Trends, Innovationen und Digitales aus dem Mobilitätsbereich

„Wir lösen den Unterschied zwischen Autovermietung und Carsharing auf“

Der Autovermieter Sixt will die Carsharing-Projekte der Automobilkonzerne BMW und Daimler angreifen – mit einer App für Vermietung, Sharing und Taxi-Dienste in einem.

Der Autovermieter Sixt startet ein neues Mobilitätskonzept. Vor mehreren Monaten hatte das Unternehmen seine Anteile am zusammen mit BMW betriebenen Joint Venture Drivenow verkauft. Bereichsvorstand Nico Gabriel spricht im Interview mit Gründerszene und NGIN Mobility über die Strategie seines Unternehmens und die Visionen von Sixt für die Mobilität der Zukunft: Er erwartet eine De-Individualisierung und Demobilisierung der Gesellschaft.

Herr Gabriel, Sie sind von Drivenow zu Sixt zurückgekehrt, um dort neue Mobilitätdienste aufzubauen. Ein erstes Angebot ist Sixt Share. Worin unterscheidet es sich von anderen Diensten?

Sixt Share wird Autos für jeden Bedarf anbieten – von mehreren Minuten, über mehrere Tage bis hin zu mehreren Wochen. Wir bringen dabei unsere Erfahrung ein [aus dem Joint Venture Drivenow mit BMW, Anm. d. Red.] und verfügen über das entsprechende Knowhow – insbesondere im Bereich IT und Software-Entwicklung.

Was bietet Sixt Share denn ganz konkret?

Wir starten heute in Berlin und demnächst auch in weiteren deutschen Städten stationsunabhängiges Carsharing. Zusätzlich zu den üblichen Features verbinden wir Autovermietung und Carsharing. Mit Sixt Share können Sie mit dem Auto zum Beispiel auch nach Köln fahren und es dann bei einer Station abgeben. Nutzer müssen dann nicht mehr überlegen, ob sie das Auto mal länger oder kürzer brauchen. Die Unterscheidung zwischen Autovermietung und Carsharing lösen wir auf.

Wo sehen Sie Ihren Vorteil gegenüber Anbietern, die ausschließlich Free Floating anbieten?

Eines der Top-Themen für Free-Floating-Kunden ist die Begrenzung der Reichweite auf ein Geschäftsgebiet. Wir sind angetreten, eine Lösung zu bieten, die auf diese Problematik zielt.

Die neue Sixt-App.

Die neue Sixt-App.

Sixt hat einen „Big Bang“ angekündigt. Was verbirgt sich dahinter?

Wir bieten ab heute eine einzige App für die Themen Autovermietung (Sixt Rent), Share (Sixt Share) und Ride (Sixt Ride). Sixt Ride bietet die Buchung des klassischen Taxis in Deutschland und von Ridehailing-Diensten im Ausland. Buchung und Rechnungslegung erfolgt über die Sixt-App.

Kunden müssen also nicht mehr am Schalter des Autovermieters anstehen?

Im Rahmen von Sixt Rent digitalisieren wir zunächst den Anmietprozess. Das haben wir im letzten Jahr an unseren sechs größten Airport-Stationen in Europa getestet – in Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg, München, Berlin und Amsterdam Schiphol. Das Angebot erweitern wir ab heute auf zehn Flughäfen und weitere Stationen in Stadtgebieten. Mittelfristig wollen wir das an jeder Station anbieten. Zudem sollen an bestimmten Standorten wie Parkplätzen und Supermärkten digitale Stationen ohne einen Counter entstehen, wo Kunden mit der App ihr Auto übernehmen können. Das heißt nicht, dass wir den Counter einsparen wollen, denn wir haben mit unserer internationalen Klientel viele Kunden mit Beratungsbedarf.

Sind denn schon alle rund 240.000 Fahrzeuge technisch so ausgestattet, dass man sie mit der App öffnen kann?

Aktuell können wir mehrere Tausend Fahrzeuge mit der App öffnen. Mittel- und langfristig wollen wir den größten Teil unserer Fahrzeuge mit dieser Technologie ausstatten.

Ist Carsharing, wie Sixt es plant, ein skalierbares und profitables Geschäftsmodell?

Ich glaube, dass das funktioniert, weil wir Nachfrageschwankungen in Städten durch die große Flotte ausgleichen können. Wenn im Carsharing eine hohe Nachfrage besteht, können wir Fahrzeuge aus der Autovermietung auch im Carsharing nutzen und umgekehrt. Es wird in der Zukunft keine Unterscheidung zwischen Autovermietung und Carsharing geben. Jedes Fahrzeug wird in jedem Modus fahren können.

Die Joint Ventures von BMW und Daimler sind eine Hochzeit aus Angst

Dass zwei so große Rivalen ihre digitalen Dienste zusammenlegen, ist ungewöhnlich. Doch die Autobauer wollen lieber gemeinsam kämpfen als gegeneinander – aus Furcht.

Wie wird sich der Carsharing-Markt verändern?

Wir sehen beim Carsharing in Deutschland etwa 20 Prozent jährliches Wachstum im Mitglieder-Bereich und auch ein Wachstum bei den Fahrzeugen – gerade bei stationsbasierten Konzepten. Free-Floating-Carsharing ist allerdings in kleineren und mittleren Gemeinden schwierig. Aber da sehe ich Chancen für unser Modell, weil wir Fahrzeuge zwischen der Autovermietung und dem Carsharing hin- und herschieben können und somit auch kleine Flotten nachhaltig betreiben können.

