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Auch Project A wettet auf Elektro-Scooter – Voi sammelt 26 Millionen ein

In drei Monaten sollen elektronische Tretroller auch in Deutschland zugelassen werden. Das schwedische Startup Voi steht in den Startlöchern.

Der schwedische Elektro-Scooter-Vermieter Voi hat eine weitere Finanzierungsrunde abgeschlossen. Erst im vergangenen November sammelte das Unternehmen 44 Millionen Euro ein. Diesmal fließen 26 Millionen Euro auf das Konto des Mobilitäts-Startups. Leadinvestoren sind der Berliner VC Project A und Creandum. Die Altinvestoren, darunter Balderton Capital, sind ebenfalls an der Runde beteiligt. Mit welcher Zahl an Fahrzeugen und in welchen Städten Voi an den Start gehen wird, ist noch unklar.

Voi schließt die Finanzierung nur wenige Tage nach der Finalisierung der Elektrokleinstfahrzeugeverordnung (EKF) durch das Bundesverkehrsministerium ab. Das Papier liegt nun zur Genehmigung bei der Europäischen Kommission, die dafür drei Monate Zeit hat. Danach entscheidet der Bundesrat, so dass die Verordnung im Mai in Kraft treten könnte.

Schon Zwölfjährige dürfen mit den Rollern fahren

Wie berichtet, hat das Ministerium die Verordnung überarbeitet: Die ursprünglich geplante Führerscheinpflicht wurde gestrichen, das Gehweg-Fahrverbot teilweise aufgehoben. Neu ist, dass es zwei Klassen von Elektrotretrollern geben soll: Fahrzeuge mit einer Höchstgeschwindigkeit von zwölf Stundenkilometern (km/h) sind für Fahrer ab zwölf Jahren zugelassen und dürfen auf Bürgersteigen fahren. Roller mit 20 km/h Spitzengeschwindigkeit für Fahrer ab 14 Jahren müssen Radwege benutzen, und, wenn diese nicht vorhanden sind, Straßen.

Beibehalten wurde die Versicherungspflicht. Eine Helmpflicht soll es nicht geben. „Die Mikromobilität – etwa E-Scooter und Hoverboards – hat ein enormes Zukunftspotenzial“, erklärte Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), der das neue Verkehrsmittel gerne auf den Fluren seines Ministeriums vorführt. 

Die Verordnung findet in der Szene der Mobilitäts-Startups ein geteiltes Echo, wie der Blick in soziale Netzwerke zeigt. Sie wird zwar grundsätzlich positiv aufgenommen. Dennoch stellen sich einige die Frage, ob es dazu eines 50-seitigen Dokuments bedurfte, das in deutscher Gründlichkeit selbst millimetergenau die Größe des Nummernschildes festlegt. „In anderen Ländern wurde das einfacher geregelt“, heißt es bei Voi, wo man aber auch anerkennt, dass eine solche Verordnung „kein Wunschkonzert“ sei.

Unfallmeldungen aus den USA

Aus den USA, wo Tretrollerfahrer seit einem Jahr die Straßen erobern, wird eine Häufung schwerer Unfälle mit Knochenbrüchen berichtet und über unsachgemäß abgestellte Roller, die Gehwege blockieren, weil sich die Vermietfirmen nur unzureichend um ihre Flotten kümmern. San Francisco griff deshalb zu drastischen Schritten und entzog Firmen für drei Monate die Betriebsgenehmigung.

Zumindest bei Voi sind solche Probleme bislang nicht aufgetreten, was möglicherweise an der guten Infrastruktur für Zweiräder auf dem Heimatmarkt Schweden liegt: Unfälle und Versicherungsschäden seien dort bislang unbekannt, sagt Claus Unterkircher, der das Deutschland-Geschäft von Voi verantwortet.

Dialogbereitschaft mit Behörden

Die Gefahr des Vandalismus ist zumindest bei einigen Branchenvertretern angekommen, die ihre Kundschaft zum sorgsamen Umgang mit den neuen Verkehrsmitteln warnen. So stimmt etwa Voi versöhnliche Töne an, ermahnt die Kunden zur Rücksichtnahme und signalisiert Kooperationsbereitschaft in Richtung Kommunen. Fredrik Hjelm, CEO von Voi, nennt in einer Mitteilung „Dialog, Transparenz und Nachhaltigkeit“ als Maximen seines unternehmerischen Handelns. Voi will sich den Ärger ersparen, den sich vor allem chinesische Fahrradvermieter im vergangenen Jahr weltweit eingehandelt haben. 

