz sehe er deswegen ein wichtiges Werkzeug: „Ich verstehe sie nicht als Technologie, die mich irgendwann in einen Cyborg verwandeln und unsterblich machen wird,“ sagt der Gründer. Vielmehr sehe er sie „wie früher ein Telefon oder einen Hammer“.

Bilder: Nauto

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