Trends, Innovationen und Digitales aus dem Mobilitätsbereich

Automotive-Leiter von Nvidia: „Software zählt mehr als der Motor“

Der Chiphersteller Nvidia stürzt sich in Hunderte von Partnerschaften mit der Automobilbranche. Was das Unternehmen noch so vorhat, verrät der verantwortliche Manager.

Bevor Forscher im Bereich selbstlernende Systeme vor gut sechs Jahren erstmals Nvidia-Chips für das Training ihrer Algorithmen einsetzten, war die Firma aus Kalifornien vor allem dafür bekannt, schnelle Grafikkarten für PC-Spieler zu bauen. Diese Zielgruppe war lukrativ, aber überschaubar, der Aktienkurs dümpelte bei unter 15 Dollar vor sich hin.

Der Boom der künstlichen Intelligenz (KI) änderte alles: Plötzlich war Nvidia der Anbieter, der die Schaufeln im Goldrausch lieferte. Als Unternehmenschef und Gründer Jensen Huang die Autobranche als Abnehmer für seine Chips entdeckte, wurde aus dem kleinen 3-D-Grafik-Entwickler der KI-Marktführer Nvidia.

Mittlerweile ist Huang Partnerschaften mit mehr als 300 Firmen aus der Autobranche eingegangen, die Aktie ist knapp 230 Dollar wert. Danny Shapiro, Nvidias Senior Director Automotive, erklärt, was das Unternehmen in der Autobranche noch so vorhat.

Vor einigen Jahren war Nvidia noch ein Grafikkarten-Hersteller für PC-Spieler. Wie haben Sie es zum Auto-Zulieferer gebracht?

Wir haben das Glück, dass die Rechenaufgaben zur Simulation einer Spielewelt in 3-D dieselben sind, die auch für das Training von künstlicher Intelligenz oder zur Steuerung eines Autos gelöst werden müssen. Unsere Chip-Architektur ist sehr effizient darin, diese Aufgaben zu lösen. Als wir bei Nvidia das vor ein paar Jahren bemerkt haben, haben wir damit begonnen, neue Geschäftsfelder für unsere GPUs zu erschließen.

Sie liefern bereits seit einigen Jahren Supercomputer für das Training von künstlicher Intelligenz. Aber was hat das mit dem Automarkt zu tun?

Die Kernaufgabe eines selbstfahrenden Autos ist die Fusion aller Daten von Kameras, Radarsensoren und digitalen Karten zu einem Echtzeit-Abbild der Realität, in der es sich sicher bewegen muss. Dafür braucht es einen Supercomputer – einen, der nicht den gesamten Kofferraum belegt und der so wenig Strom verbraucht, dass auch ein Elektroauto keine Reichweite einbüßt. Mit Drive Xavier haben wir auf Basis unserer Grafikchips eine solche Plattform gebaut, und wir liefern das Betriebssystem dazu.

Folge NGIN Mobility auf Facebook!

Wie verändert sich dadurch die Autobranche?

Klassische Autos haben für jede Funktion ein Steuergerät von unterschiedlichen Zulieferern – die dynamische Fahrzeugsteuerung mit ESP kommt von einem Hersteller, das Hi-Fi-System von einem anderen, die Assistenzsysteme von einem dritten Anbieter. Doch diese Wertschöpfungskette ändert sich gerade radikal: Nun werden immer mehr dieser Funktionen durch Software-Apps ausgeführt, die auf einem Computer laufen, der von einem Anbieter kommt – am liebsten natürlich von uns.

Was bedeutet das für die Autokäufer?

Die Kunden interessiert immer weniger, wie ein Auto beschleunigt oder wie es klingt. Stattdessen ist relevant, wie sicher das Auto ohne Fahrer fährt. Daraus ergibt sich die Frage, wie man seine Zeit im Auto nutzen kann: Etwa in dem man einen Film anschaut oder seine geschäftlichen E-Mails erledigt. Die Leistung der Software an Bord zählt also künftig mehr als die Leistung des Motors.

Sehen wir also demnächst Autos auf den Straßen, bei denen „Nvidia Inside“ auf dem Kofferraum steht?

Das vielleicht nicht – aber ich würde liebend gerne das Nvidia-Logo beim Einschalten auf dem Cockpit-Bildschirm zeigen.

Könnte Nvidia zum Autohersteller werden, bei dem die Karosserie und der Motor nur noch zugeliefert werden?

Niemand kann ein selbstfahrendes Auto allein bauen. Nvidia hat den Supercomputer und das Betriebssystem sowie die Anwendungen, um die Sensordaten zu einem Lagebild zu fusionieren. Doch die Sensoren selbst können wir nicht liefern, und auch die Kartendaten haben wir nicht. Deswegen setzen wir auf gleichberechtigte Partnerschaften. Die Zulieferkette ist nicht länger vertikal.

Was heißt das für die Wertschöpfung?

Wir können nur die Hardware liefern, und die Hersteller schreiben die Software dazu selbst. Oder wir schreiben auch die komplette Softwareumgebung und trainieren die künstliche Intelligenz dazu. Dann liegt ein Großteil der Wertschöpfung bei uns. Die Drive-Plattform ist offen angelegt – auch für neue Anwendungen wie etwa Gesichtserkennung oder 3-D-Entertainment im Cockpit. Für den Prozessor sind das alles nur Daten, die er verarbeiten muss. Wir setzen künstliche Intelligenz als Hebel ein, um alles im Auto zu ermöglichen.

Lassen die klassischen Autohersteller einfach so zu, dass Sie eine derart wichtige Rolle in ihrem Produkt bekommen?

Aktuell muss jeder seine Rolle in dieser neuen Autowelt neu finden. Dazu gilt es, die richtigen Partner zu haben. Wir arbeiten zum Beispiel mit Volkswagen und Audi zusammen, mit ZF, mit Uber, mit Baidu Apollo – wer welche Aufgaben dabei übernimmt, ergibt sich erst in der Zusammenarbeit. Wir bringen den Supercomputer mit an den Tisch. Der Rest wird sich finden.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Welt.de.

Bild: Nvidia GmbH

Folge NGIN Mobility auf:

In Kooperation mit
amplifypixel.outbrain