Offene Kautionen, Insolvenzverwalter bestellt – Obike in der Krise

In München hatten die Leihräder für Ärger gesorgt. Jetzt wurden am Firmensitz in Singapur zwei Insolvenzverwalter für Obike bestellt. Das Startup schweigt.

Die neuen Fahrzeuge provozieren einen Verteilungskampf um den knappen öffentlichen Raum. Der Fußgängerschutzverein Fuss warnt vor der Unfallgefahr durch die lautlosen Roller auf Gehwegen. Die im ADFC versammelte Radfahrerlobby hingegen polemisiert etwa auf Twitter, weil sie die Radwege offenbar gerne für sich alleine hätte. Die kaum kontrollierbare Unterteilung der Fahrzeuge in zwei Tempo-Klassen dürfte die größte Schwachstelle der EKF sein – zumal man die voreingestellte Tempo-Begrenzung mit einem Doppelklick löschen kann, wie „Computerbild“ zeigte.

Umstrittenes Geschäftsmodell

Abgesehen von all diesen regulatorischen Fragen bleibt abzuwarten, ob sich das Geschäftsmodell der Verleihfirmen überhaupt rechnet. Die heute von Sharingdiensten genutzten Fahrzeuge wurden nicht für einen professionellen Betrieb konstruiert, heißt es in der Branche. Vermietfirmen rechnen mit einer Haltbarkeit von höchstens drei Monaten. Eine am Wochenende bekannt gewordene Datenanalyse spricht gar von nur 28,8 Tagen bis zur Schrottreife.

Es dürfte schwierig sein, in dieser kurzen Zeit den Kaufpreis (ein Scooter Ninebot ES2 kostet im Onlineshop 619 Euro), Service und Instandhaltung und idealerweise einen Gewinn für den Vermieter einzufahren. Kürzlich hatte sogar ein Manager des Ninebot-Herstellers Segway Zweifel an dem Geschäftsmodell geäußert. 

Voi ist der Ansicht, dass Miet-Scooter wegen ihrer häufigen Nutzung dennoch nachhaltiger sind als private Tretroller – und erst recht als Autos. Allerdings entwickelt das Startup gerade ein robusteres Modell, das in der Anschaffung zwar teurer ist, aber auch länger hält.

Die durchschnittliche Fahrtstrecke liegt bei zwei Kilometern 

Die Akzeptanz steige und die durchschnittliche Fahrstrecke sei auf zwei bis drei Kilometer gestiegen, sagt der Deutschland-Chef Claus Unterkircher. In Skandinavien, wo das Startup zuhause ist, sehe man immer mehr Anzugträger auf den Tretrollern stehen.

Voi nimmt bei einer Vermietung einen Euro Startgebühr und dann 15 Cent pro Minute und unterscheidet sich damit kaum von den Mitbewerbern. Das klingt zunächst wenig, summiert sich aber schnell zu einem Kostenfaktor. Wer an jedem Arbeitstag die in diesem Kontext viel zitierte „letzte Meile“ mit einem Scooter zurücklegt, ist pro Monat schnell 50 Euro los. Das ist kaum weniger als eine Monatskarte bei der Berliner BVG (64 Euro im Abo) kostet.


BVG stellt neue Universal-App für Scooter, Carsharing und Bahnen vor

Alle Verkehrsmittel in einer App? In Berlin soll das nun möglich sein. Das Startup Trafi und die BVG bringen unterschiedliche Mobilitätsangebote zusammen.

Startup Voi lehnt Übernahme ab

Investoren wittern das große Geschäft, wenn in diesem Frühjahr Elektro-Tretroller den deutschen Markt überfluten. Sie pumpen Millionen in europäische Startups, von denen die erfolgreichen gute Chancen haben, von milliardenschweren US-Branchenriesen gekauft zu werden oder untereinander zu fusionieren.

Gespräche hat es auch mit Voi gegeben, wie CEO Fredrik Hjelm bestätigt. „Angesichts unserer derzeitigen Dynamik und unserer Marktführerschaft sind wir jedoch entschlossen, als unabhängiger Betreiber zu expandieren“, antwortet Hjelm auf Anfrage. „Wir haben ehrgeizige Pläne, in diesem Jahr unseren Service in die Städte Europas zu bringen.“

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Bild: VOI, Elliot Nyhlin

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