Gibt es beim Carsharing nationale Präferenzen?

Carsharing ist in Europa besonders stark, weil der Ridehailing-Markt immer noch stark reguliert ist. Es wird spannend, wenn sich das ändert. Die Skalierbarkeit muss sich zeigen.

Welche Bedeutung spielt die Elektromobilität im Geschäftsmodell der Autovermietung?

Die Nachfrage ist hier wegen der aktuell noch geringen Reichweite seitens der Kunden nicht besonders groß. Der durchschnittliche Kunde der Autovermietung benötigt eine Reichweite von 300 bis 400 Kilometern, die er sorgenfrei zurücklegen kann. Es gibt nur wenig Elektroautos, die das heute können.

Gibt es diese Angst auch beim Carsharing?

Das ist keine Angst, sondern eher Zurückhaltung. Im Carsharing geht es eher in Richtung Elektrofahrzeug, weil die Strecken mit durchschnittlich 12-15 Kilometer deutlich kürzer sind. Weil wir Autovermietung und Carsharing zusammenbringen wollen, stehen wir weiter vor dem Reichweitenproblem. Denn wir wollen die Fahrzeuge ja für beide Angebote.

Sixt in Zahlen:

  • 2,6 Milliarden Euro Umsatz,
  • 356 Millionen Euro Gewinn im Jahr 2017,
  • insgesamt 20 Millionen Kunden

Wie wollen Sie das Problem der Ladeinfrastruktur lösen?

Die Infrastruktur ist stark dezentral und wir haben höhere Aufwände als im Verbrennerbereich, die Fahrzeuge zu laden. Daher haben wir zum Beispiel in das Startup Chargery investiert, die uns mit ihren mobilen Ladestationen beim Einsatz unserer Elektrofahrzeuge unterstützen. Zudem verhandeln wir mit Städten und Gemeinden über einen weiteren Ausbau der Ladeinfrastruktur, denn mittelfristig wird der Anteil der Elektrofahrzeuge stark steigen.

Wann erwarten Sie das Sharing autonomer Fahrzeuge? Und wo sehen Sie Ihr Unternehmen auf diesem Geschäftsfeld?

Die Frage ist aktuell noch schwierig zu beantworten. Sixt könnte da verschiedene Rollen einnehmen. Wir sind mit den verschiedensten Partnern im Gespräch und in verschiedene Projekte involviert. Aber es ist zu früh, um hierzu eine konkrete Aussage zu treffen.

Wie stellen Sie sich die urbane Mobilität nach dem Rückgang der privaten Autonutzung in ihrer heutigen Form vor?

Das ist genau das, was wir mit unserem neuen Produkt, der App und der darunter liegenden Plattform vorhaben, weil wir erkannt haben, dass die Zukunft der Mobilität integriert sein muss. Das Klein-Klein, dass jeder den Kunden und die Kundendaten besitzen will, muss aufhören. Ich glaube, es ist Platz für viele Player. Aber es muss eine integrierte Lösung geben. Die Integration von Autovermietung, Sharing und Ridehailing inklusive Taxi ist die erste Antwort auf dieses Problem. Wir werden jeden dieser Bereiche ausweiten. Und wenn es Sinn macht, werden wir die Plattform erweitern. Es geht darum, dass man Relevanz für den Kunden hat und ihm eine Lösung mit einem Login und einer Zahlungsmethode bietet. Beim Ridehailing starten wir mit 1500 Partnern und einer mehr als einer Million Fahrern weltweit.

Fast 2,5 Millionen Carsharing-Nutzer in Deutschland

Immer mehr Deutsche fahren in den zeitweise mietbaren Autos durchs Land. Am beliebtesten sind Freefloater, also Carsharing-Autos, die Nutzer überall abstellen können.

Wie wird sich die Mobilität in der Zukunft verändern?

In unserer Zukunftsforschung haben wir uns mit verschiedenen Szenarien für die Zeit 2040 bis 2050 beschäftigt. Das eine ist die De-Individualisierung der Mobilität [weil ein geteiltes Auto den Privatwagen ersetzt, d.Red.]. Das andere ist die Demobilisierung. Bei der Demobilisierung gehen wir davon aus, dass sich Menschen sehr viel weniger zu Büros in Innenstädten bewegen werden und sehr viel mehr von zu Hause oder in wohnortnahen Hubs arbeiten. Die Bedeutung des E-Commerce wird weiter zunehmen, das heißt Menschen werden weniger in die Stadt fahren, um dort einzukaufen. Wir glauben, dass dadurch eine Demobilisierung stattfindet. Mobilität wird mehr innerhalb von Quartieren stattfinden und in Städten nicht mehr so stark von außen oder nach innen oder umgekehrt.

Werden alle Sixt-Fahrzeuge vier Räder haben?

Im aktuellen Angebot ja. Ich glaube aber auch, dass wir uns vorstellen können, weitere Partner zu gewinnen und die müssen nicht vier Räder haben. Bei der Mikromobilität – also beim Thema E-Scooter – wird momentan sehr viel Geld investiert, um in Deutschland und in Europa einen Markt aufzubauen. Das ist nicht unsere Herangehensweise. Mit unserer App stellen wir technologisch eine Plattform zur Verfügung, auf der wir jeden weiteren Partner integrieren könnten. Dadurch wollen wir die Relevanz unseres Angebots steigern.

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Bilder: Sixt / Gründerszene

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